Causa Pilnacek: Privatgutachter glaubt an einen Unfall
Drei Stunden Aktenstudium, dabei noch ein Video von der Auffindungsstelle geschaut – und der Innsbrucker Gerichtsmediziner Stefano Longato ist mit seinem Gutachten, für das er tarifmäßig 1.000 Euro verrechnet hat, auch schon fertig: Christian Pilnacek sei am 20. Oktober 2023 mehrmals gestürzt, ins Wasser geraten und dabei gestorben.
Es gebe „mehrere objektivierbare Umstände, die ein Unfallgeschehen plausibel erscheinen lassen“, während sich für Gewalteinwirkung durch fremde Hand oder ein Tötungsdelikt keine Hinweise ergeben hätten. Auch ein Suizid könne weder bewiesen noch ausgeschlossen werden, erklärt Longato am Mittwoch als Auskunftsperson im U-Ausschuss.
Longato beurteilt den Todesfall Pilnacek – ohne den Leichnam oder Fotos davon gesehen zu haben – anders als der behördlich bestellte Gerichtsmediziner Christian Matzenauer, und Longato widerspricht auch seiner Fachkollegin Elke Doberentz, die für die ergänzenden Erhebungen der Staatsanwaltschaft Eisenstadt eine Art „Obergutachten“ erstellt hat.
Doberentz ging „am ehesten von einem suizidalen Ertrinken“ aus und fand keine Hinweise für einen Unfall oder Fremdeinwirkung. Deshalb wurde das Verfahren kürzlich eingestellt.
Im „Bunker“
Dass unterschiedliche Gutachter zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, das sei normal, erklärt Longato den Abgeordneten im U-Ausschuss. Für die Fragestellung seines Auftraggebers seien die Unterlagen ausreichend gewesen. Die lautete, ob die Befunde die Annahme eines Suizids tragen würden oder nicht.
Sein Auftraggeber, das ist Peter Pilz – Ex-Politiker und Autor eines Buches sowie mehrerer Artikel auf einer Onlineplattform, die regelmäßig Gegenstand von Klagen sind. Pilz hat Longatos Einschätzungen im Buch verarbeitet – und sie für Gedankenspiele rund um ein Mordkomplott verwendet.
Die ÖVP sprach im Vorfeld der Befragung, die auf FPÖ-Wunsch erfolgte, von einem „neuen Tiefpunkt“. Die Neos erklärten, sie hätten keine Fragen an den Privatgutachter, weil dieser nichts zum Untersuchungsgegenstand beitragen könnte. „Ein U-Ausschuss ist kein True-Crime-Podcast“, sagte Sophie Wotschke. In der Sitzung winkt sie Fragerunde um Fragerunde ab, bedankt sich bei der Auskunftsperson aber trotzdem für seine Zeit.
Longato weist die Verantwortung für jegliche Spekulation zurück: Er habe Pilz mehrere Erklärungen für die Verletzungen geliefert, „wie er diese interpretiert, liegt nicht in meiner Hand“. Umgekehrt habe ihm Pilz auch keine These vorgegeben und ihn auch sonst nicht beeinflusst. Ob er noch einmal für Pilz arbeiten würde? „Ja, warum denn nicht?“
Auf Nachfrage einer FPÖ-Abgeordneten, ob die Verletzungen am Kopf durch Schläge entstanden sein könnten, sagt Longato noch einmal klar: „Nein, so würde ich das nicht interpretieren.“
Engpass bei Gerichtsmedizinern
Die SPÖ fokussiert sich bei ihren Fragen auf Fachliches – etwa, ob es einen Unterschied macht, wenn eine Obduktion erst eine Woche nach dem Tod stattfindet. „Nicht, wenn der Leichnam wie im Fall Pilnacek korrekt gelagert wurde“, sagt Longato, und macht auf einen Engpass in seiner Zunft aufmerksam: Österreichweit gebe es nur 20 Gerichtsmediziner. Kein Wunder also, wenn es da zu Verzögerungen kommt.
Das Gutachten von Matzenauer sei allerdings „ausgezeichnet“ gewesen.
Nach etwas mehr als zwei Stunden müssen Medien am späteren Nachmittag den Raum verlassen – für die Abgeordneten geht es jetzt in „den Bunker“. So wird der Raum genannt, in dem als „geheim“ klassifizierte Dokumente angeschaut werden dürfen. In dem Fall sind es die Obduktionsfotos. Longato soll eine Art „Blitzgutachten“ machen (oder besser gesagt: noch eines). Was er auf den A4-Kopien der Fotos erkennt, erzählt er den Abgeordneten dann ebenfalls unter Ausschluss der Medienöffentlichkeit.
Sommerpause
Vor Longato war am Mittwoch der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien, Johann Fuchs, als Auskunftsperson geladen. Sehr erhellend war sein Auftritt nicht – er sagte mehrmals, er habe „keine Wahrnehmungen“ zu etwaigen Interventionen bei Ermittlungen, in die er gar nicht involviert gewesen sei.
Am Donnerstag finden noch Befragungen statt, dann geht der U-Ausschuss in die Sommerpause.
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