FPÖ-Chef Strache am Aschermittwoch in Ried

© Kurier/Juerg Christandl

FPÖ
02/12/2016

"Manche Politiker gehören kastriert"

Was 2000 Menschen mit Strache und Pegida eint: Angst vor Fremden / mit VIDEO

von Christian Böhmer, Jürg Christandl

Gerade hat er noch politisiert, der Mann im Tweed-Sakko. Er sitzt in einer Bäckerei, vor ihm steht ein Verlängerter. Er hat den Sitznachbarn von einer OECD-Studie erzählt und erklärt, warum manche "Politiker kastriert gehören". Beiläufig, ohne Schaum vor dem Mund, eine Kastration ist für ihn nichts Unerhörtes.

Aber jetzt interessiert den distinguierten Herren etwas anderes, jetzt stehen da diese Männer an der Theke.

"Sie sind von der Presse oder?", fragt er spitz. Irritiert bejahen die beiden. "Woran erkennt man das? An unserer Kameratasche?"

"Wenn man von Soziologie eine Ahnung hat, weiß man das", antwortet der Alte, und sein Lächeln sagt, was er wirklich loswerden will: Glaubt ja nicht, wir würden euch nicht beobachten, euch Journalisten! Euch will hier niemand!

Medien nur geduldet

Was als sanfter Anflug einer "Nicht-Willkommenskultur" in der Bäckerei beginnt, entpuppt sich eine halbe Stunde später, auf der anderen Seite der Straße in der Rieder Jahnturnhalle, als massentaugliche Einstellung: Auch hier sind Journalisten nur geduldet. Warum dem so ist, wird klar, wenn die ersten Biere getrunken und ein paar Zigaretten geraucht sind.

Seit 25 Jahren halten die Freiheitlichen Frontmänner in dieser, als freiheitliche Hochburg geltenden Ecke Oberösterreichs ihre Brandreden. Schon Jörg Haider zog in Ried über die anderen Parteien und den Vorsitzenden der jüdischen Glaubensgemeinschaft vom Leder; für Heinz-Christian Strache war es das elfte Mal.

Ausweichquartier

"Sie hätt’n locker um 700 Koatn mehr verkafn kennan", erzählt ein Parteigänger. "So vü Leit woan no nie do, ma miassat in die Messehalle ausweich’n."

Wohl wahr: Der Andrang ist groß wie selten zuvor: 2000 Zuhörer, die Warteschlangen beim Eingang? Hunderte Meter lang.

Umso mehr stellt sich die Frage: Wer sind die Menschen, die bei Schneeregen in den Innkreis fahren? Warum kommen sie am ersten Fastentag des Jahres hierher und zahlen 15 Euro, um Bier zu tanken, und um bei Heringssalat und Brez’n mehrere Stunden lang Politikern zuzuhören? Was treibt sie?

Das "Was" ist schnell erklärt: Denn in einem sind sich die Handwerker, Angestellten und pflichtschlagenden Burschenschafter in den Bänken ganz offenkundig einig: Österreichs Zukunft wird düster und schlecht.

Im Unterschied zu früheren Jahren, wo diffuse Zukunftsängste bisweilen schwer zu personalisieren waren, ist sich die bierhumpenschwingende Zwangsgemeinschaft spätestens seit dem Sommer völlig einig: Die Gefahr droht von Flüchtlingen und Migranten, die zu Tausenden kommen, um unser Sozialsystem auszunutzen und die uns ihre Kultur, Sprache und Religion oktroyieren wollen. "Wir schaffen das nicht!", sagen mehrere Redner auf der Bühne; "wer soll das alles bezahlen?", fragen die Leute in den Reihen. Und weil die vermeintlich "steuerfinanzierten Medien" weiter der Willkommenskultur das Wort redeten, sind sie für die Rieder Gäste "Propagandisten" der Regierung.

Grimmige Glatzköpfe

Wer meint, in der Jahnturnhalle würden sich an diesem Abend nur freiheitliche Wutwähler tummeln, der irrt: Die meisten Menschen hier passen genauso gut in ein oststeirisches Bierzelt , auf einen Bauernbundball oder einen Salzburger Frühschoppen.

Grimmige Glatzköpfe? Ja, die gibt es. Aber die sind nicht von hier, sie kommen von weit weg. Ein Dresdner und seine Freunde haben Tickets geordert, Internet-affine Freiheitliche erkennen den Mann mit dem akkuraten Scheitel sofort. "Da Bachmann! Da Bachmann!"

Tatsächlich: Lutz Bachmann, Initiator der islam- und fremdenfeindlichen Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) ist da. Rabenschwarze Anzüge, weiße, gestärkte Hemden: So stehen der wegen Einbrüchen, Diebstahls und Drogenhandels verurteilte Bundesdeutsche und seine Freunde am Saalrand. Später, wenn der offizielle Teil erledigt ist, machen jüngere FPÖ-Wähler in Lederhose und blauem T-Shirt ("Heimat ist geil") Selfies mit den Stiernacken.

Die Angst vor Zuwanderern und der Zorn auf die Regierenden – das ist eines der starken Motive, warum die Besucher 15 Euro löhnen.

Ein anderes heißt: schlichte Unterhaltungssucht. Man muss es nicht lustig finden, wenn FPÖ-Chef Strache Dinge sagt wie: "Der Faymann tut nichts anderes, als die Merkel nachzumachen. Das geht so weit, dass ihn die SPÖ für eine Geschlechtsumwandlung angemeldet haben soll."

Hier, in Ried, zwischen zweitem und dritten Bier, finden das aber viele Leute sehr lustig – zumal: Wo sonst werden formal honorige Personen wie der Kanzler oder ein Außenminister als "Pausenclown" oder "minderjährige Plaudertasche" verspottet?

"Die Leut wer’n offensichtlich ja doch g’scheiter", sagt ein amüsierter Besucher kurz vor Mitternacht.

Woran er das festmacht? "Ganz einfach: Es kommen jedes Jahr mehr Leute nach Ried und wählen die Freiheitlichen."

Bier, Heimat und der Islam

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