Michael Chalupka tritt am 1. September die Nachfolge von Michael Bünker an.

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Politik | Inland
05/06/2019

"Es ist Zeit, noch einmal über den Karfreitag zu reden"

Der künftige evangelische Bischof Michael Chalupka über Gräben in der Kirche, Vertrauensverlust gegenüber der Regierung und Umweltschutz.

Seit Samstag steht fest, dass der frühere Diakonie-Direktor Michael Chalupka am 1. September Michael Bünker als Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich nachfolgen wird. Bei der Wahlsynode setzte er sich gegen den Kärntner Superintendenten Manfred Sauer und den Oberösterreichischen Pfarrer Andreas Hochmeir durch. Allerdings brauchte es zwölf Wahlgänge, bis Chalupka die nötige Zweidrittelmehrheit erreichte.

KURIER: Herr Chalupka, Sie wurden am Samstag zum evangelischen Bischof gewählt. Wie geht es Ihnen jetzt mit etwas Abstand?

Michael Chalupka: Gut, ich freue mich auf die Vorbereitung aufs Amt.

Die Wahl wurde erst im zwölften Wahldurchgang entschieden. Warum hat sich das so gezogen?

Ja, es war lange. Aber so eine Wahlsynode ist wie ein kleiner Test für das Durchhaltevermögen. Die Kirche muss hier auf demokratische Weise, aber als geistliches Geschehen eine Person finden, die verschiedenen Traditionen in der Kirche vereinen kann. Es geht bei so einer Wahl nicht um Qualifikation – alle Kandidaten waren hochqualifiziert.

Haben Sie mit so einer langen Dauer gerechnet?

Ich habe damit gerechnet, dass man mit gar nichts rechnen kann. Bei einer Wahlsynode ist alles offen. Es gibt da keine klassischen Fraktionen. Es geht um persönliche Entscheidungen.

Also war es keine Wahl zwischen dem liberalen und dem konservativen Lager? 

Das ist der Blick von außen. Aber so ein Koordinatensystem funktioniert in der Kirche nicht. Ob ein Kandidat sich für Arme oder Geflüchtete einsetzt, spielt keine Rolle, denn das tun alle Kandidaten. Das liegt in der DNA der evangelischen Kirche.

Worum geht es dann?

In der evangelischen Kirche gibt es verschiedene Traditionen: Die traditionellen Toleranzgemeinden, die schon aus dem Geheimprotestantismus hervorgegangen sind, die urbanen Gemeinden, die Vertriebenen-Gemeinden. Es geht darum, diese Traditionen wertzuschätzen, sichtbar zu machen und zu ihrem Recht kommen zu lassen. In der evangelischen Kirche beginnt die Demokratie schon auf Gemeindeebene und zieht sich durch. Dabei ist es wichtig, immer auch die Minderheit zu ihrem Recht kommen zu lassen. Wir sind selbst eine Minderheit, daher haben wir auch eine besondere Sensibilität für Minderheiten. Denn die Einheit ist immer das Ganze, nicht bloß die Mehrheit.

Auch in der Frage der Trauung für gleichgeschlechtliche Paare wurde versucht, nicht über die Minderheit drüberzufahren. Jetzt gibt es die grundsätzliche Möglichkeit, aber in letzter Instanz entscheidet die jeweilige Gemeinde. Ist das ein guter Kompromiss?

Diese Lösung belastet das Gewissen auf beiden Seiten: bei den einen, weil die Trauung für alle ihr Gewissen beschwert, bei den anderen, weil die gefundene Lösung nicht als diskriminierungsfrei empfunden wird. Gerade deshalb bewundere ich aber, dass ein Kompromiss gefunden wurde, mit dem alle leben können.

Für viel Ärger unter Evangelischen hat die Karfreitagsregelung gesorgt, mit der der Karfreitag als Feiertag für Evangelische gestrichen wurde. Glauben Sie, dass da noch etwas geändert werden kann?

Es gab immer eine gute Gesprächsbasis mit der Bundesregierung. Der Karfreitag hat zu einem enormen Vertrauensverlust geführt. Ich kann und will nicht glauben, dass man das so hinnimmt. Vielleicht hat man das unterschätzt, vielleicht war es auch der Kürze der Zeit geschuldet. Jetzt wird es Zeit, nochmals darüber zu reden. Ich halte es jedenfalls nicht für klug, das den Höchstgerichten zu überlassen und die Sozialpartner nicht einzubinden.

Ein Schwerpunkt in ihrer Amtszeit soll Umweltschutz sein. Inwiefern ist das ein Kirchenthema?

Wir können gar nicht anders: Es geht um die Bewahrung der Schöpfung. Die Kirche denkt dabei jedoch nicht in Legislaturperioden, sondern in längeren Zeiträumen. Wir müssen die Erde für unsere Enkel bewahren. Dabei müssen wir bei uns selbst beginnen: Bei unseren Gebäuden, unserer Mobilität. Nur dann können wir das auch glaubwürdig predigen.

Zur Person:

Geboren wurde Michael Chalupka am 21. Juli 1960 in Graz als Sohn einer Lehrerin. Nach dem evangelischen Theologiestudium in Wien und Zürich und einem zweijährigen Italienaufenthalt am Centro Ecumenico d’Agape in Prali (Torino) arbeitete er von 1989 bis 1994 als evangelischer Pfarrer in Mistelbach (Niederösterreich). Von 1994 bis 2018 war er Direktor der Diakonie Österreich. Derzeit ist er Geschäftsführer der Diakonie Bildung. Er ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter.