Neue Schulfächer: Latein ist kein Gerümpel

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Wer KI, Medienkompetenz und Demokratiebildung nicht als integralen Bestandteil aller Schulfächer versteht, ist mit seinem Latein wirklich am Ende.
Christoph Schwarz

Christoph Schwarz

Den Applaus so mancher, die sich einst am Ablativ abmühten und an Ovid-Übersetzungen scheiterten, mag sich Christoph Wiederkehr gesichert haben: Der Bildungsminister will die Lehrpläne entrümpeln – und statt „toter Sprachen“ lieber KI, Medien- und Demokratiekunde unterrichten. Das mag modern, ja innovativ klingen; und vielleicht nimmt irgendjemand dem Minister ab, dass man damit das steigende Integrations- und Demokratiedefizit in den Griff kriegen könne. In Wahrheit ist die Maßnahme einfallslos und kurzsichtig. Sie ist ein zu billiger Abtausch.

Die Überlegung, die den Ausgangspunkt im pinken Ministerium bildete, mag richtig gewesen sein: Die KI hat unser Leben und insbesondere die Art zu lernen nicht nur verändert, sondern auf den Kopf gestellt. Wenn sie den Schülern die Rechenaufgabe ebenso abnehmen kann wie die Literaturanalyse, wird die althergebrachte Art der Wissensvermittlung obsolet.

Auch dass Medienkompetenz da, wo Halb- und Unwahrheiten ungefiltert oder bewusst manipuliert über Social Media (oder FPÖ-Radio) an jede(n) gelangen, Priorität haben muss, sei unbestritten. Demokratievermittlung tut in Zeiten der Polarisierung und einer aus den Fugen geratenen Weltpolitik ohnehin Not.

Allein: Weder der Umgang mit KI noch Medien- und Demokratiekunde sind in isolierten Unterrichtsfächern – einst nannte man sie despektierlich, aber nicht weniger korrekt Nebenfächer, das Wort sagt alles! – gut aufgehoben. Im Gegenteil: Sie sind die Basis, um die Welt zu verstehen, sich in ihr zu behaupten und Herausforderungen zu meistern. Sperriger formuliert: Sie sind eine Querschnittsmaterie. Sie existieren nicht für sich, sondern manifestieren sich in allem, was uns umgibt.

Die Reform muss bei den Lehrern beginnen

Folgerichtig müssen sie integraler Bestandteil (fast) aller Unterrichtsfächer sein: Der gute (!) Geschichte-, Geografie- oder Wirtschaftsunterricht kann mehr über Demokratie lehren als jede zusätzliche Einheit; Gleiches gilt für Deutsch und Fremdsprachen, in die Medienkunde wie selbstverständlich einzufließen hat. Die Liste lässt sich – mit ein wenig Kreativität – um Kunst, Psychologie, Biologie und weitere Fächer erweitern.

Jede ernst gemeinte Reform muss daher auch bei den Lehrerinnen und Lehrern beginnen – denn auch da sind nicht alle KI- und Medien-fit. Das Ministerium muss Angebote schaffen.

Was ist nun mit Latein? Es ist und bleibt wichtiger Bestandteil in Wissenschaft und Juristerei. Es lehrt uns strukturiertes Denken, Genauigkeit, Sprachgefühl. Es ist ein Pfeiler der christlich-abendländischen Kultur, die viele so leidenschaftlich verteidigen wollen.

Was Latein nicht ist: tot. Es beim „Entrümpeln“ (ein furchtbares Wort!) auf den Misthaufen der Geschichte zu werfen, ist einer Wissensgesellschaft unwürdig. Fällt dem Minister nichts Besseres ein, ist vielleicht nur er es, der mit seinem Latein am Ende ist.

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