Wie soll das funktionieren, Herr Düringer?

ROLAND DÜRINGER BUCHPRÄSENTATION "MEINE STIMME GIL
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH Düringer bei seiner Buchpräsentation als 'Kanzler' in Kabarettkostüm

Roland Düringer möchte kein Politiker werden, schon gar kein Parteipolitiker. Dennoch will er bei der nächsten Nationalratswahl mit der Liste "Gilt" antreten - und ungültige Stimmen gültig machen.

Der Bart ist ab, und damit auch die Glaskugerln, die Roland Düringer in den letzten Jahren optisch als eher verschrobenen Aussteiger markiert haben.

Am Montag trat der Kabarettist bei der Vorstellung eines neuen Buchs in Wien noch dazu mit zurückgelegtem Haar, Anzug und Krawatte auf und ließ das zahlreich erschienene Publikum staunen. Ist das nun Düringers Aufmachung für seinen zuletzt angekündigten Einstieg in die Politik?

Nein. Es ist ein optischer Vorgeschmack auf Düringers neues Kabarettprogramm "Der Kanzler", das im Herbst Premiere feiern wird und nichts mit dem Parteiprojekt "Gilt" zu tun haben soll.

Was noch immer die Frage offen lässt: Was will Düringer mit seiner Partei erreichen?

Ungültige Stimmen werden gültig

In seinem Buch "Meine Stimme gilt – und Deine?" (Brandstätter Verlag) gibt der Schauspieler, Kabarettist und neuerdings Politikaktivist einige Antworten. Er wolle den Versuch starten, "den ungültigen Stimmen der Weiß-, Nicht- und Protestwähler eine gültige Stimme zu geben".

Moment: Ungültige Stimmen sollen plötzlich gültig sein. Wie meint er das?

Düringer möchte im Wahlkampf nicht über Inhalte diskutieren, sondern nur über das Verhalten in der Politik. Wie soll das funktionieren?

"'Gilt' ist keine politische Partei, die den Anspruch stellt, den Wählern etwas zu versprechen, das sie für sie verbessern würde", sagt Düringer im KURIER-Interview. "Es ist nichts anderes als die Möglichkeit, bei der nächsten Wahl eine Botschaft zu hinterlassen. Die Botschaft ist: Ich bin Nichtwähler. Ich möchte nur, dass ich in Prozentpunkten registriert bin. Darum geht es".

INTERVIEW: ROLAND DÜRINGER Foto: APA/HANS KLAUS TECHT Düringer, noch mit Bart, aber schon ohne Kugerln

Wählen - und doch Nichtwähler sein

Irgendetwas scheint aber immer noch nicht klar: Man wählt, und ist doch Nichtwähler?

Wie Düringer im Buch beschreibt, stößt er sich daran, dass jene Personen, die ungültig oder gar nicht wählen, nicht bei der Prozentverteilung im Wahlergebnis berücksichtigt werden. Würde man die rund 25 Prozent Nichtwähler von der letzten Nationaltratswahl demnach einberechnen, hätten die stimmenstärkeren Parteien weit geringere Prozentanteile (SPÖ: 20 Prozent, ÖVP: 18 Prozent ...).

In der Theorie des "Gilt"-Projekts hätten die Nichtwähler nun die Möglichkeit, im Wahlergebnis als "gültige Stimme" aufzuscheinen, wenn sie "Gilt" ankreuzen. Vorausgesetzt, Düringer kann die nötigen 2.600 Stimmen für ein österreichweites Antreten sammeln.

Wer "Gilt" ankreuzt, wählt keine Partei im klassischen Sinne. "Gilt"-Wähler könnten also als "Nichtwähler" des Parteiensystems betrachtet werden, wenn man so will.

Ein Stück vom Kuchen

Ein Rechenbeispiel: Würde die Liste "Gilt" alle rund 90.000 ungültigen Stimmen der letzten Nationalratswahl bekommen, würde sie bei gleichbleibender Wahlbeteiligung rund 1,8 Prozent erreichen. Das Reservoir der Nichtwähler ist wesentlich größer: 1,6 Millionen Menschen sind 2013 nicht zur Wahl gegangen. Düringer rechnet freilich nur mit einem kleinen Teil dieser Nichtwähler. "Der Ansatz ist nicht, den anderen Parteien etwas wegzunehmen, sondern selbst ein Stück vom Kuchen zu haben", sagt er.

Ob Partei, oder Nicht-Partei: Wenn "Gilt" ein Stück vom Kuchen erhält, würde auch der Stimmenanteil der anderen Parteien geringer ausfallen. Wenn das Kuchenstück sogar mehr als vier Prozent betragen würde, könnte "Gilt" als zugelassene Liste ins Parlament einziehen. So will es das Wahlsystem. Aber was würde dann passieren?

Keine Stofftiere, keine Chemtrails-Bekämpfer

Nach dem Wahltag würde sich der Neo-Politiker, unabhängig vom Ergebnis, sofort wieder aus der Politik zurückziehen. Hinterlassen würde er der Politik aber Mandatare im Parlament. "Ursprünglich haben wir uns überlegt: Sollen wir die Plätze freilassen oder setzen wir Stofftiere hin?" erzählt Düringer. "Letztendlich ist es aber die schönere Variante, die Sitze mit realen Menschen zu besetzen". Diese sollen keine Parteikarrieren hinter sich haben und sollen Bevölkerungsschichten repräsentieren, die bisher nicht so stark im Parlament vertreten seien.

Interessierte wolle er mit entsprechenden Aufrufen ansprechen. Düringer wolle aber "keine Vollflaschen, die gehören dort nicht rein. Man wird schauen, dass es einigermaßen vernünftige Menschen sind, die nicht irgendeine Agenda reinbringen, nicht die Welt retten wollen, das Geldsystem abschaffen wollen oder gegen Chemtrails ankämpfen – das brauchen wir nicht".

