Am Freitag fand der Aufnahmetest für das human- und zahnmedizinische Studium statt

© Medizinische Universität Wien/APA-Fotoservice/Hörmandinger/Martin Hörmandinger

Politik | Inland
07/05/2019

Aufnahme zum Medizinstudium: „Einen Plan B gibt es nicht“

So viele Bewerber wie noch nie haben sich dem Aufnahmetest zum Medizinstudium gestellt. Der Druck ist enorm, nur knapp jeder Achte wird es schaffen.

Die Ansage aus dem Lautsprecher läuft in Dauerschleife. Eine mechanisch klingende Frauenstimme weist darauf hin, dass alle Handys, Uhren, Taschenrechner und Jacken an der Garderobe abzugeben sind. Getränke und Lebensmittel dürfen nur in durchsichtigen Plastiksackerl mitgeführt werden. An den Sicherheitsschleusen drängen sich die Massen.

Die Atmosphäre in der Halle E des Messegeländes in Wien-Leopoldstadt gleicht am Freitagmorgen der eines Flughafens. Tatsächlich aber findet hier der Aufnahmetest für das Medizinstudium statt.

Sechs-Stunden-Test

Österreichweit haben sich 12.845 Menschen dem sechsstündigen Aufnahmetest an den Unis Wien, Graz, Linz und Innsbruck gestellt – das sind so viele, wie noch nie zuvor. Angemeldet haben sich rund 3.500 mehr, es sei aber die Regel, dass ein paar Tausend nicht erscheinen, heißt es von Seiten der MedUni. Abgefragt werden Grundlagen in Chemie, Biologie, Physik und Mathematik sowie kognitive und soziale Kompetenzen.

In Wien kämpfen knapp 6.500 Bewerber um 740 der insgesamt 1.680 Studienplätze. Viele von ihnen bereits zum wiederholten Mal. Stellt sich die Frage, warum ist der Arztberuf bei jungen Menschen derart beliebt?

„Seit ich 14 Jahre alt bin, ist die Medizin mein Traum. Einerseits möchte ich gerne mit Menschen arbeiten, andererseits interessiere ich mich sehr für Naturwissenschaften und die Medizin vereint beides“, sagt etwa die 19-Jährige Luisa aus Oberösterreich. Für sie ist es der erste Antritt. Dementsprechend nervös sei sie. Generell ist die Anspannung der Bewerber hier in der Vorhalle beinahe greifbar. Manche knabbern nervös an ihren Nüssen oder Chips oder gehen noch schnell eine Zigarette rauchen.

"Egal wo, ich würde hingehen"

Luisa versucht sich durch Small-Talk mit ihrer Freundin abzulenken. Falls sie es nicht schaffen sollte, will sie es weiterprobieren, nicht nur in Wien. „Egal wo sie mich annehmen, ich würde dort hingehen. Einen Plan B gibt es nicht.“

Bei Benedikt hingegen ist es bereits der dritte Anlauf. Der Wunsch, Arzt zu werden, sei während seines Zivildienstes bei der Berufsrettung Wien entstanden. „Ich kann gut mit Menschen und bleibe in Extremsituationen ruhig. Und es macht mir wahnsinnig viel Spaß“, erzählt der 19-Jährige. Zwei Jahre lang habe er sich für den Test vorbereitet, inklusive dreimonatigem Intensivkurs. „Der Kurs war sieben Tage die Woche. Aber es ist einfach das, was ich machen will.“

Tatsächlich erzählen hier einige Bewerber, sich so vorbereitet zu haben. In den vergangenen Jahren hat sich ein lukrativer Markt an Kursen entwickelt. Laut Schätzungen der ÖH der Medizinischen Universität Wien bereitet sich ein Drittel bis die Hälfte der Bewerber auf diese Weise vor, und das bei Kosten von mehreren hundert Euro.

Anita Rieder, Vizerektorin der Medizinischen Universität Wien, hingegen betont, dass nur ein geringer Prozentsatz derartige Programme besuchen würden. Laut einer eigenen Evaluierung der Uni investiere der Großteil nicht mehr als 100 Euro für die Vorbereitung – abgesehen von den 110 Euro Testgebühr.

Studiendauer dank Test gesunken

Der Aufnahmetest hat sich für die Medizinische Universität jedenfalls bewährt. Seit der Einführung 2006 sei die durchschnittliche Studiendauer von 22 auf 13 Semester gesunken. „Wir haben nun die Möglichkeit, die besten Studierenden aus einer großen Gruppe zu finden“, sagt Rieder. Der Rest, so die Hoffnung, könne sich vielleicht für Berufe in der Pflege begeistern. „Es gibt einen Mangel an hochqualifiziertem Pflegepersonal. Hier sehe ich ein großes Potenzial, dass sich unsere Studienbewerber in einen anderen Bereich orientieren.“

"Unbedingt Arzt"

Für Dario ist das keine Option. Der 18-Jährige aus dem deutschen Mannheim „möchte unbedingt Arzt werden“. Es ist sein erster Versuch, zwei Monate hat er sich dafür vorbereitet. Das ist im Vergleich zu manch anderen hier durchaus wenig. Pia, die den Sitzplatz neben ihm in der Halle zugewiesen bekommen hat, erklärt warum: „Beim ersten Mal schauen sich viele den Test einfach mal an. Auch, weil das ja die Zeit der Matura ist und man nicht zum Lernen kommt.“ Erst ab dem zweiten Mal würde es ernst werden. Auch Vizerektorin Rieder deutet an, dass nur wenige nach dem ersten Versuch aufgeben würden.

Falls doch, wittern bereits andere ihre Chance: An der U-Bahn-Station vor dem Messegelände verteilen junge Menschen Flyer der medizinischen Privatuniversität Bulgarien. Hier kostet das Studium allerdings 4.000 Euro pro Semester.