Politik | Inland
30.09.2017

Was Politiker mit E.T. gemein haben

Die Fingerzeig-Geste aus US-Wahlkämpfen hält auch bei uns Einzug. Sie verrät mehr, als sie bringt, erklärt Experte Stefan Verra.

"Man zeigt nicht mit dem nackerten Finger auf angezogene Leute": Das lernt man schon als Kind – von der Oma, von der Mama.

"Aber der Obama macht das doch auch", könnten da heimische Spitzenpolitiker wie Sebastian Kurz oder Christian Kern in kindlicher Manier kontern. Und Barack Obama hat immerhin zwei US-Wahlkämpfe gewonnen.

Tatsächlich ist der ausgestreckte Finger etwas "typisch Amerikanisches", sagt Körpersprachen-Experte Stefan Verra. So gut wie jeder US-Politiker macht das, außerdem noch Rockstars "und E.T., der ins Weltall zeigt. Es ist eine Geste des Kontaktherstellens. Es sagt: Ich meine dich", erklärt Verra, der sich seit mehr als zehn Jahren mit der Körpersprache von Politikern beschäftigt.

Nicht Kanzler-like

In der Pose des "Uncle Sam" ließ sich SPÖ-Chef Kern mit dem Slogan: "Holen Sie sich, was Ihnen zusteht", plakatieren. Für einen Kanzler bzw. Amtsinhaber sei das keine gute Idee gewesen, meint Verra.

Zum ausgestreckten Finger kommen noch die hochgezogenen Unterlider: "Das Gehirn verengt die Sehschlitze, um Informationen nur zögerlich hereinzulassen, was skeptisch wirkt. Das sind die Plakate eines Herausforderers, nicht die eines Bundeskanzlers."
Für einen Oppositionsführer wie Heinz-Christian Strache ist der ausgestreckte Zeigefinger in der Diskussion eine Waffe. "Tatsächlich ist er unsere älteste Waffe", erklärt Verra. "Damit haben wir früher im Termitenhügel gebohrt. Jetzt erstechen wir damit die Argumente des Gegners oder unterstreichen unsere eigenen."

Unnatürliche Pose

Von Sebastian Kurz findet man im Archiv auf Anhieb ein Dutzend Fotos aus den vergangenen Monaten, auf denen er bei Presseterminen entweder direkt in die Kamera oder knapp daneben vorbei zeigt. Verra macht sich daraus einen Reim: "Auf einem Foto Aktivität zu zeigen, ist wahnsinnig schwierig. Der Finger ist ein interessantes Signal, es wirkt aktiver. Er hat sich offensichtlich etwas dazu überlegt."

Großes Aber: "Es kommt unnatürlich rüber. Man sollte nicht den Fehler machen, zu denken: Wenn ich die richtige Pose in die Kamera mache, die ich mir im amerikanischen Wahlkampf abge-schaut habe, sende ich die richtigen Signale aus. Körpersprache ist viel mehr, sie ist Emotion – und da brauchen wir Natürlichkeit."

Der Experte spricht eine Warnung aus: "Hillary Clinton hat die Wahl verloren, weil sie nicht authentisch wahrgenommen wurde. So absurd das klingt: Donald Trump wirkte glaubwürdiger."

Körpersprache-Experte: "Menschen wählen ein Alphatier, keine Partei"

"Wir müssen Panzer zum Brenner schicken."

Wenn ein Heinz-Christian Strache so etwas sagt, gibt es einen Aufschrei: Ist denn schon Krieg?

Wenn ein Sebastian Kurz dasselbe sagt, reiben sich daran eigentlich nur die politischen Beobachter. In den Augen der Wähler macht Kurz’ Körpersprache den entscheidenden Unterschied, erklärt Experte Stefan Verra.

Faktor Nummer 1: Der junge ÖVP-Chef "schwingt die Salatschüssel", also er formt beim Sprechen mit den Händen eine große Schüssel, die er in der Luft hin- und herbewegt, meistens Richtung Boden. "Gesten, die zum Boden deuten, wirken beruhigend, sie geben Sicherheit", erklärt Verra.

Generell zeichne sich der ÖVP-Chef durch eine "Körpersprache der Vernunft" aus. Er wirke dadurch wesentlich älter, als er mit seinen 31 Jahren ist.

Faktor Nummer 2: "Er zieht die Augenbrauen zusammen, macht ein besorgtes Gesicht. Das kommt rüber wie ein: Ich würde ja gern, aber ich kann nicht anders", erklärt Verra. "Dann denkt sich auch ein kritischer Beobachter: Na gut, wenn er meint..."

Instabil und aufgeregt

Das Gegenbeispiel sei FPÖ-Chef Strache: Laut dem Experten wirke er permanent aufgeregt. Er will durch Mimik und Gestik sogar ausdrücklich seine Verärgerung zum Ausdruck bringen, meint Verra. "Das Problem ist: Er wirkt dadurch eher instabil, reißt seine Hände immer wieder ruckartig nach oben." Seine Körpersprache sei generell eher aggressiv und anprangernd, eben die eines Oppositionellen. "Dieses ständige Haar in der Suppe finden, dieses Angriffige, hat ihn groß gemacht. Staatstragend wirkt er mit dieser Art aber nicht, das weiß er auch", schildert Verra das Dilemma Straches, der gute Chancen hat, nach dem 15. Oktober von der Oppositions- auf die Regierungsbank zu wechseln.

Als Ruhepol fungiert eher Norbert Hofer, der bei der Hofburg-Wahl ein historisches Ergebnis für die Freiheitlichen erreicht hat. Der FPÖ-Vize sei aber auch nur "zum Schein" sanfter als Strache, meint Verra. Er wirke kontrollierter, im Gesamtbild zeige sich aber, dass das kein natürliches Verhalten sei. "Dafür fehlt die Unmittelbarkeit der Reaktionen", fasst der Experte zusammen.

Zunehmender Druck

Christian Kern hat laut Verra "die ideale Körpersprache eines Alphatieres" – er ist fast so groß wie Sebastian Kurz, stehe aufrecht, macht in seinen Gesten oft lange Pausen, schaut beim Sprechen von links nach rechts und damit scheinbar das ganze Volk an, skizziert Verra die äußere Erscheinung des Kanzlers.

Zuletzt habe er etwas gehetzt gewirkt, in die Ecke gedrängt. Das könnte laut dem Experten daran liegen, dass er zunehmend unter Druck stehe und von Beratern zu sehr auf Partei getrimmt worden sei. Sein Tipp: "Stellt ein Talent auf die Bühne und lasst es einfach sein. Die Menschen wählen niemals eine Partei, sie wählen ein Alphatier."

Stefan Verra ist gefragter Körpersprache-Experte, Uni-Dozent und Autor, der sich mit der internationalen Polit-Spitze beschäftigt. Derzeit ist er mit seinen Vorträgen auf Tour.Infos: stefanverra.com