Roland Düringer: Der österreichische Kabarettstar, der mit Filmen wie "Muttertag" und "Hinterholz 8" zum Publikumsliebling avancierte, zeigt sich nun bereits seit einiger Zeit von einer bisher unbekannten Seite. Kaum jemand hätte vor einigen Jahren vorhergesehen, dass der Kabarettist einmal ein Vorreiter für alternative Lebensmodelle sein würde. Die Perlen in seinem Bart waren rein äußerlich die ersten Anzeichen für seinen Lebenswandel. Für Düringer hat diese Entwicklung aber bereits 2006 ihren Lauf genommen. In seinem Programm "Düringer ab 4,99" übte er erstmals Kritik an der Konsumgesellschaft. Mittlerweile hat der 1963 geborene Wiener und ehemalige "Benzinbruder" seine geliebten Autos gegen den Zug getauscht. In "Kein Amerikaner" erzählte Roland Düringer noch vor einigen Jahren von seinem Traum vom amerikanischen Auto, der sich später in eine Art Motorsucht weiter entwickelt hat. Düringer verzichtet aber mittlerweile nicht nur auf sein Auto, sondern auch auf Handy, Internet, das Einkaufen im Supermarkt, die Bankomatkarte und Fernreisen. Während die einen Düringers Sinneswandel milde belächeln, trifft er damit aber auch einen Nerv: die Sehnsucht nach Entschleunigung. In seinem Video-Tagebuch gueltigestimme.at kommentiert er seit 2013 seinen neuen Alltag. Mittlerweile gibt es auch das Fernsehformat "Gültige Stimme" auf Puls 4. "Ich  möchte nicht Hochglanz-TV machen, sondern das Interesse an gewissen Grundthemen wecken", sagt Düringer über die Sendung. In der alternativen Talksendung nimmt er wache Köpfe abseits des politischen Establishments ins Verhör. "Was ist ein gutes Leben? Was steht dem im Wege?" fragt Düringer unter anderem. 1985 kam Roland Düringer zur österreichischen Kabarettgruppe Schlabarett, wo er gemein mit Afred Dorfer, Andrea Händler, Eva Billisch und Reinhard Nowak spielte. In den 1990er-Jahren bewies Düringer mit Programmen wie "Hinterholzacht, 20 Jahre Abrechnung", dass er auch solo gut unterwegs ist. In "Muttertag" verkörperte Düringer gleich mehrere Rollen. Der Film wurde zum Publikumshit. Die Kinofassung seines ersten Kabarettprogramms "Hinterholz 8" war sein bislang größter Erfolg. In der österreichischen Kinohitliste 1998 übertraf ihn nur "Titanic". Im selben Jahr wurde Düringer mit der KURIER ROMY als bester österreichischer Schauspieler ausgezeichnet. Von 1998 bis 2003 stand er gemeinsam mit Monica Weinzettl und Alfred Dorfer in "MA 2412" vor der Kamera. Derzeit läuft die Erfolgsserie jeden Freitag um ca. 23.40 Uhr in ORF eins. Seine Wutbürger-Rede (2011) wurde legendär. Aber Düringer fühlte sich falsch verstanden... 2012 veröffentlichte er gemeinsam mit zwei Philosophen das Buch "Das Ende der Wut". Darin macht er sich Gedanken über das System, den Ausbruch daraus und natürlich die Wut. Kurz nach seinem 50. Geburtstag erschien das Buch "Leb Wohl, Schlaraffenland - Die Kunst des Weglassens" in dem er über seine neu erlangten Erkenntnisse sprach. Im Gespräch mit dem Agrarbiologen Clemens G. Arvay erzählt Düringer von seinem Selbstversuch, ein Leben wie früher zu führen.
Düringer selbst würde die Arbeit der Parlamentarier dann nur aus der Ferne beobachten. Für die Listenerstellung könnte er sich einen Losentscheid vorstellen.

In einem Wahlkampf müsste Düringer seinen "Nichtwählern" aber noch erklären, warum sie dann im Falle eines Parlamentseinzugs doch etwas gewählt hätten.

"Die größte Inszenierung"

Düringer wäre aber nicht Düringer, würde er nicht weitere Widersprüche aufwerfen. "Gilt" sei ein Kunstprojekt, "die größte Inszenierung, die die Politik je gesehen hat". Gleichzeitig wolle er mit dem "Experiment", wie er es nennt, beweisen, dass die Politik selbst nur mehr auf Inszenierung beruht.

"Einem Großteil sind Inhalte scheißegal. Sobald das mehr als vier Prozent bekommt, ist das der Beweis", sagt Düringer, um den Widerderspruch aufzuklären. "Die finden den Spitzenkandidat sympathisch, kriegen einen Kugelschreiber geschenkt oder einen Hunderter, und sagen: Pfau, super, denen mach ich ein Kreuz. So funktioniert’s".

Düringer habe selbst bei der letzten Nationalratswahl ungültig gewählt, "weil ich dieses ganze System zwischen Medien und Politik in Frage stelle". Wirkliche Veränderung bedeute nicht, Parteien oder Gesichter auszutauschen. "Das heißt, wirklich die politische Kultur zu verändern", sagt er.

Da Düringer selbst angibt, mit "Gilt" ein Kunstprojekt betreiben zu wollen, geht er aber gewissermaßen auf Nummer sicher. Auch einen winzigen Stimmenanteil könnte er anschließend als Ergebnis eines Experiments verkaufen. Und ein Kunstprojekt darf auch widersprüchlich sein.

"Der erste Politiker, der sein Wahlversprechen hält"

Den Politikersprech hat Düringer jedenfalls schon verinnerlicht, einstweilen noch im kabarettistischen Stil: "Ein Wahlversprechen kann ich jetzt schon abgeben – Ich bin der erste Politiker in diesem Land, der sein Wahlversprechen auch halten wird: Sollten wir nicht die Absolute Mehrheit schaffen, muss ich mir die Niederlage eingestehen und trete von allen Ämtern zurück."

