Neue Lehrpläne: "Das Fach Latein wird in seinem enormen Mehrwert ruiniert"

Bildungsminister Wiederkehr will Latein zugunsten von KI kürzen. Die Reformgruppe Latein trat zurück. Wiederkehr wirft ihr "Arbeitsverweigerung" vor. Stimmt nicht, sagt der oberste Latein-Vertreter.
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Die Lehrpläne an Österreichs Schulen sollen reformiert werden. Geht es nach den Plänen von Neos-Bildungsminister Christoph Wiederkehr, so soll das Fach Latein zugunsten von KI und Medienbildung stundenmäßig gekürzt werden. Anfang Februar kommt prominente Kritik an dem Plan. Nicht nur seitens der zuständigen Experten, die den Latein-Lehrplan modernisieren sollen, sondern seitens der Zivilgesellschaft. Schriftsteller wie Elfriede Jelinek und Dimtré Dinev, Genetiker Markus Hengstschläger oder Ex-OeNB-Gouverneur Klaus Liebscher unterschreiben eine Petition gegen Wiederkehrs Pläne. 

Die Initiatoren der Petition - Nina Hoppe und Gerhard Ruiss - mahnen: "Latein ist kein Luxus. Es ist Bildung". 

Ende Februar tritt die sechsköpfige Lehrplan-Gruppe für Latein geschlossen zurück. Am Wochenende kritisiert Wiederkehr im KURIER-Interview deren Verhalten. Spricht von "Arbeitsverweigerung". Er sei verwundert gewesen, denn "kein Fach kann sich aussuchen, wie viele Stunden es bekommt". 

Peter Glatz, Leiter der Lehrplangruppe und gleichsam oberster Vertreter der Latein-Lehrerinnen und -Lehrer in Österreich weist den Vorwurf des Ministers auf KURIER-Nachfrage "schärfstens zurück".

Peter Glatz

KURIER: Wie viel Zeit hätten Sie noch gebraucht, um den Latein-Lehrplan Ihren Ansprüchen entsprechend zu adaptieren?

Peter Glatz: Für die Antwort ist etwas auszuholen. Die Kommission hat im Herbst letzten Jahres sowohl für die Langform Latein (6 Jahre) als auch für die Kurzform (4 Jahre) Lehrpläne vorgelegt, die modernen pädagogisch-didaktischen und wissenschaftlichen Standards gerecht werden. Die Themen „KI“ und „Demokratie- und Medienbildung“ sind darin wesentlich verankert. Was Wiederkehr nun verlangt, ist ein neuer Latein-Lehrplan im Ausmaß von insgesamt 8 Wochenstunden, was eine Kürzung von einem Drittel der derzeit vorgesehenen Gesamtwochenstunden bedeutet. Ein Lehrplan für ein derart stark verkürztes Sprachfach ist nicht mit ein paar "minimal invasiven“ Einschnitten zu machen. Wie auch bei den lebenden Fremdsprachen kann die Zeit für sinnvolles Sprachenlernen nicht unbegrenzt verkürzt werden. Dazu kommt in Latein ein stark verzahntes Kompetenzenbündel: Sprache, Literatur, Kultur, Politik, Europa. Bei einer Reduzierung von 12 auf 8 Stunden in der Oberstufe des Gymnasiums entsteht definitiv ein anderes Fach.

Entweder ist kein sinnvoller Spracherwerb mehr zu schaffen. Dann wird das Eindringen in die in den Originaltexten niedergelegte Kultur Europas der vergangenen Jahrhunderte nicht mehr möglich. Und vor allem: Der enorm demokratiepolitische Aspekt des Faches wird zerstört. Das vertiefte Sprachverstehen, Lesen und Kritik komplexer Texte im Original, das Ringen um saubere Begriffe und das Trainieren einer ordentlichen Diskussionskultur sind nicht mehr möglich. Es bleibt Kulturkunde, im besten Falle mittels Übersetzungen. Oder wir müssen uns im Wesentlichen auf den Spracherwerb fokussieren, dann fehlen Literatur und Kultur – ein berechtigter Ansatzpunkt früherer Kritik.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr

Fazit: Um den Lehrplan eines völlig anderen Faches zu schreiben, hätte es ebenso lange Zeit gebraucht wie für die Erstellung der völlig fertigen, gelungenen und vom Ministerium auch sehr gelobten Lehrpläne, die fertig in der Schublade liegen, also mindestens ein Jahr, vermutlich länger im Ringen darum, vom ursprünglichen USP des Faches ansatzweise noch etwas zu retten. Fest steht auch, dass in jedem Fall das Fach Latein in seinem enormen gesellschaftlichen Mehrwert ruiniert wird.

