Politik | Inland
11.11.2018

Lothar Höbelt: "Rückblick auf die ,Achterjahre'"

Gedanken zum Gedenken. Der Autor ist Historiker und Ex-FPÖ-Berater.

An den „ Achterjahren“ ist vor allem einmal der Plural kurios. Man hat 500 Jahre Karl V. begangen und 300 Maria Theresia – letztere mehr schlecht als recht, aber immerhin. Warum nicht einfach bloß 100 Jahre Republik? Ohne jetzt behaupten zu wollen, in die Geheimnisse unserer „Geschichtspolitiker“ eingeweiht zu sein, fielen mir da schon ein paar mögliche Gründe ein: Erstens gibt’s da natürlich wenig zu feiern: Wir hatten 1918 einen Weltkrieg verloren, ein Reich und eine Gesellschaftsordnung zerfielen, wir waren arm und desorientiert. Seien wir ehrlich: Das Bürgertum war feig, der Sozialdemokratie wiederum ist es heute peinlich, dass ihr Engagement für die Republik mit der Begeisterung für den Anschluss gepaart war.
Epochemachende neuere Forschungen zu 1918 gibt es kaum, daher auch keine einschlägige wissenschaftliche Lobby, dafür aber eine Menge Leute, die ihr Leben lang nichts anderes geforscht haben als über 1938 und die Jahre danach.

Die wollten auch wieder einmal ihr „O mani padme hum“ los werden (was immer derlei gebetsmühlenartige Rituale auch bewirken oder besser: nicht bewirken). 1948 war für unsere tschechischen Nachbarn eine Katastrophe, genauso wie 1968. Das blieb bei uns weitgehend ausgeblendet. Apropos 1968: Da war zwar in Wien nicht viel los – was keineswegs gegen Wien spricht –, aber die Veteranen von damals wollten sich noch einmal im Glanz ihrer Jugenderinnerungen sonnen. Es sei ihnen gegönnt – lustiger als ihre politisch korrekten Epigonen waren sie allemal, wenn vielleicht auch nicht immer #MeToo-tauglich.

Bei all den Veranstaltungen, die zu den „Achterjahren“ stattfanden, kristallisiert sich als gemeinsamer Nenner heraus: Meist war der Vorsitzende ein Journalist, der es eilig hatte, von den Büchern, die er gar nicht alle gelesen haben konnte, zu „aktuellen“ Themen überzuleiten.  Nun kann man über Migration und Demokratiereform, EURO-Rettung und Bildungsmisere zwar trefflich streiten, von allen möglichen tagespolitischen „Aufregern“ ganz abgesehen, aber dazu brauche ich weder das Jahr 1918 noch 1938.

Zeigefinger

Geschichte zeigt uns vor allem einmal, dass die Vergangenheit eben anders war als die Gegenwart, von anderen Voraussetzungen ausging und auf andere Anreize reagierte. Wer da einfach Rezepte abkupfern will, sollte doch lieber die Dienste von Astrologen in Anspruch nehmen. Der viel beschworenen pluralistischen Gesellschaft völlig unangemessen ist auf alle Fälle der Anspruch diverser Kollegen, mit erhobenem Zeigefinger festlegen zu wollen, wie „wir“ uns an irgendetwas zu erinnern haben. Da wird jeden etwas anderes interessieren oder ihm wichtig vorkommen, manche wird es wohl auch kalt lassen.
Mich fasziniert Geschichte, aber man soll niemandem sozusagen von Amts wegen vorschreiben, dass er sich dafür zu interessieren hat. Chacun à son goût. Auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören, heißt es bei Wilhelm Busch. Das gilt wohl auch für diverse einschlägige Sonntagsreden, selbst wenn Weisheit und Vergnügen dabei zuweilen etwas zu wünschen überlassen.

Das beste „ Haus der Geschichte“ bleibt übrigens immer noch eine gut gefüllte Bibliothek, frequentiert von Leuten, die noch tatsächlich lesen.