"Und wenn Sie die Absolute schaffen?" fragen wir kabarettistisch zurück.

Düringer: "Dann hab ich ein Problem, aber ein Wirkliches". Er lacht verschmitzt und fügt noch an: "Aber wir wollen ja nicht mit dem Schlimmsten rechnen, oder?"

Interview

"Es darf nicht Sinn von Politik sein, dass ich Erfolg habe"

Was für Düringer das Schlimme an der Politik ist, was er von Kern und Trump hält und warum er mit "Gilt" kein zweites Team Stronach schaffen will, können Sie im ausführlichen Interview lesen.

KURIER: Wie haben Sie die Reaktionen erlebt, als Sie im Herbst die Satzung für Ihre Partei "Gilt" beim Innenministerium hinterlegt haben?

Roland Düringer: Wenn sich der Herr Düringer mit einer Kettensäge den Vorderfuß weggeschnitten hätte, wär das nicht so ein großes Tam-Tam gewesen, wie: Der Herr Düringer gründet eine Partei. Und das ist schon ein Zeichen dafür, . Wie wir mit Politik umgehen. Und wie wir eine Parteigründung plötzlich erhöhen zu etwas ganz wichtigem. Der Medienrummel allein war schon Teil des Projekts "Gilt", das ja letztlich auch ein Kunstprojekt ist.

Sie bezeichnen die Partei im Buch als Taxi. Wie geht es nun diesem Taxi?

Es ist das Vehikel, das das Projekt an den Start bringen kann. Es ruht in der Garage, weil es jetzt noch keine Funktion hat. Man schaut ab und zu, ob’s eh noch läuft, ob noch Luft in den Reifen ist, und ob die Batterie in Ordnung ist. Damit es, wenn man es braucht, einfach startet."Wrummm" und es ist einsatzbereit. Wir brauchen auch keine Probefahrten machen, weil wir eh wissen, dass es funktioniert.

Das heißt, sie könnten es jederzeit aus der Garage fahren?

Na ja, es wäre ja vor ein paar Wochen durchaus möglich gewesen, dass wir es schon anlaufen lassen hätten müssen. Aber es hat sich die Situation (in der Regierung, Anm.) wieder ein bisschen beruhigt und jetzt schauen wir, wie es weitergeht. Aber das Taxi ist einsatzbereit.

Haben Sie schon abgetestet, wie groß Ihr Wählerpotenzial ist?

Nein, da gibt es nichts abzutesten. Das einzige, was wir jetzt tun können, ist zu informieren, was das Ding überhaupt ist. Es ist sicher vielen unklar: Spinnt er jetzt komplett? Was will er überhaupt? Will er jetzt Kanzler werden, oder was? Wir wollen folgenden Gedankengang auslösen: „Ich war bei der letzten Nationalratswahl Nichtwähler, ich habe ungültig gewählt oder ich habe vielleicht einer kleinen Protestpartei ein Kreuz gegeben, um den anderen zu schaden. Es hat aber nichts bewirkt. Und es wäre mir wichtig, dass man mich als sonst ungültige Stimme auch erkennt, in dem meine Stimme gültig wird.“ Kleinparteien wie Die Christen oder die EU-Austrittspartei, oder die Weiß- und Nichtwähler – das sind alles verlorene Stimmen, so etwas wie wandernde Mistkübel, die noch dazu die stimmenstärkeren Parteien stärken.

Wie wollen Sie die Nichtwähler, die per se ja nicht so gerne wählen gehen, an die Urnen bringen?

Das ist eben die große Frage, das ist ja das Experiment. Fakt ist: 25 Prozent der Wahlberechtigten, wir sprechen da von weit mehr als einer Million Menschen, sind nicht wählen gegangen oder haben ungültig gewählt. Die existieren, die gehen da draußen auf der Straße. Aber niemand weiß, warum sie es nicht machen. Haben Sie es nicht gewusst, sind sie zu wenig mobil? Sind sie so komplett politikverdrossen, dass sie gar nichts mehr interessiert? Vielleicht wählen sie aber auch nicht, weil sie kein Angebot vorfinden, dass für sie sinnvoll ist. Vielleicht lehnen sie nicht nur die Parteien an sich ab, sondern auch die ganze Inszenierung der Politik.

Wie wollen Sie Ungültig-Wähler sichtbar machen?

Wenn ein Ungültig-Wähler diesmal "Gilt" ankreuzt, dann gilt diesmal seine ungültige Stimme, das ist ja der Witz daran. Jetzt gilt’s. Zum ersten Mal in meinem Leben gilt es, und ich muss nicht Garfield oder "keinen von euch" draufschreiben. Ich habe keine Partei gewählt - und es gilt.

Wenn man gültig wählt, dann ist es ja keine ungültige Stimme mehr?

Es soll ja eine gültige Stimme werden. Jemand, der zur Wahl geht und irgendwas draufschreibt, will ja gehört werden. Er will damit sagen: "Mich gibt es auch noch". Nur hört ihn keiner. Und wenn er "Gilt" ankreuzt, wird er gehört. Ist doch schön, oder? Und es richtet keinen Schaden an, nimmt niemandem etwas weg. Diejenigen, die Parteien wählen, werden weiterhin Parteien wählen und die Nichtwähler bekommen eine Möglichkeit.

INTERVIEW: ROLAND DÜRINGER Foto: APA/HANS KLAUS TECHT

Warum haben Sie das letzte Mal ungültig gewählt?

