Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Schlechtes Zeugnis für Österreich im OECD-Umweltbericht: Wie kann das sein?

Österreich gilt in vielen Bereichen als Umweltmusterland. Das stimmt aber nicht wirklich, zeigt die OECD und gibt 40 Empfehlungen.
Ein Müllwerker in orangefarbener Arbeitskleidung leert Mülltonnen in ein orangefarbenes Müllfahrzeug auf einer Straße.

Die OECD machte zuletzt vor 13 Jahren eine Bestandsaufnahme der österreichischen Umweltpolitik. Idee der aktuellen Prüfung ist, darzulegen, ob die Republik ihre eigenen Umwelt- und Klimaziele und internationalen Verpflichtungen erfüllt oder erfüllen wird. 

Das Ergebnis der am Freitag präsentierten Überprüfung ist klar: Österreich hat eine gute Ausgangsbasis, aber die politischen Strukturen versagen bei der Umsetzung. Die Prüfer haben nun eine Liste mit konkreten Empfehlungen erstellt.

Eine Staumauer mit Personen am Ufer eines Sees.
Kölnbreinsperre im Maltatal, Kärnten (Symbolbild): Der Ausbau der Wasserkraft in Österreich schreitet voran.

Was gut läuft

Der Bericht lobt einige echte Stärken. Österreich erzeugt (2024) 86 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energiequellen. Österreich hat den höchsten Anteil an ökologisch bewirtschafteten Agrarflächen (Bio-Landwirtschaft) in der gesamten OECD und EU mit 27 Prozent. Und beim Recycling und Kompostieren von Siedlungsabfällen (das sind alle nicht-industriellen Abfälle) liegt Österreich mit über 60 Prozent ebenfalls an der europäischen Spitze.

Hinzu kommen neuere Maßnahmen, die der Bericht als Fortschritt wertet: Die ökosoziale Steuerreform 2022 hat ein nationales Emissionshandelssystem eingeführt, das Österreich einen der höchsten CO₂-Preise (55 Euro pro Tonne) unter den OECD-Mitgliedsstaaten beschert. Das Pfandsystem für Einwegflaschen, im Jänner 2025 eingeführt, weist nach einem Jahr eine Rücklaufquote von 81,5 Prozent auf. Und der Reparaturbonus für Elektrogeräte und Fahrräder war so nachgefragt, dass die Mittel mehrfach aufgebraucht wurden. Der heißt inzwischen "Geräte-Retter-Bonus" und die Förderung pro Bon beträgt 50 % der förderungsfähigen Brutto-Kosten; maximal jedoch 130 Euro für eine Reparatur, Service oder Wartung bzw. 30 Euro für einen Kostenvoranschlag.

recyling pfand

Klimaziele sind außer Reichweite

Trotz dieser Ausgangslage sind die österreichischen Klimaziele laut OECD außer Reichweite. Um das verbindliche EU-Klimaziel für 2030 (minus 48 Prozent Treibhausgase im Vergleich zu 2005) zu erreichen, müssten die Treibhausgasemissionen ab sofort mehr als doppelt so schnell sinken wie in den vergangenen sechs Jahren. Mit den aktuellen und geplanten Maßnahmen ist das nicht möglich.

Das selbst gesetzte Ziel der Klimaneutralität bis 2040 – zehn Jahre vor der EU – ist nicht gesetzlich verankert, es fehlen rechtlich bindende Zwischenziele. Es gibt keine unabhängige Kontrollinstanz und keine klaren Regeln, wie die Maßnahmen zwischen den Bundesländern aufgeteilt werden soll.

klimaschutz

Besonders kritisch bewertet der Bericht, dass einige der im nationalen Energie- und Klimaplan (NEKP) vorgesehenen Maßnahmen im Zuge der Budgetkonsolidierung bereits gestrichen oder gekürzt wurden. Wer das EU-Klimaziel für 2030 verfehlt, muss – nach derzeitigem Stand - teure Emissionszertifikate von anderen Mitgliedsstaaten kaufen – was ein erhebliches finanzielles Risiko darstellt.

Die größten Problemsektoren sind Verkehr und Industrie. Der Verkehr ist für 29 Prozent der heimischen Emissionen verantwortlich. Österreich hat zwar ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz und eine steigende Zahl an Elektroautos (5,2 % des gesamten Pkw-Bestands), aber gleichzeitig eine hohe Pkw-Dichte, begünstigt durch steuerliche Anreize für Firmenwagen und eine Pendlerpauschale, die im Budget 2025/26 trotz Haushaltsdruck sogar ausgeweitet wurde.

