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Politik Inland
02/22/2020

Rothschild-Erbe: „Nicht jeder Rothschild ist ein Superstar“

Geoffrey Hoguet klagt die Stadt Wien. Was er sich davon erwartet, wie er mit Parkinson lebt und was es bedeutet, ein Rothschild zu sein.

von Ida Metzger

Zwischendurch streut Geoffrey R. Hoguet bei einem  simplen Glas Bier (statt  Rothschild-Wein) gerne  Wörter im niederösterreichischem Dialekt ein.   Es ist seine Art zu demonstrieren, welchen Stellenwert seine Wurzeln für ihn haben, auch wenn er als Rothschild-Erbe  in New York lebt.  In der Öffentlichkeit macht sich die geschichtsträchtige Dynastie sehr rar. Seit wenigen Tagen bricht Hoguet aber mit dem rothschildschen Verhaltenskodex.

Kämpft er doch um das Erbe seines Vorfahren Nathaniel.  1905 hat dieser in seinem Testament   verfügt, dass eine Stiftung errichtet werden soll, um am Wiener Rosenhügel eine Nervenheilanstalt für Arme zu errichten. Was 1907  auch passierte. Rund  150 Millionen  Euro ist die Errichtung  nach heutiger Berechnung wert – damit ist das Projekt  nach wie vor die größte je errichtete wohltätige  Stiftung in Österreich.

Nach der Arisierung durch die Nazis  wurde die Stiftung 1957 wieder errichtet, blieb aber unter der Verwaltung der Stadt Wien. Nun befürchtet Hoguet, dass die Stadt Wien das  Spital absiedeln  und  das Areal am Rosenhügel  in ein lukratives Immobilienprojekt verwandeln will – und zog vor Gericht.

KURIER: Herr Hoguet, am Donnerstag gab es die  erste Verhandlung  am Bezirksgericht Hietzing.  Auch die Richterin  sieht den Stifterwillen gefährdet. Überrascht es Sie,  dass die Stadt Wien bei diesem  sensiblen Thema auf stur stellt?
Geoffrey R. Hoguet:
Die Stadt Wien hat aggressiv, aber mit wenig Substanz argumentiert.  Der Anwalt Johannes Jarolim hat sehr parteipolitisch argumentiert. Ich empfand das als verstörend.  Ich möchte  die Politik heraushalten. Ich habe das Gefühl, die Richterin hat verstanden, worum es uns geht.

Sie sagen, es geht Ihnen auch nicht um Profit. Was wollen Sie  dann erreichen?
Die Stiftung wurde ursprünglich von einem 12-köpfigen unabhängigen Kuratorium geleitet. Ich möchte die Wiedereinsetzung eines solchen Kuratoriums, wo  renommierte – auch internationale – Wissenschaftler und  Fachleute  die Zukunft der Stiftung entwickeln können und auch in die Forschung von Nervenkrankheiten  investieren.  Dieser Punkt  ist für mich ganz essenziell. Ich war am Donnerstag am Rosenhügel und  ich habe dort nicht einmal eine Erinnerungstafel an meinen Vorfahren  gefunden. Auch das sollte sich ändern.

Sie selbst leiden an Parkinson. Wie leben Sie mit dieser Krankheit?
Vor zehn Jahren habe ich die Diagnose bekommen. Ich gehe damit so um, indem ich  die Krankheit in mein neues Hobby verwandelt habe. Endlich habe ich einen Grund, warum ich täglich Übungen machen  muss. Darüber bin ich glücklich (lacht). Bis dahin habe ich das Training  eher vernachlässigt. Man kann die Krankheit nicht heilen. Aber es ist interessant herauszufinden,  welche neuen Methoden  zur Behandlung fast jeden Tag auftauchen. Denn der Parkinson-Club  ist mittlerweile ein sehr großer geworden.  Ich habe viele Kontakte zu Medizinern, Nobelpreisträgern und Betroffenen geknüpft. Viele wurden auch Freunde von mir. Durch diese Gespräche ist mir  bewusst geworden, dass auch Geisteskrankheiten ein großes Problem für unsere Gesellschaft sind. Das wird in der Öffentlichkeit viel zu wenig beleuchtet.


Was waren die ersten Symptome?
Zuerst fühlte ich ein Zittern in meiner Zunge. Dann wanderte es in die Finger, und  irgendwann zitterte meine linke  Hand. Es beginnt sehr oft auf einer Seite  des Körpers und greift dann auch die  andere Seite. Die Krankheit beeinflusst natürlich auch meine  Körperbalance und manchmal auch die Sprache.  Das ist lästig. Ich versuche trotzdem eine positive Einstellung zu behalten und  die Krankheit  als faszinierende und interessante Herausforderung zu sehen.