Weil ich dieses ganze System zwischen Medien und Politik in Frage stelle. Insofern, weil ich den Eindruck habe, dass es immer mehr zu einer Inszenierung und Show verkommt. Und da tragen beide Seiten viel dazu bei – sowohl die Pressesprecher der Parteien als auch die Leitmedien in diesem Land. Es wird alles auf Verknappung und Verkürzung gesetzt. Auch wenn es um komplexe Themen wie CETA oder die Flüchtlingswelle geht, hast du in einem Fernsehbeitrag vielleicht sieben Sekunden Zeit, eine Stellungnahme abzugeben. Was willst du da sagen? Außer Phrasen, die nichts sind, aber vielleicht die Wähler emotionalisieren. Und dahinter steht ein ganzes Beraterteam, das sich nichts anderes überlegt als: Welche Sätze sagt man, damit ja nichts schief gehen kann?  Das kann nicht der Auftrag an die Politik sein, ganz ehrlich.

Dazwischen stehen aber auch noch die Journalisten, die versucht, aus den Politikern herauszuholen, was sie nicht so gerne sagen oder zugeben wollen.

Weil sie es vielleicht auch nicht sagen können. Aber viele Medien haben vielleicht auch nicht mehr die Zeit und das Geld, um ausreichend zu recherchieren. Oft geht es nur darum, einen einzigen Sager zu bekommen, der etwas hergibt. Da geht es wieder um Geld und Quoten. Und dann gibt es noch käufliche Medien, das sind für mich die Gratiszeitungen, die zum Teil über Inserate von Parteien finanziert werden. Das ist Propaganda, aber der Großteil der Bevölkerung informiert sich darin aber über Politik. Ist das wirklich der Weg, den wir als Gesellschaft gehen wollen? Oder wollen wir wirklich eine Veränderung? Das heißt nicht, Parteien oder Gesichter auszutauschen.  Das heißt, wirklich die politische Kultur zu verändern. Um so etwas wie den Trump in Österreich zu verhindern.

Sie sind aber auf herkömmliche Medien angewiesen, um ihre Botschaft bekannt zu machen.

Das ist ja schon gut gelungen bei der Ankündigung, eine Partei zu gründen. Auch Negativberichterstattung ist eine Gratiswerbung. Wenn man heute in diesem politischen Spiel mitspielen möchte, braucht man ein paar Sachen: Entweder eine prominente Person, die ihr Gesicht hinhält, irrsinnig viel Geld oder ein Leitmedium, das das total unterstützt. Oder man hat die Hyper-Idee, die alles gut macht. Wenn ich jetzt mein Projekt betrachte: Wir haben kein Geld und sicher nicht die Unterstützung eines Leitmediums. Was wir haben, ist eine prominente Person, das Buch, Videos im Inernet und eine Idee, die jetzt nicht die Hyperidee ist, aber eine Geschichte, die etwas hat, eine Geschichte, die man erzählen kann. Das ist aber auch Teil des Experiments: Kann man ohne viel Geld heute überhaupt einen Achtungserfolg bei einer Nationalratswahl erzielen?

Wie sieht es mit dem Geld aus?

Es wird wohl kein Großinvestor einsteigen, aber wir werden die Menschen bitten, uns kleinere Beträge zu leihen. Wenn man mehr als ein Prozent erreicht, bekommt man einen Teil der Wahlkampfkosten zurückerstattet. Dann bekämen auch die Spender ihr Geld zurück, ansonsten ist es wie im Casino verloren. Aber das muss einem der Spaß schon wert sein.

RolandDueringer_3.jpg Foto: Manfred Weis/Brandstätter Verlag Düringer als Kunstfigur 'Der Kanzler' fürs Kabarett Sie sagen, die herkömmliche Politik basiert hauptsächlich auf Inszenierung.  Jetzt bezeichnen sie das als Kunstprojekt, stellen sich an vorderster Front hin ...

... Es wird die größte Inszenierung, die die Politik je gesehen hat.

Ihr Projekt ist selbst aber auch eine Inszenierung. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?

Das ist ja kein Widerspruch. Ich zeige, was mit einer Inszenierung möglich ist. Wenn dieses "Gilt"-Ding mehr als vier Prozent erreichen würde, dann nur aufgrund der Inszenierung. Das wäre der Beweis dafür, dass es nicht um Inhalte oder um Programme geht, sondern nur um die Show und Menschen zu emotionalisieren. Einem Großteil sind Inhalte scheißegal. Die finden den Spitzenkandidaten sympathisch oder kriegen einen Kugelschreiber geschenkt oder einen Hunderter, und sagen: Pfau, super, denen mach ich ein Kreuz. So funktioniert’s. Und das ist Teil des Experiments.

Was unterscheidet ihre Inszenierung von der anderer Parteien?

Sie kann natürlich noch ärger sein als die anderen Inszenierungen. Die Parteien müssen ja souverän und seriös bleiben. Sie müssen ja ernstgenommen werden.

Sie können also "Arschlochverhalten" sagen, wie Sie es im Buch tun?

Ich kann "Arschlochverhalten" sagen, ich kann auch "Arschlöcher" sagen. Klar, das ist für mich ein ganz normales Wort. Ich bin im Zehnten Bezirk aufgewachsen. Bei mir war jedes zehnte Wort im Dialog mit anderen auf der Straße "Arschloch" oder "geh scheißn, Oida". Das ist nicht böse, das heißt das gleiche wie "Du bist lieb". Warum soll ich das jetzt ablegen und meine Wurzeln verleugnen? Ganz sicher nicht.

Den Vorwurf, dass man damit die Politik untergräbt oder lächerlich macht, lassen Sie nicht gelten?

