Heinz Faßmann: „Für das Kapitulieren ist es noch zu früh“
KURIER: Wofür ist die Akademie der Wissenschaften und Sie als deren Präsident zuständig?
Heinz Faßmann: Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat drei wesentliche Funktionen für diese Republik zu erfüllen. Auf der einen Seite vergeben wir Stipendien – nicht nur an Mitarbeitende der Akademie, sondern an alle Universitätsangehörigen, die sich erfolgreich darum bewerben. Wir sind zudem eine Gelehrtengesellschaft, die sich mit Fragen der Wissenschaft und der Zeit beschäftigt. Das vielleicht Wichtigste: Wir sind ein Forschungsträger. Das heißt, wir betreiben 26 hochspezialisierte Forschungsinstitute von der Archäologie bis zur Zellbiologie. Manche unserer Institute sind die größten in Österreich und zählen auch zu den erfolgreichsten weltweit. Bei uns arbeitet immer noch ein Nobelpreisträger.
Heinz Faßmann: Der Düsseldorfer (Jg. 1955) ist Universitätsprofessor für Angewandte Geografie, Raumforschung und Raumordnung an der Universität Wien. Von 2017 bis 2019 ist er von der ÖVP nominierter Bildungsminister in der ÖVP-FPÖ-Regierung. Der türkis-grünen Regierung gehört er ebenso als Bildungs- und Wissenschaftsminister an. Als Alexander Schallenberg Ende 2021 die Regierungsverantwortung übernimmt und die Regierung umgebildet wird, steigt Faßmann aus der Politik aus. 2022 wird er zum Nachfolger von Nobelpreisträger Anton Zeilinger an der Spitze der Akademie der Wissenschaften gewählt.
Akademie der Wissenschaften Die ÖAW ist Österreichs größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung– sie betreibt Grundlagenforschung, fördert Nachwuchswissenschaftler und berät Politik und Gesellschaft.
Quantenphysiker Anton Zeilinger war ihr Vorgänger im Amt des Präsidenten, Kaum jemand kann sich unter Quantenphysik etwas vorstellen. Sie schon?
Das Faszinierende an der Quantenphysik ist, dass sie die Quantenphysiker selbst noch nicht restlos erklären können. Es bleibt eine Spur von Geheimnis, wie diese Quantenphänomene zustande kommen. Warum sind zwei Photonen miteinander verschränkt, auch dann, wenn sie viele Kilometer voneinander entfernt sind? Kein Quantenphysiker kann das abschließend erklären. Das macht sie, glaube ich, auch so sympathisch.
Haben sich die Forschungsschwerpunkte in den letzten Jahren verschoben?
Zeilinger ist ein Pionier und hat es verstanden, Schüler um sich zu gruppieren, die seine Fragestellungen in der Quantenphysik weiterentwickeln. In den Lebenswissenschaften waren und sind es kluge, politische, strategische Entscheidungen, die uns heute in dem Bereich stark machen. Der ehemalige Wiener Bürgermeister Michael Häupl war einer der Väter des Vienna BioCenter. Früher lag dort der Schlachthof St. Marx, heute gibt es ein lebendiges Forschungszentrum für mehr als 2.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch ich möchte auch ein Wort zu den Geisteswissenschaften sagen, denn sie sind viel wichtiger, als man glaubt. Sie liefern uns ein tiefes Verständnis für die Erklärung der Vergangenheit und besonders der Gegenwart. Wie kommen Konflikte zustande: Ob zwischen der Ukraine und Russland oder Taiwan und China - Die Geisteswissenschaften stellen in Zeiten wie diesen eine wichtige Orientierungswissenschaft dar.
Ende August treten Sie beim Byzantinistik-Kongress in Wien auf. Außerhalb der Community wissen viele wahrscheinlich nicht, was Byzantinistik ist. Sind solche Fächer gefährdet?
Ganz und gar nicht. Die Byzantinisten zählen zu unseren Vorzeigefächern. Wir sind auch Mitveranstalter des Kongresses.
Der Laie könnte entgegenhalten: Was soll mir etwas Jahrhunderte Zurückliegendes heute erklären?
Es sind die grundsätzlichen Fragen, die beantwortet werden: Wie kann ich ein großes und heterogenes Territorium politisch organisieren, dass es funktioniert? Was sind die Ursachen dafür, dass das mächtige byzantinische Reich sukzessive untergegangen und dann verschwunden ist? Was sind die Erfolgsrezepte für den Aufstieg von Staaten und was die Misserfolgserklärungen für das Verschwinden? Diese Erklärungen sind nie eins zu eins für die Gegenwart übertragbar, aber Anlass, darüber nachzudenken, wie wir beispielsweise das heterogene Staatengebilde wie die EU organisieren.
Weil Geschichte sich wiederholt?
Geschichte wiederholt sich nie eins zu eins. Aber aus der Geschichte zu lernen, das ist ein ganz großer Erfahrungsschatz.
In der Gegenwart sind die Sparbudgets gerade Thema auch im universitären Bereich. Fürchten Sie um die Lehre?
