Politik | Inland
22.07.2014

Die Politik-Praktikantin

Burgenlands Grünen-Landessprecherin will wissen, wovon sie als Politikerin redet: Regina Petrik jobbte je einen Monat im Supermarkt, im Restaurant und im Pflegeheim.

Was wissen Volksvertreter vom Volk? "Viel zu wenig", befand die burgenländische Grün-Politikerin Regina Petrik und trat zurück – um die Wissenslücke zu verkleinern. Die 50-jährige Landessprecherin der Grünen gab ihren einzigen bezahlten Job als Landesgeschäftsführerin und damit 21.000 Euro netto Jahressalär ab und hantelt sich im Monatswechsel noch bis Ende des Jahres als Praktikantin durch die Arbeitswelt, ehe sie wieder ganz in die Politik zurückkehrt. Bis dahin lebt die alleinerziehende Mutter dreier Kinder im wesentlichen von Erspartem und dem Praktikanten-Lohn. Bei der Landtagswahl 2015 will Petrik erstmals ins Landesparlament. Die Grünen peilen eine Verdoppelung auf zwei Mandate und Klubstatus an.

Motiv

"Je mehr Perspektiven ich einnehme, desto besser wird das Ergebnis der politischen Arbeit sein", begründet die Grüne ihr breitgefächertes Lehrjahr, das sie bisher unter anderem in einen Supermarkt, ein Restaurant und ein Pflegeheim geführt hat. "Ich habe keinen Tag bereut". Wo liegt der politische Mehrwert? Die Tarife für die Zeit, die ein Pfleger für einen Heimbewohner aufwenden darf, sehe sie nun mit anderen Augen und die würde sie auch in der Gesetzgebung im Landtag nicht verschließen, nennt Petrik als Beispiel.

Oder die Frage des Mindestlohns: Seit Mitte Juli arbeitet sie in Oberwart in einem Wäschekonzern. "Der erste Tag war bis dato der schwierigste", erzählt die Eisenstädterin. Im Werk werden die Teile eines BH zusammengeklebt, für einen Stundenlohn von 6,86 € legt Petrik den Näherinnen die sortierten und abgezählten Stücke zurecht. "Ich musste fast immer stehen, die Luft wird stickig, dazu Maschinenlärm".

Petrik kommt aber nicht als "Aufdeckerin" in die Firmen, das hat sie den Chefs versprochen. Insgesamt spüre sie bei Arbeitgebern und Kollegen "die Freude, dass da jemand nicht nur für ein Foto kommt. Im Supermarkt war die Kollegin überrascht, dass ich hackle". Auch ihre Vorgesetzte stellen der Politikerin als Praktikantin ein sehr gutes Zeugnis aus.

Deshalb wehrt sie sich gegen Vorwürfe, ihr Praxis-Jahr sei ein Polit-Gag. Zumal sie diese "Ausflüge" in andere Arbeitswelten auch als Mandatarin fortsetzen will. Dass sie bei der Arbeit auch gesehen werden und damit Wähler ansprechen möchte, die "Politik von unten" schätzen, gibt Petrik unumwunden zu.

Für Politikberater Thomas Hofer ist dennoch eine "Inszenierung" nicht ganz von der Hand zu weisen, schließlich befinde man sich "ein Dreivierteljahr vor der Landtagswahl". Dass Praktika die passende Therapie gegen Polit-Frust seien, bezweifelt Hofer. Ein generelles Modell seien sie definitiv nicht.

Das bestreitet Petrik gar nicht. "In dieser extremen Form kann man das von niemandem verlangen, aber zwischendurch ein bissl was Verrücktes zu machen, ist meins". Sollte das bei den Grünen Usus werden? "Mit Müssen geht’s nicht, aber ich bin überzeugt, dass es jedem guttäte", fühlt sich Petrik von der Bundespartei aber "moralisch großartig unterstützt".

Rückkehrrecht

Könnte sie sich vorstellen, aus einem der Praktika einen Dauerjob zu machen, wenn‘s mit dem Einzug in den Landtag nicht klappt? "Wenn ich als Listenerste nicht hineinkomme, muss ich mir schon andere Gedanken machen", aber sie habe mit dem Marktleiter und Kollegen im Supermarkt vereinbart, "dass ich wiederkomme, wenn mir die Politik auf die Nerven geht".

Zur Person

Regina Petrik (50) stammt aus einer ÖVP-Familie, Mutter Eva gehörte zu Erhard Buseks „Bunten Vögeln“ und war Präsidentin der Katholischen Aktion (KA). Regina Petrik, die aus familiären Gründen ins Burgenland gekommen ist, war hingegen nie bei der ÖVP, aber Vizepräsidentin der KA. Ende 2010 stieg die studierte Pädagogin als Landesgeschäftsführerin bei den Grünen ein, die Funktion legte sie heuer zurück. Seit 2012 ist sie auch Landessprecherin.