Politik | Inland
15.05.2017

Pressestimmen zu Kurz: "Wunderwuzzi muss ran"

"Antriebs- und ideenlose ÖVP begibt sich schicksalsergeben in Kurz' Arme." / "Kleindiktator." / "Diese Dynamik kann die ÖVP brauchen, möglicherweise auch das stagnierende Österreich."

Führende Tageszeitungen in der Schweiz und in Deutschland haben am Montag die Kür von Außenminister Sebastian Kurz zum Vorsitzenden der "Liste Sebastian Kurz - die neue Volkspartei" und die innenpolitischen Entwicklungen in Österreich wie folgt kommentiert:

Neue Zürcher Zeitung (NZZ)

"Der 'Wunderwuzzi' muss ran: Die Österreicher kennen eine schöne Bezeichnung für eine Person, der scheinbar alles gelingt: 'Wunderwuzzi'. (...) Kurz verlieh der österreichischen Außenpolitik ein schärferes Profil, erlaubte sich kaum Fehler und rühmte sich der Schließung der Balkanroute, für die Wien viel kritisiert und schließlich beklatscht wurde. Ob Kurz das Attribut 'Wunderwuzzi' zu Recht zugeschrieben wird, kann er nun unter Beweis stellen. (...)

Doch selbst wenn Kurz im Dreikampf mit Kern und dem FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache obenaus schwingt, ist sein Einzug ins Kanzleramt ungewiss. Nach den jüngsten Ereignissen ist eine Wiederauflage der Koalition mit der SPÖ nicht vorstellbar. Kurz' Plan eines Zusammengehens mit der FPÖ könnte jedoch scheitern, weil den Freiheitlichen die erste schwarz-blaue Koalition unter Wolfgang Schüssel in schlechter Erinnerung ist. Sie lagen danach darnieder. Zudem ist Kurz in der FPÖ unpopulär, hat er ihr doch das Ausländerthema weggenommen. Einige Freiheitliche bevorzugen offen ein Zusammengehen mit der SPÖ. Der 'Wunderwuzzi' würde dann jener Parteichef, der die ÖVP erstmals nach 30 Jahren in die Opposition führt."

In einem anderen Kommentar der " NZZ" hieß es:

"Dem Jungstar ausgeliefert. Sebastian Kurz stellt die Bastion des österreichischen Konservatismus auf den Kopf: Die altehrwürdige Österreichische Volkspartei (ÖVP) hat die forschen Forderungen des 30-jährigen Jungstars geschluckt und ihn zum neuen Parteichef gewählt. Kurz will eine neue Partei, die völlig auf ihn zugeschnitten ist - genau das Gegenteil dessen, was die ÖVP heute ausmacht.

Dass sich diese dennoch schicksalsergeben in Kurz' Arme begibt, zeigt, wie antriebs- und ideenlos die ÖVP geworden ist. Ihre Landeshauptleute und Bünde verteidigen bloss ihre Fürstentümer und Sonderinteressen. Staatstragend ist das schon lange nicht mehr, es sei denn, man verstehe darunter die Verwaltung des Stillstands. Kurz wirbelt nun den Staub auf, der sich über Jahrzehnte in den muffigen Hinterzimmern angesammelt hat - mit markigen Worten und Respektlosigkeit. Diese Dynamik kann die ÖVP brauchen, möglicherweise auch das stagnierende Österreich."

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)

"Kurz und gut. Was Sebastian Kurz von den Granden seiner Partei, der ÖVP, verlangte, soll einer von ihnen unwillig so ausgedrückt haben: Dass sie sich "nackert ausziehen". So drastisch das in der vergangenen Woche geklungen haben mag, so treffend erschien die Formulierung am Sonntag, nachdem im Detail die Vorstellungen des Jungstars der österreichischen Christdemokraten bekanntgeworden waren. Kurz will tatsächlich nicht nur ein Neuer an der Spitze der Partei sein, die in den vergangenen Jahren im Vorsitzendenverschleiß ähnlich verschwenderisch war wie die SPD in Deutschland. Er will etwas Neues schaffen. Kurz forderte ein volles Durchgriffsrecht auf Personal und Inhalt der Bundespolitik der ÖVP. Sonst werde er den Vorsitz der Partei, der ihm allseits angetragen wurde, nicht übernehmen. Sie soll eine Art Sebastian-Kurz-Wahlverein werden."

