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Monika Lindner
10/18/2013

Lindner: „Geldgier ist mir zu banal“

Die Ex-ORF-Chefin über ihre Motive als wilde Abgeordnete ins Parlament zu gehen.

von Ida Metzger

KURIER: Frau Lindner, Sie werden nach Ihrem Entschluss, wilde Abgeordnete zu werden, als geldgierig und unehrenhaft bezeichnet. Wie lange wollen Sie diesen „Shitstorm“ noch aushalten?

Monika Lindner: Solange er auszuhalten ist. Dieser Sturm der Entrüstung ist mir aufgezwungen worden, weil mich niemand gefragt hat, was ich wirklich machen will. Es war sofort die Behauptung da: „Sie will nur das Geld.“ Das ist doch banal. Kein Mensch hat mich gefragt: Was haben Sie vor mit dem Geld? Was haben Sie überhaupt im Parlament vor? Welche Themen sind Ihnen wichtig?

Rücktritt kommt nicht infrage?

Nein, und wenn man meinen Lebenslauf kennt, dann weiß man, dass ich so eine Causa Prima schon einmal hatte. Ich habe das nun einmal begonnen und da muss ich jetzt durch. Schauen Sie, mir war völlig klar, dass die Entscheidung Kritik ernten wird. Das hat schon begonnen, als ich zur Liste Stronach gegangen bin. Auch da wusste ich, dass viel Erstaunen, viel Überraschung, viel Kritik kommen wird. Dann folgte der Vertrauensbruch mit der Aussage von Robert Lugar, dass ich die „Speerspitze gegen ÖVP und ORF“ sein soll. Bei so einem groben Vertrauensbruch ist mir gar nichts anderes übrig geblieben, als „Halt“ zu sagen. Aber ich war schon auf der Liste und da gab es nichts mehr zu rütteln.

Sie haben in einer Aussendung behauptet, dass Sie das Mandat nicht annehmen werden. Wie kam es zu dem Umdenken?

Erstens ist viel Zeit vergangen und ich bin auf diese Liste nicht aus Jux und Tollerei gegangen. Sondern ich ließ mich aufstellen, weil ich gesehen habe, dass es viele Punkte im Ehrenkodex gibt, mit denen ich mich anfreunden kann. Außerdem war mein Wunsch, in die Politik zu gehen, schon nach meinem ORF-Abgang da. Aber ich wurde nie gefragt, dann kam das Angebot von Frank Stronach und da habe ich mir gedacht: „Okay, das mache ich jetzt.“ Nach meiner Absage bekam ich Informationen, dass rechtliche Möglichkeiten existieren, als freie Abgeordnete zu gehen.

Verraten Sie uns, was wollen Sie mit dem Abgeordneten-Gehalt von knapp über 8000 Euro brutto machen? Werden Sie es spenden?

Gespendet habe ich mein ganzes Leben lang. Mit dem, was von den 8000 Euro übrig bleibt, muss und werde ich mir eine Infrastruktur für meine Arbeit als Abgeordnete erstellen. Ich brauche Mitarbeiter, die für mich recherchieren, ich muss mir juristischen Rat holen, ich brauche einen Wirtschaftsexperten. Ich muss mir alle Strukturen, die normalerweise ein Klub hat, selber errichten. Und wenn ich von meinem privaten Geld etwas dazusteuern muss, dann werde ich das auch tun. Und ich rechne damit – zumindest am Anfang. Denn ich will nicht als Abstimmungsmaschine zur Verfügung stehen, die ihre Hand hebt. Ich werde auch in Ausschüsse gehen und zuhören, auch wenn ich keine Frage stellen darf.

Glauben Sie wirklich, dass der Parlamentarismus einer wilden Abgeordneten eine Chance gibt? Sie werden in der letzten Reihe sitzen, haben kaum Rechte. Was bringt das?

Das stimmt, aber ich habe meine Redezeit. Es sind starre Strukturen im Parlament, man wird sehen, wo sie mich hinsetzen. Und selbst wenn es die letzte Reihe ist, auch dort bekommt man etwas mit. Es geht um die Frage: Kann eine freie Abgeordnete neben den starren Strukturen überhaupt existieren? Was passiert mit der freien Abgeordneten? Schneidet man sie? Nimmt man sie nicht wahr? Das ist ein Experiment fürs Parlament.

Sie haben es sich mit allen verscherzt. Auch mit mächtigen Männern und Freunden wie Erwin Pröll und Christian Konrad

Ich weiß nicht, ob verscherzt der richtige Ausdruck ist. Mir war schon klar, dass mit meiner Entscheidung keine Freude herrschen wird. Deswegen habe es ich Erwin Pröll auch selbst mitgeteilt.

Von diesen beiden Herren hat es auch oft Rückendeckung gegeben...

Jetzt erklären Sie mir, wo hat mir Christian Konrad Rückendeckung gegeben?

