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Politik Inland
08/26/2021

Minister Mückstein: Vierte Welle wird eine der Ungeimpften

Sein Tag beginnt jetzt um fünf Uhr früh – mit Jogging und Pamela-Reif-Fitnessvideos: Was der Gesundheitsminister alles für den Pandemie-Herbst plant.

von Bernhard Gaul

KURIER: Besteht die Möglichkeit, dass es im Herbst oder Winter wieder zu Lockdowns kommen wird?

Wolfgang Mückstein: Wir versuchen alles zu tun, damit es keine Lockdowns und Schulschließungen mehr geben muss. Wenn wir die Durchimpfungsrate weiter erhöhen und anlassbezogen in einzelnen Bereichen nachschärfen, bin ich optimistisch, dass wir das auch schaffen können.

Was können Sie besser als Rudi Anschober?

Anschober musste eine ganz andere Zeit der Pandemie managen. Das war am Anfang eine Herausforderung, weil das Ministerium nicht für eine Pandemie ausgerüstet war, waren doch wesentliche Sektionen nicht besetzt. Ich glaube, dass ich für das Management dieser Phase der Pandemie ganz andere Voraussetzungen habe.

Wir sind nicht das einziges Land mitten in der vierten Welle. Sie sagten, dass Sie die Fehler vom Sommer 2020 nicht wiederholen wollen. Was klappt denn jetzt besser?

Wir haben allein durch die Impfung eine bessere Situation und drehen schon seit Sommerbeginn an kleinen Schrauben. Etwa daran, dass man einen PCR-Test für die Nachtgastronomie braucht und als Reiserückkehrer aus Ländern mit hohen Inzidenzen. Jetzt gibt es auch neue Regeln für den Schulstart.

Sie sagten auch, dass Sie auch unpopuläre Entscheidungen treffen werden. Jetzt rufen die Länder schon lange nach bundesweiten Vorgaben, etwa wie lange Tests gelten, Impfpflicht für Gesundheitspersonal, oder eben 1G. Wann entscheiden Sie?

Wir beobachten die Lage sehr genau. Ich will als Maßnahme die Maskenpflicht überall dort, wo kein 3G gilt. Wir haben schon in Aussicht gestellt, dass in der Nachgastronomie nur mehr 1G gelten wird, sofern die Zahlen weiter steigen und wir nicht auf die erhofften Impfquoten kommen. Impfpflicht für Gesundheitsberufe ist etwas, das die Bundesländer bereits alleine regeln können.

Warum ist nicht bekannt, wie viele Geimpfte und Ungeimpfte mit einer Corona-Erkrankung im Krankenhaus sind?

Das ist eine Frage des Datenschutzes. Die Länder können die Daten nur weitergeben, wenn dieser gewährleistet ist. Wir wissen aber jedenfalls, dass die Impfung schützt und vermehrt Ungeimpfte im Krankenhaus sind. In der Altersgruppe der 19- bis 59-Jährigen haben die Ungeimpften eine Inzidenz von 200, und die Geimpften von nur 30. In Oberösterreich sind von 59 Personen im Krankenhaus 54 nicht geimpft, auf der Intensivstation sind von 15 Menschen 14 nicht geimpft.

Diese Zahlen wären doch eine gute Werbung für die Impfung?

Der Datenschutz muss aber eingehalten werden. Für die politische Entscheidung haben wir die Daten. Wir wissen, dass von 150.000 symptomatisch positiv Getesteten nur etwa ein Prozent doppelt geimpft war. Von diesem einen Prozent nur sechs Prozent auf eine Intensivstation gekommen sind. Die Impfung schützt also zu 97 Prozent vor der Intensivstation.

Jetzt sind wir in der vierten Welle…

… und wir können sagen, wir werden eine vierte Welle der Ungeimpften haben. Das muss jedem bewusst sein, der sich gegen eine Impfung entscheidet. Die Delta-Variante ist so infektiös wie Windpocken.

Mehrere Bundesländer würden sich Vorgaben wünschen, dass die Tests nur mehr kürzer gelten. Was hindert Sie, das zu tun?

Es muss eine lebbare Umsetzung möglich sein, von Wien-Favoriten bis ins Tiroler Bergdorf. Deswegen ist eine bundesweite Ausrollung immer nur die Unterkante. Die Bundesländer können schon jetzt für sich schärfere Maßnahmen vorsehen. Ich möchte schon sicherstellen, dass jeder die Möglichkeit für den zweiten Stich bekommen hat, bevor wir eine Verkürzung der Testgültigkeit umsetzen. In wenigen Wochen wird jeder in Österreich die Chance, auf eine zweite Impfung gehabt haben.

Wie zufrieden sind Sie beim Impf-Fortschritt?

