Politik | Inland
04.02.2018

"Es gibt keine Kellernazis mehr in der FPÖ"

Der erste FPÖ-Vizekanzler über die NS-Liederbücher und den Schaden für die Republik.

Manch einen beschleicht dieser Tage das Gefühl eines Déjà-vu. Ein FPÖ-Vizekanzler distanziert sich von Ewiggestrigen, macht sich öffentlich gegen Antisemitismus stark – da war doch was?

Heinz-Christian Strache spricht sich vergangene Woche ob des NS-Liederbuchskandals öffentlich unter anderem auf dem Akademikerball für Toleranz und gegen Totalitarismus aus – und wird dafür auf seiner Facebook-Seite von Sympathisanten teils heftig gescholten.

Vor mehr als 30 Jahren spricht der erste freiheitlichen Vizekanzler der Zweiten Republik von nämlichem: Norbert Steger will in den 1980ern die FPÖ von "Kellernazis" befreien – und scheitert. Die Karikatur von Manfred Deix legt Zeugnis davon ab. Am FPÖ-Bundesparteitag in Innsbruck stürzt Jörg Haider Steger. Franz Vranitzky wird nach Sinowatz Kanzler und kündigt die rot-blaue Koalition.

>> Schatten der NS-Zeit: Wie braun ist Österreich wirklich?

Steger, heute blauer ORF-Stifungsrat, auf das Déjà-vu vom KURIER angesprochen, hält einen Vergleich mit damals für unzulässig. "Es gibt keine Kellernazis mehr in der FPÖ. Ich kenne keinen Freiheitlichen, der gutheißt, was in Wiener Neustadt passiert ist." Dass die NS-Liederbücher insbesondere Strache und den Freiheitlichen schaden werden, das glaubt Steger nicht. "Es schadet der Gesellschaft, der Republik Österreich. Es ist ein Maß an Dummheit und Unreflektiertheit, das mich schmerzt. Es sind junge Menschen, die keine Ahnung von damals haben."

Damals, das ist auch jene Zeit, in der Steger den "Kellernazi"-Begriff kreierte. "Ende der 1970er-Jahre im Wahlkampf saßen in den Kellerlokalen Menschen, die sich zu Weihnachten über Stalingrad unterhalten haben, die mit dem Regime noch immer sympathisierten. Mich machte das als junger Mensch, der ich war, fassungslos."

Der FPÖ-Grande mahnt in der aktuellen Debatte zur Differenzierung und verwehrt sich insbesondere gegen Pauschalierungen gegenüber der FPÖ. "Immer unerwähnt bleibt in der öffentlichen Diskussion, dass nach Kriegsende Nazis auch zur SPÖ und ÖVP gegangen sind, Ministerposten bekamen. Immer unerwähnt bleibt, dass Hitler die Burschenschaften aufgelöst hat."