Wie hat Sie die Krankheit verändert?
Die Krankheit macht dich sensibel für die Leiden anderer Menschen, obwohl ich mich selbst nicht als leidend betrachte. Ich betrachte mich als jemanden, der es mit der Krankheit aufgenommen hat. Es gibt so viele Menschen mit Talenten, die unter Parkinson oder anderen Krankheiten leiden. Der Schauspieler  Michael J. Fox hat hier wundervolle Projekte ins Leben gerufen, um zu helfen. Ich mache es in kleiner Dimension. Und ich hoffe, dass, wenn wir erfolgreich sind, auch in Wien ein Beitrag gerade in der Forschung geleistet werden kann.  

In Österreich war die Rothschild-Dynastie über 150 Jahre die reichste Familie Österreichs – zehn Mal vermögender  als die zweitreichste Familie in der Habsburger-Monarchie. Durch die Nationalsozialisten hat Ihre Familie viel Geld verloren. Haben Sie das Gefühl, dass Österreich Ihre Familie nicht fair behandelt hat?
Nach dem Krieg hat Österreich seinen Job diesbezüglich nicht gut erledigt. Aber wie Deutschland hat auch Österreich versucht, sich in dieser Frage zu verändern. Manche Dinge  kann man nicht über Nacht verändern. Es geht langsam, aber die Richtung stimmt. Aber wie wir  aktuell am Verhalten  der Stadt Wien sehen, liegt noch viel Arbeit vor uns.

Was haben Sie von Ihren Eltern in der Kindheit  über Österreich erfahren?
Sehr wenig. Ich denke, das ist typisch für jene Menschen, die unter dem Nazi-Regime litten.  Meine Familie  hat Österreich noch während des Anschlusses verlassen, sie kamen dann über England zuerst nach Kanada.   Denn ihnen wurde zwei Jahre lang das Visum für die USA verweigert. Mein Vater wiederum stammt aus einer alten, traditionsreichen New Yorker Familie, die aber stark von der  Wirtschaftskrise in der 30er-Jahren betroffen war. Er musste die Schule verlassen. Weil er ein sehr guter Polo-Spieler war, beschloss er, im Westen der USA  Cowboy zu werden.  Er begleitete Rinderherden von der kanadischen Grenze nach New Mexiko. Bei meinen Eltern handelte es sich um eine Lovestory zwischen einer Baronesse und einem Cowboy.

Wenn man ein Rotschild ist, wie geht man mit diesem Erbe um? Dahinter steckt ja nicht nur ein Privileg, sondern auch ein Druck ...
Das Erbe wäre leichter,  wenn ich eine Erfolgsbilanz wie Warren Buffett hätte (lacht).  Aber im Ernst: Man muss in der Gegenwart leben und realistisch bleiben. Ich schätze den Namen. Aber so erfolgreich wie Nathaniel und Albert (er war der reichste Mann Europas) in Österreich waren, wird man nicht so leicht. Nicht jeder Rothschild ist ein Superstar.
 
Was bedeutet Reichtum für Sie?
Reich ist man in meinen Augen, wenn man sich in seiner eigenen Haut wohl fühlt und wenn man zufrieden ist mit dem,  was man hat. Es gibt viele Menschen, die haben wenig und sind glücklich. Wenn man reich genug ist, dass man Geld spenden kann und trotzdem noch genug für sich und seine Familie hat, ist man vermögend. Ein wichtiger Teil meines Lebens in den USA ist, einen Beitrag zu leisten. Natürlich nicht in den Dimensionen, wie es meine Vorfahren machten.  In den USA haben wir eine große Tradition in Philanthropie. Das fehlt nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Dazu gehört aber auch: Wenn jemand eine Stiftung macht,  muss  sich der Stifter sicher sein, dass sein Projekt auch mehrere Generationen  später vonseiten des Staates  noch den Zweck erfüllen kann.

Zurück zur Rothschild-Stiftung. Was wird der nächste Schritt sein?
Anwalt Johannes Jarolim hat eine Einladung des Bürgermeisters zu einem Gespräch in den Raum gestellt. Wenn er konstruktive Vorschläge hat, wäre ich bereit zuzuhören. Ich denke, er kennt meine Erwartungshaltung.  

 

 

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