Ich bin nicht zufrieden, denn wir haben uns über den Sommer höhere Impfraten erwartet. Deshalb haben wir jetzt überall ein extrem niederschwelliges Impfangebot: Vom Supermarkt, der Moschee,  am Boot oder Impfen ohne Termin. Wir müssen weiter informieren, denn es gibt politische Parteien und Medien, die da dagegen arbeiten und sagen, mit Sport und Vitamin D wäre man gut geschützt, und damit Menschen sehr verunsichern. Das halte ich für grob fahrlässig.  Aus den USA wissen wir, dass Bundestaaten mit einer Durchimpfung von über 70 Prozent kaum Probleme haben, bei nur 50 Prozent sehr wohl.

Tatsächlich ist der Zugang zur Impfung extrem einfach. Dennoch sind fast vierzig Prozent nicht geimpft. Wie viele Menschen können sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen?

Das ist nur ein ganz geringer Anteil, also sehr wenige, und das meist wegen psychiatrischer Erkrankungen oder speziellen medizinischen Behandlungen

Ist das Ziel also 70 Prozent? Island hat fast 74 Prozent geschafft.

Nein, das Ziel ist möglichst viele zu haben, das hört nicht bei 70 Prozent auf. Wir wissen, dass etwa 13 Prozent der Bevölkerung vehemente Impfgegner sind, die das aus welchen Gründen auch immer ablehnen. Das heißt, 20 bis 25 Prozent können wir noch erreichen, das ist doch recht viel.

Wie schaut es bei den Kindern unter zwölf Jahren aus?

Bis Ende diesen, Anfang kommenden Jahres erwarten wir uns eine Zulassung des Impfstoffs für die 5 bis 12-Jährigen.

Wie wollen Sie Ungeimpfte konkret dazu bringen, sich impfen zu lassen?

Wir müssen weiter überzeugen! Ich würde gerne die geimpfte Bevölkerung dazu aufrufen, mit einem Ungeimpften über die eigenen Erfahrungen zu reden. Dann hätte man bald einen Schneeball-Effekt. Die Impfung ist gut verträglich, hat durchschnittliche Nebenwirkungen und schützt jedenfalls vor einem schweren Verlauf.

FPÖ-Chef Herbert Kickl kritisiert, die Impfung halte nicht, was versprochen wurde – und nannte dabei das Beispiel Israel. Hat er da nicht einen Punkt?

Nein. Wir hatten die Diskussion, dass eine Effizienz von 60 Prozent bei der Impfung toll wäre. Jetzt haben wir über neunzig Prozent. Bei 97 Prozent verhindert die Impfung einen schweren Verlauf, dass man auf die Intensivstation kommt.

Wenn Delta so infektiös wie Windpocken ist, die Zahl der Infektion im Herbst sicher steigen wird, können wir dann jetzt schon sagen, dass 1G in der Nachtgastronomie sicher kommen wird?

Die Zahlen werden steigen in den nächsten Wochen. 1G ist sicher nicht meine erste Wahl. Was ich sagen kann, ist, dass mit dem Bundeskanzleramt vereinbart ist: Ehe die Nachtgastro wieder schließen muss, darf sie nur mehr Geimpfte reinlassen.

Wenn Delta so infektiös ist, sollte 1G überall sonst auch gelten?

Jeder kennt die Maßnahmen, die wir zur Verfügung haben. Wir prüfen jetzt mit Experten, was wir weitermachen.

Das heißt, 1G schließen sie nicht aus, dass das auch woanders gilt?

Ich schließe nicht aus, dass wir jetzt zeitnah mit dem Koalitionspartner über weitere Schritte reden. Etwa die Maskenpflicht an Orten, wo 3G nicht gilt, weil die Menschen im Herbst jetzt vermehrt in Innenräumen sein werden.

Steigt jetzt auch der Druck auf Genesene, sich impfen zu lassen?    

Wir stellen fest, dass wir bei Genesenen der ersten und zweiten Welle nicht sicher sagen können, ob die noch ausreichend Schutz haben. Die Zahl der Antikörper sinkt mit der Zeit. Nur bei jenen, die im Frühjahr infiziert waren, ist davon auszugehen, dass sie noch einen Schutz haben. Deswegen sagen wir, dass Genesene sich nach vier Wochen bereits impfen lassen können. Genesene, die geimpft werden, bauen fast eine Art Superschutz auf.

Birgit Hebein, ehemals Chefin der Wiener Grünen, hat die Partei aus Enttäuschung über die Regierung verlassen. Kein grüner Spitzenfunktionär hat bisher darauf reagiert. Was sagen Sie dazu?

Ich denke, dass ist eine persönliche Entscheidung gewesen. Ich kommentiere das nicht. Ich glaube, dass die Koalition mit den Türkisen keine Liebeshochzeit war, wissen wir. Die Grünen haben Bereiche in der Regierung, die ihnen wichtig sind. Dazu zählen allen voran Klimaschutz und Umweltschutz. Ich kann nur von meinem Bereich sprechen, da funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Bundeskanzler recht gut. Ich kann mich nicht beklagen.

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