Nach dem Festakt zu 60 Jahre Staatsvertrag im Wiener Belvedere redete Sabine Oberhauser offen über ihre Krebserkrankung und ihre Ängste.

© KURIER/Gilbert Novy

Interview
05/17/2015

Oberhauser: "Den Tod ausblenden geht nicht"

Drei Monate nach der Krebsdiagnose spricht Ministerin Sabine Oberhauser über Ängste und Hoffnung.

Mit Glücksbringern ist Sabine Oberhauser (51) bestens bestückt. Auf einem ihrer Halskettchen ist Hope eingraviert ("Das habe ich von einer Kollegin bekommen, die gar nicht von SPÖ ist"), die Tochter schenkte ihr ein Herzamulette ("Im Amulette ist ein Zettel, auf dem steht: Alles wird wieder gut"), auf der Hand trägt sie ein Fuck Cancer Armband. Vier Chemotherapien (zwei weitere kommen noch) und eine Unterleibsoperation hat die Gesundheitsministerin (SPÖ) hinter sich – das Lachen ist ihr trotzdem nicht vergangen. Vor dreieinhalb Monaten machte die Ministerin ihre Krebsdiagnose öffentlich. "Ich wollte Herrin der Diagnose bleiben", begründete sie ihr Outing. Seither informierte sie durchaus mit viel Ironie via Facebook über ihren Status quo – nur mit Interviews hielt sie sich bisher zurück. Eine Woche nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenstand spricht Oberhauser nun über ihre schwerste Zeit:

KURIER: Frau Ministerin, Sie geben nun erstmals Interviews seit Ihrer Krebserkrankung. Darf man das als Zeichen deuten, dass es wieder bergauf geht?

Sabine Oberhauser: Zwei Drittel des Weges sind gegangen. Jetzt geht es in den Endspurt. Dann hoffe ich, dass alles erledigt ist. Mein Körper spricht auf die Chemo gut an, die Operation ist auch gut verlaufen. Den Rest entscheidet ohnehin das Schicksal.

Wie wurde der Krebs bei Ihnen entdeckt? Durch Zufall oder bei einer Routineuntersuchung?

Es war zwei Tage vor der routinemäßigen Untersuchung bei der Gynäkologin, als ich plötzlich etwas ertastete. Da mein Mann Radiologe ist, wollte er das gleich selbst am Ultraschall untersuchen. Ja, und dann war es relativ rasch klar, dass es etwas Ernsteres ist. Davor hatte ich keinerlei Anzeichen. Das ist die Krux an dieser Krebsart, dass sie erst relativ spät erkannt wird.

Die Erstdiagnose bekamen Sie dann von Ihrem Mann. Welche Gedanken und Ängste gingen Ihnen durch den Kopf?

Das ist eine Situation, die man seinem Mann nicht wünscht. Ich war sehr erschreckt, begann zu überlegen: Wie geht es weiter? Was heißt das? Zu welchem Arzt gehe ich? Werde ich sterben? Zuerst versuchte ich, meine Gynäkologin zu erreichen, die aber nicht abhob, weil sie im Dienst war. Als nächstes kontaktierte ich meinen Freund und Onkologen Christoph Zielinski, informierte ihn über den Krebsverdacht – und am nächsten Tag ging es los.

Auch wenn Sie die Situation Ihrem Mann gerne erspart hätten. War das für Sie nicht eine einfühlsamere Variante, die Krebsdiagnose zu erfahren?

Ich weiß es nicht. Natürlich war es gut, jemanden Vertrauten bei sich zu haben. Aber den Gesichtsausdruck meines Mannes, als er auf dem Ultraschall den Krebs entdeckte, werde ich auch nie vergessen. Der Blick sagte mir gleich – das ist etwas Schlimmes.

Die Frage, ob Sie den Ministerjob an den Nagel hängen sollen, stellte Sie sich nie?