Dass wir sparsam und verantwortungsbewusst mit Steuergeldern umgehen, das ist vollkommen in Ordnung und das muss jede Institution und jede Universität. Was ich mir wünschen würde für Wissenschaft und Forschung sind die langfristige Planungsperspektiven. In Industriebereichen kann ich mit neuen Maschinen sehr rasch mit einem Produktivitätsfortschritt rechnen. Wenn ich eine neue Professorin oder einen Professor berufe, der oder die vielleicht ein sehr zukunftsträchtiges Thema bearbeitet, dann muss ich geduldig sein, bis aus der Grundlagenforschung heraus etwas entsteht, das für die Gesellschaft wichtig ist. In der Wissenschaft ist langer Atem leider notwendig. Nichts ist da schlimmer als eine Hauruck-Politik.
Was ist ein langer Atem?
Wir haben derzeit dreijährige Leistungsvereinbarungen. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber früheren einjährigen Budgets. Ich würde mir sechs- oder neunjährige Perspektiven wünschen. Mein Wunsch ist nicht ganz absurd, denn die Deutschen haben sich zu einem zehnjährigen Pakt für Forschung und Entwicklung bekannt. China hat sich im letzten Volkskongress zu einem fünfjährigen Pakt bekannt mit einer Steigerung von sieben Prozent pro Jahr. Das sind Ansagen, mit denen wir umgehen müssen.
Haben wir in Österreich das Verständnis dafür, dass Wissenschaft nicht nur dem Geist nutzt, sondern dem BIP?
Ich würde mir wünschen, dass aus der Grundlagenforschung noch mehr Innovationen entstehen und die Innovationen einer wettbewerbsstarken Wirtschaft helfen. Und mehr als das: Es ist die Notwendigkeit, damit wir in dieser Weltordnung überhaupt noch eine ökonomische Chance haben. Hannes Androsch hat einmal gesagt: Wer die Kuh melken möchte, der muss sie vorher gut füttern. Wir müssen genau in die Zukunftsbranchen investieren, um das Morgen und Übermorgen gestalten zu können.
Wie kann Österreich gegen die globalen Player im Wettbewerb bestehen?
Für das Kapitulieren ist es noch zu früh. Wir müssen klarerweise kämpfen. Österreich alleine wäre chancenlos, aber zusammen mit der EU gibt es Chancen. Die klugen Leute sind hier und sie kommen auch gerne zu uns, weil wir ein attraktives Land sind.
Österreich hat vor einem Jahr begonnen, Wissenschafter aus den USA zu holen. Waren Sie bis dato erfolgreich?
Ja, das waren wir aus mehreren Gründen. Es ist gelungen, unglaublich attraktive Kandidaten für das Programm zu gewinnen –es ist deutlich überzeichnet worden von Abgängern des MIT, von Harvard, der UCLA und anderen Spitzenuniversitäten. Die Verunsicherung in den USA ist so groß, dass viele, die aus Bereichen kommen, die als gefährdet gelten wie Lebenswissenschaften, Klimaforschung, Impfstoffentwicklung und dergleichen, sagen: Besser jetzt, als wir bleiben in einem Land, in dem wir angefeindet werden und uns die Forschungsmittel verloren gehen.
Von wie vielen Menschen aus den USA sprechen wir?
Die Akademie hat 25 Post-Docs finanziert, die Universitäten noch einmal 25. Aber auch abseits dieses Programms verzeichnen wir seit einem Jahr bei vielen Ausschreibungen einen deutlichen Zuwachs von Personen aus den USA. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Braindrain in die USA, der Europa über viele Jahrzehnte schwächte, sich nun ein wenig umkehrt und Richtung Europa und Österreich geht.
Aus den USA kommt die Künstliche Intelligenz, die allgegenwärtig ist. Wie oft benutzen Sie die KI?
Täglich. Die KI im Sinne eines Gesprächspartners. Man hat eine Frage und bekommt Antworten. Die sind manchmal erhellend, manchmal sind sie offensichtlich falsch, aber in der Regel sind sie brauchbar, um damit weiterzuarbeiten. Die KI ist eine Hilfe für uns, eine Assistenz. Manche Texte werden besser, manchmal werden Korrekturen durchgeführt, die sinnvoll sind und man bekommt Sachinformationen aus dem Netz schnell und zunehmend durchaus valide.
Laut Agenda Austria stehen 31.000 ausländischen Studierenden 20.000 inländische gegenüber. Die Kritik lautet: Das ist volkswirtschaftlich nicht nachhaltig.
Ich würde das nicht so negativ sehen, sondern eher als eine Chance für diese Republik. Sie wissen, ich habe mich viel mit Migrationsprozessen befasst und wir wissen, dass wir einen Fachkräftemangel haben. Ein Studierender, der aus dem Ausland kommt, sich an einer Universität durchsetzt, die Sprache lernt und das österreichische System kennenlernt – das ist doch ein perfekter Zuwanderer, wenn die Person hierbleibt! Studenten als erste Etappe einer qualifikationsorientierten Zuwanderung – why not?
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