Politik | Inland 04.02.2018

"Österreich ist keine entwickelte Demokratie"

Interview mit dem Historiker Gerhard Jagschitz am 01.02..2018 in Wien. © Bild: KURIER/Jürg Christandl

Warum wird Österreich seine Vergangenheit nicht los? Historiker Gerhard Jagschitz sieht die Ursachen nicht in zu vielen Altnazis, sondern in einem Demokratiedefizit und falscher Polit-Inszenierung.

KURIER: Wieso wird Österreich seine braunen Flecken nicht los? Gibt es zu wenig Wille zur Aufarbeitung?

Gerhard Jagschitz: Da muss man aufpassen: Diese braune Geschichte hat sehr viele Ursachen, die man nicht vermischen darf. Derzeit wird alles in einen Topf geworfen. Zum Ersten: Den antifaschistischen Grundkonsens, über den man immer spricht, gibt es nicht – er ist ein reines Elitenprojekt. Das hat überhaupt nichts mit den normalen Leuten auf der Straße zu tun. Ich habe mich Jahrzehnte mit Auschwitz beschäftigt und war Gutachter in Neonazi-Prozessen. Klar ist: Es gibt einen braunen Bodensatz. Aber er ist nicht viel größer als anderswo.

Warum tauchen dann immer wieder alte Geschichten auf?

Weil Österreich keine entwickelte Demokratie ist. Wir haben monarchistische, nostalgische, autoritäre Elemente, die überall reinspielen. Österreich hat mit seiner Geschichte überhaupt nichts am Hut – außer in der Vermarktung, das ist alles Folklore. Das bietet viele Hohlräume, in denen sich dann derartige Grauslichkeiten, wie in der aktuellen Debatte, bilden können.

Woran liegt das?

Das hat mit der Geschichte zu tun. Die Konflikte der Ersten Republik sind bis in die Zweite gezogen worden, 1945 bis 1955 wurde nur gegen die Besatzungsmächte gekämpft, da war kein Platz für Demokratie. Danach gab es eine Parteiendiktatur – wer abgewichen ist, war Außenseiter. Darum haben wir heute zu wenig Demokratie-Bewusstsein. Auch dieses österreichische "Weiche" – ein bissl dafür, ein bissl dagegen – bietet keine Hilfe bei der Bildung eines politischen Bewusstseins.

>>> Schatten der NS-Zeit: Wie braun ist Österreich wirklich?

Es ist unsexy, Demokrat zu sein?

Unsere Demokratie ist kein klares Alternativmodell: Gerade bei den Jungen stellen die Zeit und die Symbole von damals oft eine Faszination dar.

Interview mit dem Historiker Gerhard Jagschitz am 01.02..2018 in Wien. © Bild: KURIER/Jürg Christandl

Es fehlt also an Vergangenheitsbewältigung im großen Stil?

Ja. Aktuell sind jene die Guten, die hinzeigen, und die FPÖ ist die Nazi-Partei. Aber Dämonisierung ist immer schlecht, sie hat nur zu Verwilderung und Verwahrlosung der Politik geführt. Dazu wird vieles ,pseudo’ gemacht. Die Gedenkfeiern etwa: Es werden Riesenfeiern veranstaltet, doch die gehen an den Menschen vorbei – und bleiben ein Elitenprojekt. Mittlerweile beträgt das Verhältnis zwischen realer Politik und PR eins zu fünf.

Aber es ist unbestritten, dass es in der FPÖ Menschen gibt, die ein Problem mit der Geschichte haben.

Darüber brauchen wir nicht reden, da kann man klar von einem braunen Bodensatz sprechen. Die FPÖ hat nationalsozialistische Hohlräume, aber allein damit ist die Partei nicht zu erklären.

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Wie ist sie dann erklärbar?

Sie ist eine sehr heterogene Sammlung von Menschen, die mit dem üblichen politischen Angebot nicht zurechtkommen. Protestwähler, Verschwörungstheoretiker, Leute, die an Meinungsterror glauben. Die Partei sehe ich nicht: Natürlich war am Beginn ein NS-Funktionär, aber in der Partei wabert es hin und her. Es gibt alte Nazi-Traditionen und auch echte Liberale, die den braunen Sumpf unerträglich finden.

Es sitzen überproportional viele Burschenschafter im Nationalrat, und die haben ja eine Wirkungsmacht. Die Burschenschaften sind für Sie nicht das Problem?

Die Burschenschaften waren immer da, die waren immer so. Jeder hat gewusst, dass sie ein Hort des Deutschnationalismus sind. Jetzt ist das auf einmal ein Problem, obwohl nichts wirklich Neues dazugekommen ist? In einer ausdiskutierten Demokratie würde es das nicht geben. Wie das aufgeblasen wird, ist eher das Problem: Die Medien sitzen auf einem Thema, es wird immer größer; ehrlich besorgte Menschen und Hysteriker mischen sich. Und dann ebbt es wieder ab und nichts passiert.