Das Gegenteil stimmt: Weil die Politik immer lächerlicher wird, genau deswegen mache ich dieses Projekt. Nicht, um die Politik lächerlich zu machen. Letztendlich will ich der Politik helfen. Dass sich die Politiker vielleicht einmal bei der Nase nehmen und nicht bei jedem Blödsinn mitmachen. Ein Beispiel: Warum muss ein Bundespräsidentschaftskandidat Eierspeise kochen können vor laufender Kamera? Da brauchen wir Politiker, die sagen: "Wissen sie was, ich koche Ihnen keine Eierspeise, weil ich Bundespräsident werden möchte und nicht Eierspeisekoch. Und jetzt geht‘s scheiß'n". Umgekehrt braucht es auch verantwortungsvolle Redakteure, die nicht über jede blöde Aussendung  von einem Parteipressesprecher berichten. Man müsste in der gesamten politischen Kultur den Anspruch wieder etwas in die Höhe schrauben.

Einerseits will man gewisse Dinge nicht unsichtbar machen, und andererseits bringt ein Politikerstreit oft die bessere Quote.

Aber da beißt sich die Katze in den Schweif. Das ist eine Spirale, die uns ganz tief nach unten führt. Bis es dann soweit ist, dass einer sagt: "Selbst wenn ich auf der Kärntner Straße jemand erschieße, würdet’s ihr mich wählen."

Teil 2

"Trump sells"

Spielen Sie auf Trump an?

Ja. Das ist der Weg, wo das letztendlich hingeht. Für die Medien ist Trump natürlich gut. Trump sells, der ist nie langweilig. Aber man muss nicht jeden Pfurz, den Herr Trump gerade gelassen hat, als ganz groß und ganz wichtig darstellen. So wichtig ist der Herr Trump nicht.

Wobei Trump sich betont als Nichtpolitiker inszeniert hat und viele Leute angesprochen hat, die das Establishment und die Politik nicht so gut finden. Müsste Ihnen das nicht eigentlich gefallen, dass man damit derartigen Erfolg haben kann?

Nein, das würde mir gar nicht gefallen. Es darf nicht Sinn von Politik sein, dass ich Erfolg habe. Politik muss so sein, als würde ich beim Roten Kreuz arbeiten. Ich fahre auch nicht bei der Rettung mit, weil ich Erfolg haben will, sondern weil ich Menschen helfen will. Wenn ein Herr Faymann vor jungen Menschen sagt: Sein Ziel als Politiker ist es, Wahlen zu gewinnen, dann gehört er eigentlich sofort entlassen.

Es ist viel davon die Rede, dass die klassischen Medien nicht mehr allein die Deutungshoheit haben und sich viel in den sozialen Medien abspielt. Sehen Sie das als Chance für Ihre Ambitionen?

Das ist sehr, sehr heikel. Es ist natürlich eine Chance, die man früher nicht gehabt hätte. Andererseits kommt da etwas ganz Furchtbares auf uns zu, durch die Neuen Medien, überhaupt durch die Digitalisierung der Welt. Wir werden auf Probleme stoßen, die wir noch überhaupt nicht abschätzen können. Und da sind wir wieder bei Trump. Das Phänomen wird ja von den anderen Medien noch befördert, weil alle mitspielen. Es wird ständig über neue Trump-Tweets berichtet, damit gibt man Twitter und Facebook noch eine furchtbare Bedeutung, als ob das ganz was Wichtiges wäre. Und so schaukelt sich das auf, und wohin die Reise geht, kann heute keiner beantworten. Ich fürchte, dass irgendwann die Politik und die Parteien möglicherweise gar nichts mehr zu sagen haben und letztendlich Menschen im Silicon Valley bestimmen, was auf der Welt passiert. Wenn’s ganz schlimm hergeht.

Sie malen manchmal solche Drohbilder an die Wand wie gerade jetzt. Glauben Sie nicht, dass Sie dadurch auch Menschen anziehen, die politikverdrossen sind, die aber auch rechte Gedanken haben und vielleicht keine vielfältige Gesellschaft wollen?

Nein, das sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Wenn ich sage, dass ich mir nicht sicher bin, wer dann am Ende des Tages bestimmt, was passiert, dann gibt es das ja teilweise schon: Apple sagt, ich zahl ganz einfach keine Steuern und die Iren sagen dann noch: Ja bitte, bitte zahlt uns dieses Geld nicht. Ich weiß nicht, was daran rechts sein soll.

INTERVIEW: ROLAND DÜRINGER Foto: APA/HANS KLAUS TECHT

Ich meine damit nicht, dass Sie eine rechte Ideologie vertreten, aber dass sich bei diesen Themen im Internet viel Ärger Luft macht, der auch anhand von Hasspostings zu beobachten ist.

Aber das ist ganz einfach da und hat nichts mit Rechts oder Links zu tun. Es ist doch immer so: Die Demokratie hat ein massives Problem an sich. So lange die Menschen ökonomisch versorgt sind, funktioniert es, weil für sie alles passt. In dem Moment, an dem nichts mehr zu verteilen ist und die Menschen das in ihrem realen Leben spüren, werden sie unzufrieden. Und wenn Unzufriedenheit herrscht, sucht man eine Ursache. Das erste, das sich anbietet, ist gleich einmal die Politik. Und dann sucht man immer irgendwie sein Heil in den Extremen, weil man sich eine Veränderung wünscht. Das ist ein ganz normaler Mechanismus.

Wo sehen Sie die ökonomischen Probleme?

Was haben wir als Gesellschaft geglaubt? Dass es ewig so weiter geht? Der Wohlstand immer mehr anwächst, das Wirtschaftswachstum immer mehr steigen wird? Wie soll das gehen, woher soll das kommen? Vor allem, wenn ich mir auf Pump Werte aus der Zukunft geholt habe, ohne darüber nachzudenken, wer das letztendlich bezahlen wird. So etwas nennt man in meinen Augen Rauben und Plündern. Wir müssen uns eingestehen, dass meine Generation auf Kosten unserer Kinder recht gut gelebt hat. Wenn man das ausspricht, hat das nichts mit Rechts und Links zu tun, das sind rein ökonomische Dinge. Natürlich gibt es immer Gruppierungen, die das ausnützen. Die AfD in Deutschland zum Beispiel ist ja keine Partei für den kleinen Mann, das sind Neoliberale, aber sie wissen halt, wie ‘s geht.

