Musterschule wider alle Regeln

In der Wiener Brigittenau lebt eine öffentliche Schule vor, wovon Schüler, Eltern und Lehrer träumen.


Gruppenarbeit mit viel Freiraum für jeden Schüler: Schüler und Lehrer duzen einander, Lehrer verstehen sich als „Lernhelfer“. Gelernt wird an der Schule trotzdem – und das ohne Zwang mit Erfolg. Projektarbeit mit jüngeren und älteren Schülern sind die Regel.

Die Schulglocke läutet nie. Stundenpläne gibt es nicht, nicht einmal Klassen. Die Schüler sitzen nicht brav in Reihen hinter ihrem Pult. Statt dessen arbeiten sie in altersgemischten Kleingruppen an einem Tisch. Im Weltenraum beschäftigt sich ein Schüler mit der unendlichen Weite des Weltraums. Aus dem Freizeitraum tönt Musik, einige Kinder lümmeln auf der Couchlandschaft, andere spielen Billard.

Es ist gerade große Pause in einer öffentlichen Schulen in Wien, der Lernwerkstatt Brigittenau. Hier ist so ziemlich alles anders als an herkömmlichen Schulen.

Selbstbewusstsein

… Foto: KURIER /Franz Gruber Verena Corazza ist im Leitungsteam der Lernwerkstatt „Unsere Schule ist atemberaubend wie Asthma“, beschreibt die 14-jährige Julia die Lernwerkstatt. „Hier stehen die Lehrer nicht über uns Schülern. Wir haben fast freundschaftliche Beziehung zu ihnen. Das nimmt uns die Angst, etwas Falsches zu sagen“. Julia sagt das offen und selbstbewusst. Auch ihren Mitschülern Talha (12), Niklas (13) und Victoria (14) merkt man an, dass sie geübt sind, frei zu reden und offen auf jeden zugehen.

Victoria gefällt besonders, dass hier individuell unterrichtet wird: „Wir haben für Mathe, Englisch und Deutsch fixe Stunden und auch Stoffgebiete, die jeder lernen muss. Darüber hinaus sind wir ziemlich frei, wann wir was lernen.“ Das heißt nicht, dass die Kinder hier nur das lernen, was ihnen Spaß macht. Aber Dinge, die ihnen weniger liegen, müssen sie weniger intensiv lernen. Talha interessiert sich zum Beispiel gar nicht für Biologie. Dafür für die Weiten des Weltalls, stolz zeigt er im Computerraum auf – wie überall sonst stark veralteten PCs die kleine und große Magellanschen Wolke. „Die sieht man aber nur auf der Südhalbkugel, südlich vom Äquator“, erzählt er. Sein Berufswunsch: Astronom.

Gesamtschule

Die vier Schüler besuchen die Lernwerkstatt seit der 1. Klasse Volksschule. Dass sie bis zur 8. Schulstufe die gleiche Schule besuchen können ist die Ausnahme in Österreich. Angefangen hat die Schule als Volksschule. Vor ein paar Jahren dann wurde überlegt, die „gemeinsame Schule“ zu verwirklichen, der Direktor ließ abstimmen. „100 Prozent der Lehrer waren dafür und über neunzig Prozent der Eltern“, erzählt Direktor Josef Reichmayr.

… Foto: KURIER /Franz Gruber Nicki, Vicky, Talha und Julia sind begeistert (v. li.) Damit ist seine „Lernwerkstatt Brigittenau“ all das, worüber die Bildungspolitik bisher nur redet: Eine Gesamtschule von sechs bis 14 Jahren, eine Integrationsschule – fast ein Viertel braucht Förderung – eine Ganztagsschule und eine Schule ohne Noten. Ein Drittel sind Migranten – für Brigittenau ein niedriger Wert.

Dass die Schule überhaupt existieren darf, ist ein kleines Wunder – bei all den Regeln und Vorgaben, die sich Bildungseinrichtungen in Österreich unterwerfen müssen. Dass es die Schule gibt, ist vor allem das Verdienst von Reichmayr, der immer wieder betont, dass das alles nur durch sein Leitungs, - Lehrer- und Betreuerteam möglich wurde. Reichmayer hat selbst zwölf Jahre in einer klassischen Schule unterrichtet und wusste bald: „So will ich nicht weitermachen.“ Seit 1998 leitet er die Schule in der Brigittenau. Von Anfang an nahm er sich Freiheiten und setzte seine Ideen einfach um. Ein Visionär unter den Direktoren.

