Politik | Inland
19.02.2018

Otto Molden: "Erster Rufer nach vereintem Europa"

Zum 100. Geburtstag erzählt Koschka Hetzer-Molden von ihrem Mann, Gründer des Europaforum Alpbach.

Jahr für Jahr besuchen im August Tausende Interessierte das Europäische Forum Alpbach. Im schmucken Tiroler Bergdorf hören sie Politiker, Experten und Wirtschaftsbosse und diskutieren über Pläne, die Welt zu retten.

Kaum jemand weiß heute noch, wer diese international bekannte Veranstaltung wenige Wochen nach Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet hat: Otto Molden, dessen Geburtstag sich am 13. März zum 100. Mal jährt. Gemeinsam mit dem Philosophiedozenten Simon Moser schuf er zunächst die internationalen Hochschulwochen aus denen 1949 das Europäische Forum Alpbach hervorging.

Glauben an Österreich

"Otto Molden glaubte an Österreich. Gleichzeitig war er ein großer Europäer, der sehr idealistisch gedacht hat. Ein wenig aus der Zeit gefallen", beschreibt Koschka Hetzer-Molden, Kulturjournalistin und Reinhard-Seminar-Absolventin, ihren Mann.

Ihm schwebte ein lebendiges Europa der Regionen vor: "Die Basken waren ihm sehr wichtig, weil er meinte, dass das älteste Volk Europas Unabhängigkeit in einem vereinten Europa braucht", erzählt Moldens zweite Ehefrau. "Er hat sich ein politisches Europa vorgestellt, mit einem gemeinsamen Heer."

Gebet für die Mutter

Kommt man in die weiträumige Altbauwohnung voll mit Kunst und Büchern, in der Koschka Hetzer-Molden seit 1981 mit Otto Molden gelebt hat und seit seinem Tod 2002 immer noch lebt, fällt eine Fotografie im Silberrahmen auf: Das Porträt von Moldens Mutter Paula Preradović, die Verfasserin des Textes der Bundeshymne. "Otto war sehr von seiner Mutter geprägt, er hat sie verehrt und sehr geliebt. Jeden Abend sprach er ein Gebet für sie, und ich habe ihm ihre Gedichte vorgelesen", erinnert sich Hetzer-Molden. "Mit 16 Jahren hat er seiner Mutter gesagt: ,Ich möchte Europa vereinen’."

Er wuchs in einer sehr einflussreichen, großbürgerlichen Familie auf, die Mutter war tief katholisch, der Vater, Ernst Molden, k.u.k.-Diplomat, Chefredakteur und Gründer der Tageszeitung Die Presse, war protestantisch. Wegen seiner Frau trat er zum Katholizismus über.

Schon als Schüler engagierte sich Otto Molden politisch. Er gehörte ab 1930 einer Organisation an, die aktiv gegen Faschismus und illegale Nazis auftrat. Nach einigen Verhaftungen wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Er desertierte 1944 und beteiligte sich am Aufbau der Widerstandsbewegung O5. Wie sein um sechs Jahre jüngerer Bruder Fritz Molden flüchtete er in die Schweiz. Beide hatten während des Krieges Verbindungen zum US-Geheimdienst OSS, der in der Schweiz vertreten war.

Nach Kriegsende nahm Otto Molden sein Studium wieder auf. Die Doktorarbeit wurde 1958 unter dem Titel "Ruf des Gewissens – der österreichische Freiheitskampf 1938-1945" publiziert und mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet.

Geprägt durch sein offenes Elternhaus, in dem Schriftsteller, Künstler, Journalisten und Intellektuelle ein und aus gingen, hatte Otto Molden nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust nur einen Wunsch, nämlich gegen das "nationalistische und faschistische Gift" vorzugehen.