Und wie geht es?

Das rechte Lager - es gibt ja kaum erfolgreiche Linksparteien in Europa außer in Griechenland oder in Spanien – macht etwas, das die Politik sonst verabsäumt hat. Die gehen auf die Straße und reden mit den Leuten und wenn es das depperte Bierzelt ist oder diese "Wir sind das Volk"-Schreierei, aber sie kommunizieren. Und dadurch fühlen sich diese Menschen gehört. Das ist zwar schlecht, aber man darf es nicht verurteilen, weil wir soziale Lebewesen sind.

In dieser Situation wollen Sie jetzt ein politisches Angebot machen …

Ist es wirklich ein politisches Angebot? Es gibt nur eine Möglichkeit.

Sie wollen ja kein Parteiprogramm veröffentlichen.

Nein, das gibt es nicht.

Sie werden aber ihre Ideen verbreiten wollen. Wollen sie sich wirklich nur zu Fehlern der Politik äußern, und nicht zu konkreten Fragen der Sozialpolitik zum Beispiel?

Nein, das ist nicht das Thema. Das Projekt "Gilt" wirft kein Licht auf Inhalte und Sachfragen, sondern auf das Verhalten in der Politik. Jeder Schullehrer hat ein Programm, einen Lehrplan – trotzdem wird das sehr unterschiedlich von den Kindern aufgenommen, weil es letztlich darum geht, ob er fähig ist sie für Inhalte zu begeistern. Wenn wir heute beobachten, wie Politik wirklich funktioniert: jede Partei hat Programme und Inhalte, aber letztendlich, wenn es ans Eingemachte geht, sind die ihnen vollkommen wurscht. Dann geht es darum, an der Macht zu bleiben, im Spiel bleiben. Das ist auch ein menschliches Verhalten, Handeln aus Eigennutz. Ich glaube aber, dass in unserem politischen System dieses Verhalten sogar belohnt wird, und das finde ich schlecht.

Sie sprechen in ihrem Buch von Sesselklebern und Parasiten, was schon eine sehr harte Ausdrucksweise ist.

Ja, aber die gibt es. Jeder, der ein bisschen Einblick hat, weiß das. Es sind ja auch nur Menschen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, um ihre ökonomische Versorgung. Der muss dort kleben bleiben und wird alles dafür tun, damit er dort klebt. Politiker sollten bereit zu sein etwas herzugeben, und nicht etwas zu erhalten, sei es eine Karriere, sei es Macht, sei es Geld - obwohl Geld wahrscheinlich gar nicht das Vordergründige ist. Letztlich geht es um Anerkennung. Das Parteiensystem ist etwas, das dieses Politikerbild unterstützt.

Jetzt möchte ich nicht Sprecher der Regierung sein. Aber in den letzten Wochen wurde versucht, zu dokumentieren - oder zu inszenieren, würden Sie vielleicht sagen -, dass man jetzt ein Programm abarbeitet und sich nicht mehr mit reiner Parteipolitik aufhalten will. Sehen Sie das als guten Ansatz?

Wenn die Bundesregierung sagt, sie will jetzt arbeiten, dann glaube ich sogar, dass sie es will. Aber wenn ein Bundeskanzler in einer Rede an die Nation sagt, er wünscht sich einen Mindestlohn von 1.500 für jeden Österreicher jede Österreicherin, und die ersten die Nein sagen, ist die Gewerkschaft. Dann muss ich mich schon fragen: Warum?

Es hieß, sie wollen weiterhin Mindestlöhne über die verschiedenen Kollektivverträge verhandeln.

Genau. Jetzt würde es aber einmal darum gehen, dass man den Mindestlohn hinaufsetzt und für alle gleich gestaltet. Wie man das bezahlen soll, ist wieder eine andere Frage. Aber dass die Gewerkschaft dagegen ist und sagt: 'Wir wollen das verhandeln', ist klar. Weil sonst eines Tages die Berechtigung der Gewerkschaft wegfallen würde. Wir sind gerade in einer Phase, wo irrsinnig viele Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegfallen. Das hat der Herr Kern auch schön gesagt: Jeder der heutzutage an einem Schreibtisch sitzt, gehört einer aussterbenden Spezies an. Wenn der Herr Kern so etwas sagt, auch wenn es schmerzlich ist, finde ich es insofern gut, dass einer wenigstens einmal mit offenen Karten spielt. Ich bin kein SPÖ-Fan, aber ich will damit nur zeigen, dass es sehr wohl auch Leute gibt, auch andere, die das wirklich gut machen würden. Man müsste die nur in Ruhe arbeiten lassen, das wäre wichtig, und nicht immer nur aus der zweiten Reihe zündeln. Und das sind für mich die Parasiten.

Sie stoßen sich also hauptsächlich am Parteiensystem?

Wir werden irgendwann das Parteiensystem hinterfragen müssen. Der Ursprung der Demokratie in Athen, da gab es eine Volksversammlung, aber keine Parteien. Für die Griechen, die Erfinder der Demokratie, wäre es undenkbar gewesen, dass Interessensgruppen mitstimmen. Und warum muss Demokratie immer gleich wählen sein? Kann Demokratie nicht per Los funktionieren?

Dann hätte man aber keine Sicherheit darüber, wer gerade bestimmt.