Den Eltern gefällt das. „Ich bin eigentlich restlos begeistert“, erzählt etwa Eva, Mutter einer siebenjährigen behinderten Tochter. Sie sei glücklich, dass ihre Tochter unter ganz normalen Kindern aufwachsen kann. „Die I-Kinder (gemeint sind die Integrationskinder) fallen im Schulalltag praktisch nicht auf“, freut sich Klaus Kindler, der Leiter der Freizeitbetreuer. Er ist seit Anfang an dabei.

Auch Jahrgangsklassen gibt es hier nicht. Schüler unterschiedlichen Alters arbeiten miteinander, nicht zuletzt weil manche schneller als andere lernen. Und sie lernen so nicht nur den Stoff, wie an jeder Schule auch. Sie erwerben durch diese Mischung auch eine große soziale Kompetenzen. Verena Corazza, Lehrerin und stellvertretende Direktorin, bemerkt, wie selbstverständlich die Kinder miteinander umgehen. „Das Schönste ist, wenn ein Integrationskind einem jüngeren Kind etwas erklären kann. Das stärkt sein Selbstvertrauen ungemein.“

Fortbildung

Mit einer so heterogenen Schülergruppe umzugehen, ist für die Lehrer ein große Herausforderung: „Bei uns haben sich alle Lehrer selbst Fortbildungen finanziert, etwa in Montessori- oder Motopädagogik. Überhaupt ist das Engagement der Lehrer groß. Fortbildungen am Wochenende, Teamsitzungen bis am Abend sind hier eher die Regel als die Ausnahme.

Das umstrittene neue Lehrerdienstrecht, das die Regierung im Dezember beschließen will, und zwei bis vier Stunden mehr Unterricht in den Klassen vorschreibt, ist im Haus kein Thema. Die meisten verbringen ohnehin mehr als 40 Stunden pro Woche hier.

Analyse

Eine gute Schule steht und fällt mit der Schulleitung

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Foto: KURIER /Franz Gruber

In Österreich bilden derzeit etwas mehr als 125.000 Lehrer an rund 5900 Schulstandorten knapp 1,15 Millionen Schüler aus. Österreichs Schulsystem ist im internationalen Vergleich teuer, die Kinder sind bestenfalls durchschnittlich gut ausgebildet, zeigen die großen Vergleichsstudien. Schulen wie die hier beschriebene Lernwerkstatt sind die Ausnahme. Aber wäre das ein Modell für die Zukunft?

Nichts bewegt sich

Bemerkenswert an der Schuldiskussion ist, dass in Österreich seit fast hundert Jahren immer wieder die gleichen Diskussionen über mögliche Schulreformen geführt werden. Und das Ergebnis ist seit hundert Jahren ebenfalls gleich: Es bewegt sich wenig bis gar nichts.

Die Schulverwaltung zementiert sich seit Maria Theresias Schulreform erfolgreich ein. Direktoren werden trotz gegenteiliger Versicherung immer noch primär nach dem Parteibuch besetzt, statt nach Engagement und Fähigkeit. Bei den Lehrern wiederum beginnen viele mit einer großen Portion Enthusiasmus und Engagement ihre Berufskarriere, und in sehr vielen Fällen kriegt sie das System klein, macht sie mürbe und laugt sie aus. Dazu kommt nicht selten die fehlende Rückendeckung durch Behörden oder Schulleiter.

Schulen wie die Lernwerkstatt gibt es nur, weil Direktor, Lehrer, Schüler und Eltern an einem Strang ziehen, alle von dem Projekt überzeugt sind und keine Angst vor systemimmanenten Problemen haben. Dass diese Art von Vollautonomie allen anderen Schule einfach verordnet werden kann, muss stark bezweifelt werden. Dafür fehlt es zu oft an Leidenschaft, Engagement und Wissen.

Dass die Behörden dennoch mit Stolz auf diese Schule verweisen können, macht Hoffnung für die Zukunft.

(kurier) Erstellt am
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