Interview mit dem Historiker Gerhard Jagschitz am 01.02..2018 in Wien. © Bild: KURIER/Jürg Christandl

Was müsste man machen, damit was passiert?

In politische Bildung investieren. Mein Vorwurf lautet: Bei uns gibt es die Neigung, adaptierte Elemente der politischen Erklärung zu übernehmen, statt selber zu denken. Dieses kritische Denken vermisse ich. Ein kritisch denkender Mensch wird nur dann hervorgeholt, wenn er nützt. Das sieht man am heurigen Gedenkjahr: Man sammelt wie an einer Perlenkette die Gedenktage, und es bleibt alles hohl. Salbungsvolle Reden ersetzen keine Aneignung von Geschichte. Ich finde es fahrlässig gegenüber dem demokratischen Bewusstsein, immer mehr und mehr in Inszenierung und PR zu stecken. Wenn die Gelder, die in Feiern gesteckt werden, in wirkliche politische Bildung und Ausbildung gesteckt würden, hätten wir nicht so ein Problem.

Es heißt immer, die Deutschen gehen mit ihrer Geschichte besser um als wir. Stimmt das?

Ich war viel in Deutschland und sehe das nicht. Manche offiziellen Gesetze waren besser und früher, aber generell ist dort der gleiche braune Bodensatz wie bei uns. Bei uns wurde der Justiz vorgeworfen, sie habe nach 1945 schnell ihre Haltung aufgegeben, das war in Deutschland auch nicht anders.

Dennoch hört man in Deutschland den Vorwurf: Bei uns sind die Nazis im Untergrund, bei euch sind sie politisch tätig.

Ja, Österreich hat einen schlampigeren Umgang, die Verdrängungskultur der ersten Jahre nach dem Krieg und die Mythisierung des Falles Waldheim. Oft gab es ein Erstaunen, wieso man sich überhaupt aufregt: Bei den ganzen Rülpsern, von der SPÖ über die ÖVP bis hin zu den Blauen, gab es immer wieder Unverständnis bei den Betroffenen. Aber das ist nur ein Element, nicht alles. Etwa die Diskrepanz zwischen Eliten und Durchschnittsbevölkerung. Da gibt es den Stammtisch, wo geredet wird: Im Nationalsozialismus war nicht alles schlecht. Aber die verordnete Doktrin heißt: Alles war schlecht. Das stimmt aber nicht, da muss man differenzieren.

Wie entkommt man dem?

Nur durch den langwierigen, vorsichtigen, ehrlichen Versuch, sich Geschichte und Vergangenheit anzueignen.

Kann die FPÖ-Historikerkommission etwas verbessern?

Beim Wort Historikerkommission lache ich. Wenn man ein Problem nicht lösen kann oder will, schreit man nach einer Historikerkommission. Die zweite Frage ist: Wer ist da Mitglied? Da suche ich mir Leute aus, die nicht gefährlich sind. Wenn, muss man unabhängige Leute finden. Über die Geschichte der FPÖ ist außerdem schon viel gearbeitet worden, da bräuchte es nur einen, der das zusammenfasst.

Sie sagen, es fehlt an kritischen Geistern. Wo sind sie geblieben?

Es gibt sie, aber niemand hört sie. Es fehlen die Demokratiewächter, die unabhängig sind, die keine Abhängigkeiten von Gruppen oder dominanten Meinungen haben. Die sanktionslos etwas sagen können. Es gibt zu viele versteckte Repressionen und Autoritarismen, die man im Berufsleben in der Schule, auf der Uni, in der Politik erlebt. Bei uns ist der Autoritarismus enorm verbreitet – der kleine, und für mich ist der kleine genauso gefährlich wie der große.

Wo sind die Lichtblicke?

Jede Debatte bringt etwas, selbst wenn sie noch so schiefläuft. Jedes Verschweigen ist gefährlicher. Und es kann sein, dass bald eine Generation kommt, die alte Inhalte infrage stellt: Die jungen Leute heute sind wesentlich antiautoritärer als wir damals. Aus dem kann etwas entstehen.

Zur Person: Mahner und Kritiker Gerhard Jagschitz

Gerhard Jagschitz (77) ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wien. Er hat sich mit seinen Forschungen zur NS-Zeit einen Namen als Mahner und Kritiker gemacht: Als Gutachter wies er Gerd Honsik die Auschwitz- Verleugnung nach, im Prozess gegen Gottfried Küssel bewies er, dass es sich bei der VAPO um eine Nazi-Gruppe handelt. Jagschitz pocht stets auf differenzierte Sichtweisen, vor allem beim historischen Mythos Österreich.

( kurier.at ) Erstellt am 04.02.2018