Tageszeitung (taz)

"Kurz wird Kleindiktator. Sebastian Kurz fordert totale Unterwerfung. Sebastian Kurz hat es als Außenminister verstanden, sich zu profilieren, ohne sich in den Niederungen des Politalltags abmühen zu müssen. Keiner hat sich beim Ministerrat so oft entschuldigen lassen. Und es sind nicht nur außenpolitische Termine, die ihn in Anspruch nahmen. Zuletzt tourte er durch die Bundesländer, um sich für höhere Weihen zu empfehlen, nicht ohne stets zu betonen, dass er den Parteivorsitz nicht anstrebe. Noch vor einer Woche hatte er versichert, 'im derzeitigen Zustand' der Partei sei das kein erstrebenswertes Ziel.

Sebastian Kurz, der als " das größte politische Talent" der ÖVP seit Jahrzehnten gepriesen wird, freut sich über Umfragewerte, die in keiner Relation zu messbaren Leistungen stehen. (...) Sebastian Kurz, einer der schärfsten Kritiker des türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan, fordert jetzt für sich ähnliche Vollmachten, wie sie sich der türkische Präsident in die Verfassung schreiben ließ. Man darf gespannt sein, ob die Partei so desolat ist, dass sie da mitgeht."

Dnevnik

Die Wahl des Außenministers Sebastian Kurz zum neuen ÖVP-Obmann und die bevorstehenden Neuwahlen haben am Montag auch slowenische Medien beschäftigt. Mit Kurz an der ÖVP-Spitze werde der Zweikampf zwischen SPÖ und den Freiheitlichen zu einem "Dreikampf" werden, schreibt die Tageszeitung "Dnevnik" am Montag.

"Kurz setzt vor allem auf seine breite Beliebtheit", kommentiert die Laibacher Zeitung. "Mit seinen scharfen und bei den Wählern beliebten Recht-und-Ordnung-Ansichten und gleichzeitiger sozialliberaler Anschauung (was die sexuelle Orientierung oder Geschlechtergleichstellung angeht) dürfte Kurz erfolgreich sowohl sozialdemokratische als auch freiheitliche Wähler ansprechen können", so "Dnevnik".

"One-Man-Show", heißt es in "Dnevnik" zu den Bedingungen, die Kurz für die Übernahme des ÖVP-Chefpostens gefordert hat. Die Bedingungen seien "umstürzlerisch und nahezu ultimativ" gewesen, dennoch habe sie die Parteiführung einstimmig angenommen. "Alle sehen die Konzentration der Macht in den Händen des neuen Parteivorsitzenden", betont die Zeitung.

Indem die ÖVP auf alle Forderungen von Kurz eingegangen war, werde es in ein paar Monaten die Volkspartei, wie man sie gut 70 Jahre in der Zweiten Republik gekannt hat, nicht mehr geben, so "Dnevnik". "An ihre Stelle kommt Liste Sebastian Kurz - die neue Volkspartei". "Als solche hatte die Partei in dem letzten Jahrzehnt vier Obmänner abgenutzt, wobei sie wegen ständigen innenparteilichen Beinstellen schnell die Wähler verloren hat."

"Die Volkspartei in Österreich hat sich 'de facto' selbst abgeschafft. Sie erlaubte Sebastian Kurz eine 'freundliche Übernahme'", twitterte unterdessen der frühere slowenische Justizminister Ales Zalar (2008-2011) am Sonntag.

Vecer

"Neuwahlen in Österreich schon im Herbst? Die Freiheitlichen können es kaum erwarten", lautet der Titel in der Marburger Tageszeitung "Vecer". Der Erfolg ihres Kandidaten Norbert Hofer bei der Präsidentenwahl habe die Freiheitlichen beflügelt. FPÖ-Chef "Heinz-Christian Strache gehört zu denjenigen, die sich vorgezogene Parlamentswahlen in Österreich am meisten wünschen".

> > Hier geht's zum KURIER-Liveblog "Regierung am Scheideweg"