Kreislaufwirtschaft: Zu viel Abfall, zu wenig Kreislauf

Österreich produziert 782 Kilogramm Siedlungsabfall pro Kopf und Jahr – der höchste Wert in der EU, deutlich über dem EU-Durchschnitt von 552 Kilogramm. Siedlungsabfall umfasst Haushaltsmüll sowie vergleichbaren Abfall aus Kleinbetrieben und Büros.

Österreich recycelt diesen Abfall zwar sehr effizient. Das eigentliche Ziel der Kreislaufwirtschaft ist aber, Abfall von vornherein zu vermeiden, diesen gar nicht erst zu produzieren. Hier besteht erheblicher Nachholbedarf. 

Die OECD stellt fest, dass die Erreichung der Ziele der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie für 2030 und 2050 ungewiss ist.

Beim Recycling von Kunststoffverpackungen lag Österreich 2023 bei 27 Prozent – weit unter dem EU-Ziel von 50 Prozent für 2025. Die Strategie enthält zwar eine Reihe von Maßnahmen, aber keine klaren Zeitpläne und keine zugewiesenen Haushaltsmittel, was die Planungssicherheit beeinträchtigt.

Naturschutz: Große Flächen, nicht wirklich geschützt

Fast 30 Prozent der österreichischen Landesfläche sind als Schutzgebiet ausgewiesen. Dennoch befinden sich laut letzter Erhebung 68 Prozent der naturschutzrelevanten Lebensräume und 75 Prozent der geschützten Arten in einem schlechten oder sehr schlechten Erhaltungszustand.

Der Grund für diesen Widerspruch liegt in der politischen und Verwaltungsstruktur: Weniger als drei Prozent der Landesfläche stehen unter strengem Schutz. Und da Naturschutz in Österreich Ländersache ist, verwaltet jedes der neun Bundesländer seine Schutzgebiete eigenständig – ohne einheitliche Erhaltungsziele und ohne kohärente nationale Strategie. 

Der Bericht empfiehlt die Einrichtung einer zentralen Koordinierungsstelle nach dem Vorbild ähnlicher Institutionen in Deutschland, Frankreich oder Spanien.

Hinzu kommt, dass Belastungen wie Flächenversiegelung, intensive Landwirtschaft und Wasserkraftinfrastruktur außerhalb der Schutzgebiete weiter wirken. Rund die Hälfte der österreichischen Flüsse und Seen erreicht keinen guten ökologischen Zustand, hauptsächlich wegen baulicher Eingriffe für Wasserkraft und Hochwasserschutz.

Das Strukturproblem heißt Föderalismus

Der Bericht benennt das wiederkehrende Problem: In einem föderalen Staat mit neun Bundesländern kann der Bund Umweltziele setzen, sie aber auf Länderebene nicht durchsetzen. Die Bundesländer haben weitreichende Befugnisse in der Raumplanung, beim Naturschutz, im öffentlichen Verkehr und in der Abfallwirtschaft.

Beim Flächenverbrauch etwa hat die Bundesregierung ein Ziel, eigentlich ist es nur ein Wunsch: bis 2030 maximal 2,5 Hektar neu versiegelter Boden pro Tag. Aktuell liegt der Wert bei 6,5 Hektar. Das Ziel ist auf Länderebene bisher nicht durchsetzbar.

Die OECD empfiehlt, einen größeren Teil der Bundestransfers an die Länder an messbare Umwelt- und Klimaergebnisse zu knüpfen – und klare Konsequenzen bei verfehlten Zielen festzulegen.

Die Empfehlungen: Was die OECD vorschlägt

Die wichtigsten Empfehlungen des Berichts im Überblick:

Das Klimaneutralitätsziel 2040 soll gesetzlich verankert werden, mit verbindlichen Zwischenzielen, einer unabhängigen Kontrollinstanz und transparenten Regeln für die Lastenverteilung zwischen den Bundesländern.

Schädliche Subventionen – insbesondere Steuervergünstigungen für Firmenwagen, die Pendlerpauschale und Förderungen für fossile Brennstoffe – sollen reformiert werden. Die OECD schätzt diese klimakontraproduktiven Ausgaben auf rund 2,8 Milliarden Euro jährlich.

Die Dieselsteuer soll zumindest auf das Niveau der Benzinsteuer angehoben werden. Derzeit wird Diesel trotz höherer Luftverschmutzungskosten geringer besteuert.

Geld vom Bund an die Länder soll an Klimaergebnisse geknüpft werden.

Im Naturschutz soll eine zentrale Koordinierungsstelle eingerichtet werden, um die fragmentierten Zuständigkeiten zu überbrücken.

Die Verbrennungssteuer für Abfall soll erhöht werden, um stärkere Anreize für Recycling zu schaffen.

Kommentare