Das stand nie im Raum. Mein Onkologe Christoph Zielinski gab mir gleich beim ersten Gespräch zu verstehen, dass nichts dagegen spricht, weiter zu arbeiten. Damit war klar, ich probiere es. In meinem Fall gibt es ein Büro, ich kann die Arbeit auch zu Hause erledigen. Die Arbeit lenkt mich auch von vielen Gedanken ab. Damit bin ich sehr glücklich – und ich weiß, dass es ein großes Privileg ist.

Sie hatten schon vier Chemotherapien. Als Ärztin wussten Sie, was auf einem Patienten zu kommt. Ist die Realität schlimmer als die Theorie?

Vor 30 Jahren habe ich als Studentin in der Onkologie im Hanusch-Krankenhaus gearbeitet. Damals lernte ich auch meinen Mann kennen. Die Chemos vor 30 Jahren hatten einen viel größeren Schrecken als die Chemos heute, die doch viel "angenehmer" sind.

"Möchte im Herbst durchstarten"

Kann man wirklich von angenehmeren Nebenwirkungen sprechen?

Angenehmer natürlich unter Anführungszeichen. Die Nebenwirkungen sind wechselnd. Der Haarausfall war am offensichtlichsten, der Geschmackssinn verschwindet zeitweise, und es schmeckt alles nach Seife. Dazu kommt eine grenzenlose Müdigkeit. Die erste Woche nach der Chemo ist am schlimmsten, danach geht es wieder aufwärts. Sobald man sich wieder als Mensch zu fühlen beginnt – das ist etwa nach drei Wochen –, steht allerdings wieder die nächste Chemo vor der Tür. Das ist das Bittere an der Situation. Das habe ich jetzt noch zwei Mal vor mir und hoffe, dass es dann erledigt ist.

Wer ist Ihr größter Halt in dieser Situation?

Das ist sicher mein Mann. Er ist bei jeder Chemotherapie, die von 11 bis 17 Uhr dauert, dabei. Dafür nimmt er sich den Tag extra frei. Auch in den Wochen nach der Operation hat er mich nicht nur körperlich gepflegt, sondern war auch Trost und Stütze in allen Situationen. Meine Töchter, von denen eine in Schweden lebt, sind auch immer für mich da.Meine Kraft, meine Energie, die ich derzeit besitze, beziehe ich von meinem Zuhause und meiner Familie. Deswegen ging ich auch nicht auf Reha nach der Operation.

Wie verändert die Diagnose Krebs die Beziehung?

Wir kennen uns heuer 30 Jahre, sind seit 28 Jahren verheiratet. Die Beziehung wird wieder tiefer. Es wird einem bewusster, welches Glück man gemeinsam hat. Es ist ja auch nicht selbstverständlich, dass man auf einen Partner zurückgreifen kann, der in dieser Zeit alles unternimmt, dass es mir gut geht, und nicht auf sich schaut. Es ist das Schöne im Negativen.

Wie schaut Ihr Arbeitsalltag unmittelbar nach einer Chemo aus? Sie waren eigentlich immer im Ministerrat und auch bei vielen Veranstaltungen.

Mein Motto ist: Was geht, versuche ich zu machen. Das hängt sehr stark von der Tagesverfassung ab. Mein Büro und ich teilen die Termine sehr locker ein. Wenn mehr geht, geht mehr. Und meistens schaffe ich mehr, als mein Büro es mir zutraut.

Die Alternative, einfach sich auf die Heilung zu konzentrieren und die guten Tage zu genießen, haben Sie trotz der Beschwerden wirklich kein einziges Mal in Erwägung gezogen?

Wenn man ein politisches Amt annimmt, dann hat man das Bedürfnis, etwas zu bewegen. Gerade das Gesundheitsministerium ist in Zeiten wie diesen sehr bewegt. Da zu sagen, ich konzentriere mich jetzt nur voll auf mich, geht nicht. Ich möchte die Probleme lösen, auch wenn es im Moment manchmal am Küchentisch oder am Telefon passiert, selbst wenn die Stimme versagt. Wenn einen das Fieber gepackt hat, dann möchte man live dabei sein.

Sie haben auf Facebook mit viel Ironie Ihre Situation beschrieben. Ist Lachen für Sie ein Weg, die Heilung voranzutreiben?

