Politik | Inland
04.09.2016

Salcher: "Was sich im Schulsystem wirklich ändern muss"

Der Schulexperte und Autor fordert massive Reformen, sonst produzieren wir weiterhin "Dynastien an Sozialhilfeempfängern".

KURIER: Herr Salcher, die neue Unterrichtsministerin Sonja Hammerschmid wurde mit vielen Vorschusslorbeeren bei ihrer Bestellung zur Ministerin bedacht. Kann Sie erfolgreicher als ihre Vorgängerinnen sein?

Andreas Salcher: Sie ist sicher eine kluge Frau und hat den Vorteil von außen zu kommen, aber innerhalb kürzester Zeit ist jede Ministerin von dem System gefangen genommen. Ein Bildungsminister alleine kann in dieser Machtkonstellation maximal eine etwas bessere Öffentlichkeitsarbeit machen, aber keine notwendige Reformen. Zugespitzt formuliert könnte man folgenden Vergleich anstellen: Zuerst legen die Länderchefs der Ministerin die Fußfessel an, zusätzlich bindet ihr die Lehrergewerkschaft die Hände am Rücken zusammen. Dann lehnen sich alle zurück und sagen: "So und jetzt lauf". Das kann so nicht funktionieren.

Bevor Ministerin Heinisch-Hosek aus dem Amt geschieden ist, wurde der erste Teil der Bildungsreform im Ministerrat beschlossen. Ein kleiner Schritt, aber zumindest ein Schritt …

Die ohnehin nicht sehr ambitionierten Pläne zur Bildungsreform vom November des Vorjahres sind zu 95 Prozent (!) unerfüllt geblieben, obwohl es ganz genau Deadlines für die Umsetzung gibt. Die gesamte Energie der Entscheidungsträger ist in den Kampf um die Lehrer zwischen Bund und Ländern und die Prozentzahlen der Gesamtschulen in den Bildungsregionen gegangen. Ich kenne keinen relevanten Politiker, der unter vier Augen daran glaubt, dass es noch zu einer großen Bildungsreform kommen wird. Diese ist de facto abgesagt, das traut sich nur niemand zu sagen. Das so wenig passiert, hat selbst mich überrascht. Ich appelliere jetzt an die Entscheidungsträger beider Regierungsparteien, dass sie das Thema der Schulorganisation abhaken sollen. Das ist ein Machtkonflikt, wo keiner einen Millimeter nachgeben wird und steckt die Energie in Reformen, die machbar sind. Aber auch hier muss man sich trauen einige Tabus anzugehen.

Sie fordern schon seit Langem die Ganztagsschulen. Vor der Sommerpause wurde ein 750 Millionen schweres Ganztagsschulpaket verabschiedet. Allerdings dauert die Umsetzung neun Jahre. Ein Kind, das jetzt eingeschult wird, kommt gar nie in den Genuss dieser Unterrichtsform. Geht das nicht schneller?

Natürlich geht das auch schneller. Aber auch hier gibt es einen ideologisch unüberwindbaren Konflikt. Unter Ganztagsschule versteht man eine verschränkte Form des Unterrichts. Das Argument, man muss die Wahlfreiheit der Eltern und Kinder wahren und deswegen bietet man eine Nachmittagsbetreuung an, ist lächerlich, solange das Angebot an echten Ganztagsschulen so gering ist. Diese sind aber die einzige Chance, die Ausbildung der bildungsfernen Schichten, die durch die Flüchtlingsproblematik noch verschärft wurde, zu verbessern und in den Griff zu bekommen. Mit einem System, das nur so funktioniert, dass die Eltern jeden Tag mit den Kindern den Unterrichtsstoff lernen, den sie am Vormittag nicht verstanden haben, können wir die Flüchtlingsproblematik nicht lösen. Wir sind eines der ganz wegen Länder in der OECD, wo die Kinder der zweiten Migrantengeneration schlechter Deutsch sprechen als die Kinder der ersten Migrantengeneration. Dazu kommt: Wir haben jetzt auch Flüchtlinge, die Analphabeten sind oder noch nie in ihrem Leben beschult wurden.

Nächste Woche wird die Notverordnung in Begutachtung geschickt. Sie sehen im Bildungssystem einen Notstand aufgrund der Flüchtlinge?

Selbstverständlich. Die mutige Mittelschuldirektorin Andrea Walch hat im KURIER im Frühjahr ja eindrucksvoll ihren Notstand geschildert. Aber sie hat nicht über die Flüchtlingsproblematik gesprochen, sondern über den Ist-Zustand. Jetzt kann man sich ausmalen, was auf die Schulen zusätzlich an Arbeit mit den Flüchtlingen zukommt. Die Situation wird sich noch dramatisieren. Wir produzieren ja jetzt schon Dynastien von Sozialhilfeempfängern. In Wien gibt es Gebiete, wo bereits die dritte Generation von Sozialhilfe lebt. Geht die Entwicklung so weiter, werden wir Stadtteile wie in Amsterdam oder Paris haben, wo Kinder von einer Generation in die nächste in die Chancenlosigkeit hineingeboren werden. Das kann man nur im Schulsystem korrigieren. Die Chance besteht nur im Kindergarten, in der Volksschule und dann im Pflichtschulbereich.

Kann sich diese Gesellschaftsschicht überhaupt die Kosten für die Ganztagsschule leisten?

Das ist genau der Punkt: Wir brauchen echte Ganztagsschulen mit kostenlosem Mittagessen, sonst gehen die Kinder nicht hin, die es am dringendsten bräuchten. Im Moment schicken die Eltern, wo beide berufstätig sind, ihre Kinder in die Ganztagsschule. Aber wir brauchen auch die Kinder, der weniger gut verdienenden Eltern beziehungsweise der Eltern, die Mindestsicherung beziehen in den Ganztagsschulen.

Welche Tabus müssen angegriffen werden, um das Schulsystem wieder flottzumachen?

Wir müssen endlich die Fakten der Wissenschaft akzeptieren: Alle internationalen Studien kommen zum Ergebnis, dass die Senkung von Klassenschülerhöchstzahlen, enorm teuer und nachweisbar pädagogisch die sinnloseste Maßnahme ist. Daher fordere ich, dass wir die Klassenschülerhöchstzahl von 25 auf 30 erhöhen, dafür aber Kindergartengruppengrößen radikal absenken. Derzeit werden rund 332 Millionen Euro pro Jahr für die Senkung der Klassenschülerhöchstzahlen aufgewendet. Einen Effekt gibt es nur, wenn maximal 12 Kinder in einer Klasse sind. Und das ist unleistbar. Zusätzlich schafft es jenen künstlichen Lehrermangel, den wir im Moment haben. Dieses Tabu hat Ministerin Hammerschmid schon einmal sanft anklingen lassen. Als Reaktion gab es sofort einen Protest der Lehrer und Eltern. Ein weiteres Tabu, das man angreifen muss sind die Klein- und Kleinstschulen.

Wieso?

Es ist nicht möglich über 6000 Schulen technisch und pädagogisch auf einem hohen Niveau zu führen, zusätzlich genügend geeignete Direktoren und Lehrer zu finden, und gleichzeitig in den Ballungsräumen neue Schulen zu schaffen. Die Kleinstschulen muss man weitgehend aufgeben und die Kleinschulen muss man in Bildungsclustern zusammenfassen, wo ein Direktor für fünf bis sechs Schulen zuständig ist. Mein Fazit: nur wenn wir Tabus opfern, werden wir auch in fünf Jahren noch zu einem der reichsten und sichersten Länder der Welt gehören.