Wieso? Immer der, der dran ist. Nehmen wir an, es gebe einen Pool an 500.000 Menschen in Ö, die bereit wären ein politisches Amt zu übernehmen und wissen, sie werden irgendwann für ein Jahr drankommen. Sie bekommen nichts dafür, aber dürfen das machen. Wir werden auch über die Demokratie nachdenken müssen. Nicht nur in Österreich, auch in Europa. Was ist Demokratie überhaupt? Bei uns ist alles schon so eingefahren. Rot und Schwarz wirkte über Jahrzehnte wie ein Krake. Das ist jetzt vorbei. Aber was wird jetzt kommen?

Die rot-schwarze Dominanz wird ja auch von anderen Parteien kritisiert, FPÖ, Neos, die Grünen. Bei populistischen Parteien wie der FPÖ ist oft zu beobachten, dass sie sehr oft wissen, was falsch läuft, aber oft nicht entsprechende Alternativen anbieten. Bei Ihrem Projekt hat man den Eindruck, dass ausschließlich kritisiert wird.

Moment, sie vergleichen gerade politische Parteien mit dem Projekt "Gilt". "Gilt" ist keine politische Partei, die den Anspruch stellt, den Wählern etwas zu versprechen, was sie für den Wähler verbessern werden. Nein, es ist nichts anderes als die Möglichkeit bei der nächsten Wahl eine Botschaft zu hinterlassen. Die Botschaft: Ich bin Nichtwähler. Ich möchte nur, dass ich in Prozentpunkten registriert bin. Darum geht es.

Steht dabei auch im Hintergrund, dass die etablierten Parteien weniger Prozentpunkte haben sollen?

Das ist einfach Mathematik. Wenn der ganze Kuchen Hundert Prozent ist, und dann bekommen noch mehr Leute davon ein Stück, dann ist für die anderen weniger da. Aber der Ansatz ist nicht, den anderen etwas wegzunehmen, sondern selbst ein Stück vom Kuchen zu haben.

Wenn sich die Nichtwähler zu "Gilt" bekennen …

... wir reden von einer ganz kleinen Minderheit der Nichtwähler, für die das überhaupt interessant ist.

Was passiert nach der Wahl?

Wenn es unter vier Prozent bleibt, ist es ein einmaliges Ereignis, dann ist es erledigt, es gibt keine Nachgeschichte. Wenn das Projekt mehr bekommt, beginnt etwas ganz anderes.

Mit Ihnen?

Nein!  Für mich ist das Projekt am Wahlsonntag beendet!

Aber was geschieht mit der Liste im Parlament?

Für den Fall, dass "Gilt" wirklich einzieht, haben wir uns überlegt: Lassen wir die Plätze frei, setzen wir Stofftiere hin oder lassen wir sie mit realen Menschen besetzen. Letztendlich ist das die schönere Variante. Man muss ja auch einen Wahlvorschlag einbringen, auf dem Menschen draufstehen.

Wie werden Sie die Leute aussuchen?

Ich werden Aufruf über meine Kanäle starten und Leute suchen, die bereit wären zu gestalten, sich in den Nationalrat zu setzen und den Menschen ein bisschen zurückzugeben von ihrem Gehalt. Das wären dann freie Abgeordnete, die nur ihrem Gewissen verpflichtet sind, und nicht einer Partei oder einem Klub. Oder "wilde Abgeordnete", das klingt so schön.

Wenn sich mehr Leute melden als für die Listenerstellung nötig ist, würden Sie dann das Los entscheiden lassen?

Ja, das halte ich für sinnvoll. Man wird natürlich schauen, dass es einigermaßen vernünftige Menschen sind, mit denen man ganz normal reden kann, die nicht irgendeine Agenda reinbringen, nicht die Welt retten wollen, das Geldsystem abschaffen wollen oder gegen Chemtrails ankämpfen – das brauchen wir nicht. Es gibt einfach Vollflaschen und die gehören dort nicht rein, das ist keine Frage. Wir brauchen einfach vernünftige Menschen, die einen nüchternen Blick auf die Realität haben. Möglichst frei von Ideologien, das wäre ganz wichtig.

Sollten diese Leute durch ihre Tätigkeit dann doch der herkömmlichen Parteipolitik anheimfallen, sind Sie dann einfach der Beobachter, der sich das anschaut oder greifen Sie ein?

Natürlich werde ich das weiter beobachten. Was sie dann machen werden, ist wirklich Zukunftsmusik, die müssen wirklich anfangen sich etwas zu überlegen. Aber es ist ja auch spannend, wenn da jemand reinkommt, der nicht über den normalen Weg einer Parteikarriere gekommen ist. Das ist dann ein ganz anderer Zugang, oder?

Sollten diese Leute einziehen und nach vier Jahren erneut antreten wollen, müssten sie sich das selbst regeln?

Natürlich! Ich bringe nur das Taxi hin. Ich sage, fahrt mit, ich kann euch hinbringen, aber dann seid ihr euch selbst überlassen. Bürger und Bürgerinnen, die parteilos sind, sitzen dann im Parlament. Vielleicht machen die tolle Sachen, vielleicht auch nicht, verschwinden wieder. Aber an sich richtet es keinen Schaden an.

Teil 3

Stronach als Negativbeispiel

Frank Stronach hat sich nach seiner ersten Wahl als Parteigründer zurückgezogen. Gibt es da Parallelen zu Ihnen?

Das Team Stronach ist ein Beispiel dafür, wie es falsch laufen könnte. Ich selbst bin 2012 bei Stronach gesessen, er hat sich mit verdammt vielen Leuten getroffen. Eine Stunde lang hat er mir seine Welt erklärt, ich ihm meine. Wir haben gesehen, dass passt gar nicht zusammen. Was damals aber schon klar herausgekommen ist: Stronach will nicht selbst in die Politik, er möchte nur ein Projekt unterstützen, das vielleicht die Politik in dem Land verändern kann. Aber wenn jemand so viel Geld hat, welche Menschen zieht der in der Regel an? Ich bin mir sicher, dass viele die bei Stronach tätig waren, in die Brieftasche von Herrn Stronach greifen wollten. In meine Brieftasche kann man gern greifen, aber da ist nichts drin. (lacht)

INTERVIEW: ROLAND DÜRINGER Foto: APA/HANS KLAUS TECHT War das Team Stronach trotzdem eine Inspiration für Sie?

