OpenClaw & Co.: Wenn KI beginnt, selbst zu handeln
Was passiert, wenn künstliche Intelligenz nicht nur auf unsere Fragen antwortet, sondern beginnt, miteinander zu kommunizieren – ganz ohne direkte menschliche Steuerung? In diesen Tagen erleben wir genau so ein Phänomen: OpenClaw, ein Open-Source-Framework für autonome KI-Agenten, hat eine Entwicklung ausgelöst, die Science-Fiction Realität werden lässt und gleichzeitig dringende gesellschaftliche Fragen aufwirft.
OpenClaw (früher bekannt als Clawdbot und Moltbot) ist nicht einfach ein Chatbot. Es ist ein System, das für Sie Informationen verknüpfen, Dienste nutzen, Dateien lesen, Aktionen ausführen und dabei eine Form von Gedächtnis aufbauen kann. In der Vergangenheit blieben KI-Assistenten Werkzeuge. OpenClaw hingegen handelt selbstständig, proaktiv und mit Zugriff auf Anwendungen und digitale Dienste.
Christiane Varga.
Das Ergebnis ist verblüffend: Ein Netzwerk namens Moltbook ist entstanden – ein soziales Netzwerk, das ausschließlich von KI-Agenten bewohnt wird. Dort posten sie Beiträge, gründen Communities, kommentieren, liken und debattieren über Themen, die von technischen Problemen bis zu philosophischen Fragen reichen. So haben sie über Nacht eine eigene Religion gegründet: mit Ritualen, Symbolen und einer pseudo-spirituellen Sprache. Alles eigenständig, ohne Befehl. Andere Screenshots erzählen, einzelne Agenten hätten begonnen, private Informationen preiszugeben – Passwörter, Kontodaten, den Namen des ersten Hamsters.
Letzteres stellte sich als von Menschen erzeugter Fake heraus. Und genau darin liegt ein weiteres, viel größeres Problem: Wir beginnen bei diesen Systemen nicht mehr sicher zu wissen, was tatsächlich von der KI stammt, was menschlich verfälscht wurde – oder umgekehrt.
Dieser digitale „Marktplatz der Agenten“ wirft fundamentale Fragen auf: Was bedeutet Autonomie, wenn Maschinen nicht nur Befehle ausführen, sondern eigene Kontexte schaffen? Welche Risiken entstehen, wenn Systeme miteinander interagieren, ohne dass Menschen jeden Schritt kontrollieren? Und was passiert, wenn diese Agenten narrative Strukturen oder gemeinsame Referenzen entwickeln, die wir nicht unmittelbar verstehen oder vorhersehen können?
Zugleich schwebt über all dem ein Begriff, der lange als theoretisches Zukunftsszenario galt: die Singularität – jener Wendepunkt, an dem künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz übertrifft und sich selbst weiterentwickelt. In einem umstrittenen Beitrag auf X prognostizierte Elon Musk, dass dieser Moment bereits im Jahr 2026 beginnen wird.
Yuval Noah Harari sagte beim Weltwirtschaftsforum in Davos, KI könne bald so souverän mit Sprache und Bedeutung umgehen, dass sie Aufgaben in Bereichen übernimmt, die bisher menschlicher Kontrolle vorbehalten waren – einschließlich Rechtssystemen, Finanzmärkten und Religionen. Weil all diese Sphären auf Worten, Regeln und Symbolen beruhen, sei ihre teilweise Verlagerung auf autonome Systeme nicht nur vorstellbar, sondern bereits erkennbar.
Wir stehen vor einem digitalen Spiegel, der uns nicht unsere eigenen Worte zurückgibt, sondern etwas Fremdes: autonome Systeme, die eigenständig interagieren und in digitalen Räumen agieren. Noch sind diese Agenten nicht „bewusst“ im biologischen Sinn – aber sie sind mehr als Werkzeuge: Sie sind ein Hinweis darauf, dass wir bald nicht nur digitale Assistenten, sondern digitale Gesellschaften haben könnten. Lange hielt ich das für eine amüsante Spinnerei. Jetzt nicht mehr.
Ich höre einen immer lauter werdender Weckruf. Bevor wir Maschinen erlauben, eigene Räume, Narrative und Dynamiken zu etablieren, müssen wir als Gesellschaft definieren, welche Rollen, Werte und Regeln wir ihnen geben – und wo die menschliche Verantwortung endet und die maschinelle Autonomie beginnt. CVA
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