"Ich war verwundert, denn es kann sich kein Fach aussuchen, wie viele Stunden es bekommt. Jedes Fach möchte mehr Stunden. Die Informatik-Lehrer beispielsweise, die
eine Stunde dazubekommen, würden eigentlich gerne drei Stunden mehr haben. Einfach zu sagen: Ich beteilige mich nicht mehr an der Lehrplanerstellung, das ist schlicht
eine Arbeitsverweigerung, die ich nicht nachvollziehen kann."

von Bildungsminister Christoph Wiederkehr im KURIER-Interview

über den Rücktritt der Reformgruppe Latein

Ganz besonders wichtig ist mir, den öffentlich geäußerten Vorwurf der "Arbeitsverweigerung“ seitens Wiederkehr schärfstens zurückzuweisen. Das ist definitiv falsch. Wir haben nach Abschluss der Arbeit am Lehrplan NEU 2027 nach reiflicher Überlegung den nächsten Auftrag zur Erstellung eines weiteren Lehrplans nicht angenommen (vgl. die entsprechende Presseaussendung vom 26.02.2026 mit allen Argumenten). Zur Annahme des Auftrags sind wir nicht verpflichtet, das sind wir in letzter Konsequenz unserem Fach Latein.

Was antworten Sie Menschen, die meinen, es könne nicht so schwer sein, den Lehrplan zu adaptieren/modernisieren?

Ich verweise auf das eben Gesagte. Die angesprochene Verzahnung der verschiedenen Aspekte erfordert Zeit, auch die Überlegung, welche Kompetenzen wie zu kürzen und zu positionieren sind. Zudem ist ein Lehrplan nicht irgendein Dokument. Es ist die gesetzlich verankerte Grundlage für den Unterricht zigtausender Schüler jährlich. Hier bedarf es umfangreicher fachdidaktischer Expertise. Wer glaubt, das sei mit ein paar Federstrichen getan, hat keine Fachkenntnis. Dazu kommen Folgewirkungen wie die Frage der Maturabilität des Faches. Wir haben bis dato sehr gute Maturantenzahlen, es maturieren jährlich stabil über 2.000 Schüler freiwillig in Latein. Das Konzept der Schriftlichen Kompetenzorientierten Reifeprüfung (SKRP) müsste ebenfalls völlig neu erstellt werden. Viel bis dato geleistete Arbeit wäre dann auch in diesem Bereich umsonst. Nicht zu reden von den hohen Kosten für die Steuerzahler.

Wer ist nun dafür zuständig, den Latein-Lehrplan zu reformieren?

Wie gesagt, es geht nicht um eine Reform des im Herbst 2025 fertiggestellten Lehrplans, es geht um die Erstellung eines völlig neuen Konzepts. Meinem Kenntnisstand nach wurde das im Ministerium für die Erstellung der SKRP zuständige Team schlussendlich letzte Woche per Dienstanweisung mit dieser Aufgabe betraut – und zwar mit einem extrem kurzen Zeithorizont bis 30. April 2026.

Sind Sie in Kontakt mit anderen Reformgruppen, die ebenfalls den Zeitrahmen kritisieren?

Alle Player in diesem Bereich in Österreich halten die Vorgangsweise für nicht sinnvoll. Es gab einen Austausch mit den Direktionen. Ich verweise hier auf die profunde Umfrage der österreichweiten Direktorenvertretung, die ein klares Ergebnis zeigt: Über 90 Prozent der Direktionen haben aus besagten Gründen Latein bzw. alle Sprachfächer trotz schulautonomer Möglichkeiten nicht gekürzt, weil die Kürzung von Sprachenlernen schlichtweg Grenzen hat. Dementsprechend wird das derzeitige Vorhaben klar kritisiert. Auch die Elternvertretung sieht hier Anlass zu deutlicher Kritik, ebenso die Universitätsinstitute der Klassischen Sprachen. Zu verweisen ist immer wieder auf die starke öffentliche Resonanz: die Petition für die Klassischen Sprachen und das Sprachenlernen hat binnen kürzester Zeit über 41.500 Stimmen erhalten. Fazit: Es besteht Konsens darüber, dass Sprachenlernen Zeit braucht und dass auch derart gravierende Einschnitte in die Lehrplanarchitektur nicht in absurd kurzer Zeit zu machen sind. Ebenso besteht Konsens, dass bei einer weiteren Kürzung gerade die Themen „Politik“ und „Demokratie“ am stärksten in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die Fragen wurden schriftlich beantwortet.

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