Rastlos reiste er um die Welt, besessen von der Idee, Menschen zusammenzubringen. Mit seinem Charisma hat er die Menschen, trotz seines "broken english" beeindruckt. Internationale Größen aus Politik, Philosophie, Kultur und Wirtschaft kamen nach Alpbach auf den intellektuellen Zauberberg in Tirol: Mosche Dajan, Indira Gandhi, Bruno Kreisky, der spanische Philosoph Salvador de Madariaga, Theodor Adorno, Karl Popper, Ernst Bloch, Thomas Mann, Hermann Hesse, Friedrich Dürrenmatt, Manès Sperber und viele andere folgten Moldens Einladung.

Ausflug in die Politik

Bis 1960 leitete er das Europäische Forum Alpbach, dann widmete er sich der Politik. Er gründete 1960 die "Föderalistische Internationale" und 1963 die "Europäische Föderalistische Partei", die 1963 den ehemaligen Widerstandskämpfer Josef Kimmel zum Präsidentschaftskandidaten nominierte. Auf Kimmel entfielen vier Prozent der abgegebenen Stimmen. Anfang der 1970er Jahre initiierte er die "Europäische Nationalbewegung", die scheiterte. "

Sein Idealismus war stärker als seine Kraft", resümiert Koschka Hetzer-Molden den Ausflug in die Politik. "Die modernen Kommunikationsmittel waren ihm fremd. Er schickte Studenten mit Flugblättern durch Wien. Die Bewegung war nicht aktionsfähig, starke Unterstützer haben ihm gefehlt."

Im Jahr 1970 ist Otto Molden erneut zum Präsidenten des Europäischen Forum Alpbach gewählt worden, und er blieb es bis 1992. "Eines Tages sagte er mir beim Abendessen, ,ich bin als Präsident zurückgetreten’. Otto Molden hat immer sein eigenes Ding gemacht", erzählt seine Witwe. Die Kulturjournalistin akzeptierte seine Entscheidungen, jeder hatte seine eigenen beruflichen Aufgaben. "Ich sagte immer zu Otto: ,Du kümmerst dich um die Menschheit, ich kümmere mich um die Menschen’."

Otto Molden, ein Freund und Berater von Tschiang Kai-shek, wollte den Dialog zwischen Kulturen und Völkern fördern. Die vielen Flüge und der Jetlag machten ihm auf Dauer zu schaffen, Schlaflosigkeit war die Folge.

Abhängig von Pillen

Sein Arzt verordnete ihm ein schweres Medikament. Er wurde abhängig von Rohypnol und anderen Pillen. Dazu kam, dass seine Sehkraft nachließ, eine Lesemaschine half ihm, Texte zu lesen. "Am Ende hat er sehr zurückgezogen gelebt, und er hatte wenig Kontakt zu seiner Familie", erinnert sich Koschka Hetzer-Molden. "Viele Träume konnte er realisieren, aber nicht alle. Er war in seinem Idealismus verfangen."

Im Juni 2002 verbrachte er einen Urlaub auf Zypern. Beim Schwimmen schlief er ein und ertrank. Auf seinem Grabstein am Wiener Zentralfriedhof steht: "Erster Rufer nach einem vereinten Europa nach dem Zweiten Weltkrieg".

Europäer und Weltbürger

Otto Molden
Geboren 13. März 1918; gestorben 15. Juni 2002.

Widerstandskämpfer
Als Schüler war er gegen illegale Nazis aktiv. Mit seinem Bruder Fritz Molden baute er die Widerstandsgruppe O5 auf.

Europäisches Forum Alpbach
Gründung 1945 und langjährige Leitung sowie globale Vernetzung.

Privat
Molden war zuerst mit der Sopranistin Laurence Dutoit verheiratet; zwei Kinder. Später ehelichte er die Kulturjournalistin Koschka Hetzer-Molden.

Nachlass
Sein politischer Nachlass liegt in den Historical Archives of the European Union in Florenz. Den persönlichen Nachlass (inklusive Widerstand) hat die Wien-Bibliothek.