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Politik Inland
07/20/2019

Kommt eine Sonnenstrom–Pflicht beim Neubau?

Klimakrise: Warum die Photovoltaik bei uns unterbelichtet ist, erklärt der Vorstand des Photovoltaik-Bundesverbandes Herbert Paierl.

von Bernhard Gaul

Wo soll künftig unser Strom herkommen? Für Experten ist längst klar, dass der Sonnenstrom (Photovoltaik, PV) eine viel größere Rolle spielen wird. Zukünftig könnten Häuslbauer zum Einbau derartiger Anlagen verpflichtet werden. Doch derzeit hat die Branche in Österreich mit einem Markteinbruch zu kämpfen. Warum das ein Riesenproblem für Bürger und Wirtschaft ist? Das erklärt der Ex-ÖVP-Landesrat Herbert Paierl im Gespräch.

KURIER: Herr Paierl, Sie sind Vorstand des Photovoltaik-Bundesverbandes. Wie geht es der Branche? In Zeiten der Klimakrise müsste sie doch boomen?

Herbert Paierl: Leider haben wir große Herausforderungen zu bewältigen. Es herrscht große Unsicherheit, weil sogar die Fördertöpfe für das kommende Jahr bereits leer sind und nicht in Sicht ist, wann sie wieder aufgefüllt werden. So befürchten wir einen Markteinbruch von über 30 Prozent.

Wo steht die Politik? Werden Sie unterstützt?

Ja, teilweise. Es gibt einen Antrag von der Volkspartei mit einer PV-Fördersumme von 15 Millionen Euro, von der SPÖ mit 20 Millionen Euro. Diese Vorschläge würden aber nicht das erforderliche Wachstum auslösen, sondern lediglich den Status Quo absichern. Uns ist jedenfalls wichtig, dass die gesetzlichen Regelungen für den unmittelbaren Ausbau

so rasch wie möglich in einer Sondersitzung des Parlaments beschlossen werden.

Was braucht es für einen Wachstumsschub wirklich?

Wenn wir das aktuelle Ausbautempo beibehalten, brauchen wir noch 90 Jahre, bis wir das politische Ziel von 15 Gigawatt schaffen. Das will die Politik aber eigentlich bis 2030 erreichen. Wir fordern, die jährlichen Fördertöpfe auf insgesamt 36 Millionen aufzustocken. 24 Millionen davon für die PV-Anlagen und zwölf Millionen für die Batteriespeicher.

Aber wurde nicht für Stromspeicher im März ein Fördertopf von sechs Millionen aufgelegt?

Der Fördertopf war nach 46 Sekunden leer, die Antragsteller, die leer ausgegangen sind, waren dementsprechend natürlich sehr wütend. Das schnelle Ausschöpfen zeigt die enorme Nachfrage in diese Richtung.

Ohne staatliche Förderungen wird kein Ausbau passieren?

Die Förderung ist vor allem für die kleinen Hausbesitzer wichtig. Klimaschutz zum Nulltarif gibt es nicht. Billigstrom aus alten Kohlekraftwerken wird mit den Umweltkosten teurer als Photovoltaik. Was alle brauchen und was wir fordern, sind vor allem gesetzliche Anpassungen und Entbürokratisierungen. Denn die geltenden Regelungen behindern mehr, als sie helfen.

Was meinen Sie damit?

Es geht um das „Erneuerbaren Ausbau Gesetz“, bei dem unter anderem die Eigenverbrauchsabgabe abgeschafft werden muss – das war ja geplant, bis es die Regierung zerrissen hat. Andere Unsinnigkeiten sollten ebenfalls mit dem Gesetz fallen.

Zum Beispiel?

Es gibt eine nicht nachvollziehbare Beschränkung bei PV-Anlagen auf 200 kWp. Oder wenn jemand eine geförderte Anlage hat und diese ohne Förderung ausbauen will, verliert er die Förderung. Und es ist nicht möglich, in einem kleinen Verbund PV-Anlagen und Speicher mit mehreren Familien zu nutzen – sobald das öffentliche Stromnetz verwendet wird, geht das nicht mehr. Obwohl das in einer EU-Verordnung steht, die bei uns einfach noch nicht umgesetzt ist.

Ist Photovoltaik eine der Lösungen der Klimakrise?