Es wird so kolportiert…

Eben. Wie kommt man dazu, dass meine berufliche Tätigkeit auf zwei Männer reduziert wird? Ich hatte zu den beiden durchaus eine freundschaftliche Beziehung, wie weit sie noch besteht, kann ich nicht sagen. Von mir aus würde sie selbstverständlich noch bestehen. Mit Christian Konrad gibt es zumindest eine Gesprächsbasis.

Ihre Vergangenheit als ORF-Chefin in Erwin Prölls Niederösterreich hat auch keine Rolle bei Ihrer Bestellung zur ORF-Chefin gespielt?

Es war das größte Risiko meines Lebens – es hätte auch schiefgehen können. Aber es hat sich ausgezahlt und es waren fünf tolle Jahre. Ich wurde von den bürgerlichen Stimmen zur ORF-Chefin gewählt, wo Susanne Riess-Passer eine entscheidende Rolle gespielt hat, weil sie sich getraut hat, gegen Jörg Haider aufzutreten.

Für welche Themen stehen Sie?

Mir ist die Ganztagsschule schon seit 40 Jahren ein großes Anliegen. Ohne die Ganztagsschule ist es für eine Frau nicht möglich, ein Berufsleben ohne schlechtes Gewissen zu führen. Es gibt über 100.000 Alleinerziehende und jeder weiß, dass diese Frauen armutsgefährdet sind. Ich bin der Meinung, dass jede Pflichtschule eine Ganztagsschule sein muss. Und ich bin auch der Meinung, dass die Gesamtschule kommen muss. Dann gehört die Chancengleichheit für Frauen saniert. Außerdem sind mir die Senioren ein Anliegen. Es gibt viele, die am Existenzminium vorbeischrammen.

Deswegen ist die Empörung über Ihr Monatsgehalt so groß, weil ein durchschnittlicher Pensionist 1600 Euro bekommt…

Aber ich habe 40 Jahre dafür gearbeitet und nicht wenig. Ich habe mir meine Pension verdient und ich habe sie nicht irgendwo zufällig gefunden. Derzeit weiß ich noch nicht, ob das Einkommen nicht gedeckelt wird.

Kathrin Nachbaur, die neue Team-Stronach-Klubobfrau, hat an Sie appelliert, wieder in die Partei zurückzukehren.

Ich habe mit Frau Nachbaur ein durchaus sehr gutes Gesprächsklima. Aber das kommt für mich nicht mehr infrage. Die Jäger sagen: „Die Kugel ist aus dem Lauf.“ Das geht nicht, dass man jetzt sagt, das war ja gar nicht so schlimm.

Monika Lindner: Die "wilde" Ex-Generalin

Große Mehrheit für Frank Stronachs Polit-Abgang

Frank Stronach werde sich sukzessive aus der Politik zurückziehen. Das tat seine Intima Kathrin Nachbaur kürzlich kund. Das magere Wahlergebnis (5,7 %, in Umfragen hatte er anfänglich bis zu 15 %) hat ihn frustriert. Einem Gutteil der Bevölkerung behagt, dass der Parteigründer die neue Karriere auch schon wieder beendet. In einer OGM-Umfrage für den KURIER sagen fast zwei Drittel der Bürger, sie finden das gut. „Weil die notwendige Stabilität und demokratische Reife der Partei aufgrund der Ereignisse – von Kärnten bis Salzburg – fraglich ist. Stronach hat die Partei geschaffen, jetzt wird er auch als Verantwortlicher für deren Niedergang gesehen“, erläutert OGM-Chef Wolfgang Bachmayer. Dass immerhin 30 Prozent der Befragten dagegen sind, dass Stronach geht, erklärt er so: „Sie meinen, er solle die Suppe auch auslöffeln, die er eingebrockt hat.“

Gegen Lindner-Mandat

Eine Andere, die noch nicht in der Politik war, möchten die Österreicher mehrheitlich auch nicht dort haben – Stronachs 48-Stunden-Kandidatin Monika Lindner.

69 Prozent verwahren sich dagegen, dass die einstige ORF-Generalintendantin am 29. Oktober als „wilde“ Abgeordnete in das Hohe Haus einzieht. Die Gründe? „Die Menschen empfinden ihr Raus und Rein nicht anständig“, sagt Bachmayer. Was er meint: Lindner ließ sich auf Platz 3 von Stronachs Wahl-Liste setzen, nach zwei Tagen sagte sie sich von ihm los. Dann vermeldete sie, das Mandat nicht anzunehmen, nun tut sie es doch. Verschärft hätten sich die Vorbehalte gegen Lindner durch die „Einkommens- und Pensionsfrage“, sagt Bachmayer. Sie bekommt ja eine ORF-Pension (7000 €), eine ASVG-Rente (3000 €) – und künftig auch noch 8300 € brutto im Monat als Abgeordnete. Bachmayer: „Da entsteht bei vielen der Eindruck, es gehe ihr primär ums Geld.“ Lindner will das Umfrageergebnis nicht kommentieren. Sie sagt lediglich: „Ich nehme das zur Kenntnis.“