Das Lachen lasse ich mir so leicht nicht nehmen. Dieser Satz begleitet mich schon mein Leben lang. Es kostet genau so viel wie ein grantiges Gesicht. Aber ein Lächeln macht ein freundliches Gesicht, und man bewältigt die Probleme einfach leichter.

Welcher Tag war in den letzten drei Monaten der schlimmste für Sie?

Die Zeit des Wartens vor der Operation auf den Tag X. Das Wissen, dass nun etwas Großes auf einen zukommt, das kein Spaziergang wird. Die eigenen Ängste vor der Operation zu bewältigen, war am schwierigsten.

Sie haben sich gleich nach der Diagnose die Frage gestellt: Werde ich sterben? Wie intensiv haben Sie sich mit dem Tod auseinander gesetzt? Oder blendeten Sie das Thema irgendwann aus?

Das kann man nicht ausblenden, weil ich mich ja täglich im Spiegel sehe. Mein Spiegelbild zeigt mir, dass ich krank bin, und dass das Leben ein anderes ist. Ich habe schlechte Tage, wo ich sage, ich würde gerne meine Enkelkinder erleben. Diese Momente gibt es, keine Frage. Aber derzeit habe ich allen Grund, optimistisch zu sein. Ich beschäftige mich mehr mit dem Leben und wie ich es bewältige, als mit dem Sterben.

Sie haben sich ganz bewusst eine Glatze rasiert. Für eine Frau ist das sicher eine Überwindung. Wie haben Sie sich bei diesem Schritt gefühlt?

Ich habe jetzt retrospektiv meine Fotos betrachtet. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass meine Haare kurz vor der Rasur eigentlich schon tot waren. Ich habe das Zepter gerne selber in der Hand. Deswegen wollte ich mir die Situation ersparen, dass ich beim Hineingreifen die Haare dann büschelweise in der Hand habe. Beim Abrasieren die Haare im Waschbecken liegen zu sehen, war für mich ein eher stärkender als ein schwächender Schritt.

Eine Perücke war nie ein Thema für Sie?

Der Haarverlust war eines der ersten Themen, die ich mit Christoph Zielinski diskutiert habe. Er hat mir klipp und klar gesagt: "In zwei Wochen hast keine Haare mehr." Das bedeutete, ich muss schnell eine Entscheidung treffen. Aber ich wusste bald, ich will keine Perücke. Und ich kann mich noch gut an die Situation in der US-Serie Sex and the City erinnern, als sich die krebskranke Samantha schwitzend die Perücke bei einer Rede vom Kopf riss, alle Frauen im Publikum aufstanden und auch die Perücken abnahmen. Dazu kam: Durch die Chemo und die Operation war ich in der Sekunde im Wechsel. Die Wechseljahre sind in vollster Ausprägung mit Hitzewallungen da. Da kann ich mir eine Perücke gar nicht vorstellen, deswegen bin ich über die Entscheidung heilfroh.

Glauben Sie an Gott oder an das Schicksal?

Ich glaube nicht, dass ein Gott entscheidet, ob man krank wird oder nicht. Das ist Schicksal. Aber ich denke, dass es vielleicht irgendwo etwas gibt. Ich sammle Buddhas, aber ich gehe auch gerne in Kirchen. Es gibt viele Menschen aus allen Religionen, die mir schreiben, dass sie für mich beten. Das empfinde ich als sehr schön.

Gibt es für Sie ein Leben nach dem Tod?

Kennen Sie von Jean-Paul Sartre Les jeux sont fait (Das Spiel ist aus)? In diesem Buch wird die Frage gestellt, ob die Toten nicht unter uns sind und mitagieren. Wer weiß, vielleicht stimmt das?

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Die Chemotherapie abzuschließen und im Sommer einen schönen Urlaub zu verbringen. Meine politischen Ziele sind, das Tabakgesetz noch vor dem Sommer durch das Parlament zu bringen. Das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz zu verbessern. Im Herbst möchte ich dann wieder voll durchstarten.

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