Nein, gar nicht, weil es ja wieder Teil des Systems war. Mir er dann fast leid getan. Weil er seine ganze Souveränität die er in seinem Kosmos hat, verloren hat. Plötzlich ist er aufs große Schlachtfeld gegangen, als alter Mann, schwitzend, der Sprache nicht mächtig, und wurde dort einfach zerlegt, logischerweise.

Was Stronach passiert ist, kann Ihnen nicht passieren?

Nein, weil der wollte etwas. Ich will nichts erreichen in der Politik. Gar nichts.

Und der Komiker Beppe Grillo …

.. ist auch etwas ganz anderes. Bei seiner Bewegung steckt auch eine Agenda und eine Ideologie dahinter, "Gilt" ist nur eine Möglichkeit. Wurscht was rauskommt, es ist gut. Weil das Projekt ist das Projekt.

Haben Sie sich auf viel Gegenwind eingestellt?

Es werden sicher alle Hebel in Gang gesetzt werden, um das irgendwie schlecht zu machen und schlecht zu reden. Aber sobald du irgendwie auf "Gilt" reflektierst, bist du schon Teil von "Gilt". Wer irgendwie schlecht über den Düringer schreibt, ist Teil des Projekts, weiß aber noch nicht, dass er mitspielt.

Das erinnert ein bisschen an Schlingensiefs Aktionen. Die Medienaufregung wurde irgendwann selbst zum Kunstobjekt.

Genau, das ist eigentlich Aktionismus, etwas, das ich bis jetzt noch nie gemacht habe. Ich war immer in einem geschützten Raum, ob auf der Bühne oder am Filmset. Und jetzt mache zum ersten Mal in meinem Leben sozusagen Straßentheater und schaue wie die Gesellschaft darauf reagiert.

Dennoch wirken sie eigentlich geerdet. Man hat den Eindruck, es ist Ihnen sehr ernst mit der Sache.

Sie müssen das, was sie über die Medien über mich erfahren, von dem unterscheiden, wie ich wirklich bin. Wenn man über mich schreibt: "Der Wutbürger, der frühere Benzinbruder, der Aussteiger, der Ökofuzzy", dann ist das für mich vollkommen bedeutungslos. Es ist mir "rotzi". Aber das Projekt ist mir sehr wohl ernst, kann man nicht so nebenbei machen. Dennoch hoffe ich, dass wir und alle, die mit dem Projekt "Gilt" Freundschaft schließen können, einen wirklichen Spaß haben. Dass wir am Wahlsonntag dann wirklich herzhaft lachen können und sagen: Das war die größte Gaudi, die wir jemals gehabt haben bei einer Wahl. Das ist es, aber es ist ernst.

Haben Sie ein Beispiel für den "wirklichen Spaß"?

Ein Wahlversprechen kann ich jetzt schon abgeben. Ich bin der erste Politiker in diesem Land, der sein Wahlversprechen auch halten wird: Sollten wir nicht die Absolute Mehrheit schaffen, muss ich mir die Niederlage eingestehen und trete von allen Ämtern zurück.

Und wenn sie die Absolute schaffen?

Dann hab ich ein Problem, aber ein Wirkliches. (lacht) Aber wir wollen ja nicht mit dem Schlimmsten rechnen, oder?

(lacht)

Termine

Buch und Kabarett

Das Buch
"Meine Stimme gilt! ... und deine?" beschreibt die Genese der Projektidee und kommt auch ein bisschen als Lektion in politischer Bildung für Politikverdrossene daher. Also vielleicht doch eine Art Parteiprogramm, oder eher ein Antipartei-Parteiprogramm?

INFO: Roland Düringer: "Meine Stimme gilt! ... und deine?", Brandstätter Verlag 2017, 248 Seiten, 22,90 Euro.

Weitere Präsentationstermine: 16. Februar, Buchhandlung Riegler in Bruck/Leitha; 7. März, Cinema Paradiso in St. Pölten; 8. März, Thalia Mariahilfer Straße in Wien; 17. März, Buchhandlung Seeseiten in Wien

dueringer4.jpg Foto: Manfred Weis/Brandstätter Verlag Düringer präsentiert in 'Kanzler'-Kostüm sein Buch

Das Kabarett
Düringers neues Kabarettprogramm "Der Kanzler" soll am 17. Oktober in Linz Premiere haben. Mit seinem politischen Engagement habe das "Kanzler"-Programm gar nichts zu tun, sagt Düringer, "nur insofern, dass mein Lebensthema derzeit die Politik in diesem Land ist und ich mich am politischen Prozess zu beteilige". Das Selbststudium war von Anfang an Düringers kabarettistischer Ansatz. In seinem ersten Kabarett-Programm "Atompilz von links" verarbeitete er als Teil der Gruppe "Schlabarett" seine Zeit beim Bundesheer, für "Hinterholz 8" hat der Kabarettist eigenhändig ein Haus renoviert, vor "Superbolic" stählte er im Fitnesscenter seine Muskeln. Für "Der Kanzler" schlüpft er nun zum ersten Mal seit Jahren wieder in eine neue Rolle.

Das Thema, soweit von Düringer bisher verrraten: Als Kanzler in einem fiktiven Land steht er auf einer Dachterrasse und bereitet sich auf seinen Rücktritt vor. Dabei wird er viele Telefongespräche führen und SMS verschicken. Was heißt es, in der Politik zu sein, woran leidet man und welche Hoffnungen hat man?

ROLAND DÜRINGER BUCHPRÄSENTATION "MEINE STIMME GIL Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

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