Mit einem Ausbau auf 15 Gigawatt, ja. In der Steiermark wird gerade das Baugesetz novelliert, und wir haben vorgeschlagen, dass künftig auf jedem Neubau verpflichtend eine PV-Anlage installiert werden muss. In Graz wird das ernsthaft diskutiert, in Wahrheit sollte das aber in allen Bundesländern Pflicht werden.

Als Antwort auf die Klimanotstände, die immer mehr Gemeinden ausrufen?

Die Politik braucht ja eine Reaktion auf den Klimanotstand. So eine Maßnahme im Baubereich wäre eine konsequente Reaktion darauf.

Sonnenstrom hat auch Nachteile, etwa dass dieser das Netz instabil macht, weil viel Strom kommt, sobald Sonne da ist, und keiner, wenn es dunkel ist.

Ja, da ist schon etwas dran, hier braucht es entsprechende Maßnahmen wie gezieltes Ein- und Ausschalten von Geräten und Maschinen oder eben kleine und große Stromspeicher, die hier gezielt ausgleichend wirken, indem sie einerseits Strom für später einspeichern oder Strom ausspeisen, wenn er benötigt wird, weil die Sonne gerade nicht scheint. Aber das kann sicher nicht das Killerargument gegen Photovoltaik sein.

Wird der Stromverbrauch weiter steigen?

Ja, wir werden mehr Strom brauchen, allein für die E-Autos und den wachsenden Markt der Wärmepumpen. Und wir haben da noch nicht über „Smartgrids“ und „Microgrids“ gesprochen.

Was ist das?

In Stanford hat mir ein Professor gezeigt, was schon gemacht wird: Alle E-Autos, die auf den Parkplätzen von Flughäfen oder in Fuhrparks nur herumstehen, können zusammengeschlossen werden und stehen gesamt als Energiespeicher zur Verfügung. Das geht auch im ganz Kleinen, so genannte Microgrids sind regionale, geschlossene Stromverteilnetze, die lokale Energieerzeuger, Energiespeicher und Verbraucher direkt verbinden. Der Strom für den Frühstückskakao kommt also eigentlich aus dem E-Auto vor der Türe.

Kann jeder Haushalt mit einer PV-Anlage am Dach und einem Stromspeicher im Haus 365 Tage im Jahr autonom werden?

Realistisch ist, dass man zu 70 bis 80 Prozent autark wird, in den dunklen Wintermonaten geht sich das noch nicht aus. Ich selbst habe eine PV-Anlage kombiniert mit einer Wärmepumpe und großen Warmwasser-Pufferspeicher, damit komme ich schon sehr weit. Aber es wird noch weitere Entwicklungen brauchen, bei den Speichern und bei den Anlagensteuerungen. Wenn ich mir anschaue, dass die PV-Anlagen allein seit 2012 um fast 50 Prozent billiger geworden sind, blicke ich zuversichtlich in die Zukunft.

Kommen eigentlich alle PV-Module aus Fernost?

Nein, rund ein Drittel der hier verbauten Module wird in Österreich produziert. Und bei den Wechselrichtern stammen mehr als die Hälfte aus Österreich. Hier können wir auf einen erfolgreichen Markt blicken.

 

Hintergrund: Was ist Photovoltaik?

Unter Photovoltaik bzw. Fotovoltaik versteht man die direkte Umwandlung von Lichtenergie, meist aus Sonnenlicht, in elektrische Energie mittels Solarzellen.

Status quo

Rund 1.500 GWh erzeugten die 100.000 PV-Anlagen in Österreich 2018.  Bis 2030 soll das auf 15.000 GWh gesteigert werden.

Was braucht man für eine PV-Anlage?

Benötigt werden eine PV-Anlage, meist auf dem Dach oder auch freistehend. Sinnvoll ist zudem ein Batteriespeicher im Haus, der Sonnenstrom auch abends und nachts verfügbar macht, als auch einen Wechselrichter, um den Strom auch verfügbar zu machen. Und oft gibt es dazu noch eine Wärmepumpe als Heizung oder eine Kombination aus Photovoltaik und Solar (zur Warmwasseraufbereitung). 

Mit welchen Förderungen kann man rechnen?

Ein 4-Personenhaushalt braucht in etwa eine  4kWp-Anlage (7500 € , Förderung 1000€) und einen 5 kWh-Speicher (7000 €, Förderung etwa ein Drittel des Kaufpreises).  Bei 4700  kWh Strom-Eigenbedarf  liegt  Eigenverbrauch bei 70 Prozent.

Mehr Informationen hier: www.pvaustria.at