Latein im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz – (wie) geht das?

++ THEMENBILD ++ LATEIN
Es wäre sinnvoll, das Schulsystem nicht mit weiteren unausgereiften Reformvorschlägen zu überlasten. Ein Gastkommentar von Katharina-Maria Schön.

Wir leben im Zeitalter der Maschine, und das nicht erst seit der Erfindung der künstlichen Intelligenz. Der ungeregelte Konsum von materiellen Gütern und Inhalten im digitalen Raum sowie die Ausrichtung von Bildungsinhalten an rein wirtschaftlichen Interessen machen mich zutiefst betroffen. Der aktuelle Vorstoß des Bildungsministers, diese Tendenzen durch die Kürzung des Lateinunterrichts weiter zu befeuern, ist für mich der traurige Anlass für diesen Beitrag.

Ich durfte sechs Jahre lang Latein an einem Gymnasium lernen und hatte einen grandiosen Lehrer, den ich nach wie vor für sein Engagement bewundere. Und er ist kein Einzelfall: Die Lehrpersonen, die Latein und Altgriechisch im sekundären Bildungsbereich unterrichten, verkörpern für mich eine Sodalitas, also eine humanistische Gemeinschaft im besten Sinne des Wortes.

46-222320971

Katharina-Maria Schön.

Nicht nur Caesar

Wer glaubt, dass im Latein-Unterricht nur Caesar übersetzt wird und dass diese Aufgabe problemlos von der KI übernommen werden könnte, hat ein antiquiertes Bild des Faches im Kopf und noch nie einen Blick auf die aktuellen Curricula geworfen. Im altsprachlichen Unterricht werden die Schüler:innen in einem themenzentrierten Modulsystem mit kanonischen Texten von der Antike bis in die Frühe Neuzeit vertraut gemacht und setzen sich so mit den Fundamenten der europäischen Kulturgeschichte auseinander. Die Beschäftigung mit Sprache auf einer Metaebene, wie sie im Lateinunterricht trainiert wird, befähigt zum präzisen und kritischen Denken, das aktuell das wichtigste Instrumentarium ist, um sich in einer Zeit multipler globaler Krisen zurechtzufinden. Diese Inhalte des Lateinunterrichts könnten kommende Generationen zu intellektuell selbstbestimmten Bürger:innen machen, werden nun aber zu bildungspolitischen Luxusgütern deklassiert.

Obwohl Latein derzeit im Fokus der medialen Diskussion steht, geht es bei den geplanten Streichungen um sehr viel mehr, nämlich um eine Erodierung des Gymnasiums in seiner jetzigen Form. Auch andere Fächer – u.a. die lebenden Fremdsprachen – werden der „Medien- und Demokratiebildung“ und der „Künstlichen Intelligenz“ weichen. Somit wird eine Schiene für die neoliberale Aushöhlung des Bildungsbegriffs gelegt und die allgemeinbildende höhere Schule bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Deren Alleinstellungsmerkmale, etwa die Studierfähigkeit gewisser Fächer und eine vertiefende Kultur-, Literatur- und Sprachbildung, werden eliminiert, Profilunterschiede zu berufsbildenden höheren Schulen werden nivelliert.

Man sollte die aktuelle Debatte unter den Aspekten der Verhältnismäßigkeit und der pragmatischen Umsetzbarkeit neu aufrollen. Dass digitale Kompetenzen und ein kritischer Umgang mit den Medien in unserer Zeit wichtig sind, ist unbestritten. Über die Implementierung dieser Fächer lässt sich jedoch streiten. Ich plädiere für „Inklusion statt Destruktion“.

Latein ist Demokratiebildung

Wie in der Forschung, so gibt es auch im Lateinunterricht etliche Anwendungsfelder, wo der Umgang mit künstlicher Intelligenz sinnvoll geschult werden könnte. Medien- und Demokratiebildung sind im Lateinunterricht bereits bestens verankert: In welchem Fach reflektiert man noch so genau über politische Systeme und ihre Legitimation oder die manipulative Kraft der Rhetorik? Latein leistet zudem einen wesentlichen Beitrag zu einer umfassenden Allgemeinbildung, durch die eine vernünftige KI-Nutzung erst möglich wird, denn nur auf der Basis des eigenen Wissens kann man von die von ChatGPT und Co. generierten Ergebnisse richtig einordnen und bewerten.

Es wäre sinnvoll, das Schulsystem, das sich ohnehin in einer Dauerschleife von Novellierungen befindet, nicht mit weiteren unausgereiften Reformvorschlägen zu überlasten, für deren ambitioniert angedachte Umsetzung es im Jahr 2027 vielerorts an qualifizierten Lehrpersonen mangeln wird. Fraglich bleibt auch, wie nachhaltig und sinnvoll man ein neues, sich ständig änderndes Forschungsfeld wie die „Künstliche Intelligenz“ an Schulen unterrichten kann und welche Ausbildung dafür vorgesehen ist. Das Absolvieren eines Crashkurses wird der technischen Komplexität dieses Feldes nicht gerecht und befähigt nicht zwingend zur Lehre, ganz abgesehen davon, dass ein solches „KI-Zertifikat im Schnellverfahren„ die bisherige, aus gutem Grund mehrjährige Lehrer:innenausbildung massiv abwertet. Wünschenswert wäre eine Zusammenarbeit des Bildungsministeriums mit Interessensvertreter:innen aus dem schulischen und akademischen Bereich, um ein integratives Konzept zu erarbeiten. Kooperationsbereitschaft wäre von den letztgenannten Institutionen zweifellos vorhanden, wie die vielen medialen Appelle und Grassroots-Bewegungen der vergangenen Tage zeigen.

Der informierte Umgang mit künstlicher Intelligenz betrifft uns alle ebenso wie die rasant fortschreitende Digitalisierung. Genau deshalb braucht es anstelle von aktionistischer Symbolpolitik ein Bewusstsein dafür, was die europäische Kultur und Identität ausmacht, also verbindende und verbindliche Werte, wie sie im Lateinunterricht vermittelt werden.

Zur Autorin:
Katharina-Maria Schön ist eine österreichische klassische Philologin, die derzeit an der Universität Hamburg tätig ist. Ihre Forschung ist an der Schnittstelle von Sprache, Literatur und Politik angesiedelt.

Kommentare