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Ist das Schlimmste vorbei, Frau Professor Kromp-Kolb?

Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb über das Extremwetter, die Fehler der Wissenschaft und die Frage, warum nicht eher gehandelt wird.
PK "ALLIANZ FÜR KLIMAGERECHTIGKEIT": KROMP-KOLB

Helga Kromp-Kolb zögerte keine Sekunde und empfing den KURIER im Rehab-Zentrum Baumgarten, wo sie nach einem Oberschenkelhalsbruch wieder mobilisiert wird: Die emeritierte Professorin von der Uni für Bodenkultur studierte Meteorologie und beschäftigt sich seit 50 Jahren mit Umwelt- und Klimaforschung.

KURIER: Diese Woche erlebten wir in Österreich neue Temperaturrekorde. Ist das Schlimmste nun vorbei?

Helga Kromp-Kolb: Davon gehe ich nicht aus. Tatsache ist, dass – gemessen an der Zunahme der mittleren Temperaturen – unsere Extremwerte eigentlich zu niedrig sind. Normalerweise steigen die Extremwerte stärker als die Mittelwerte. Das heißt, in Wien sind auch 42 °C möglich.

Es ist ja nicht nur die Hitze. Das Trinkwasser geht vielerorts aus. Die Landwirtschaft verfüttert bereits das Winterfutter, weil am Grünland kaum mehr etwas wächst. Überrascht Sie das?

Nein, eigentlich nicht. Es ist nur so, dass einem in der Regel die Fantasie dafür fehlt, wie schlimm etwas werden kann und was alles noch betroffen ist.

Die Projektionen gingen von mehr Niederschlag im Winter aus, den gab es aber nicht.

Überrascht haben uns die Auswirkungen des Rückgangs des Eises in den Polarregionen. Das hat Auswirkungen auf den Jetstream, die starke Strömung, die die Tief- und Hochdruckgebiete steuert. Früher war das ein richtiger Zyklus, der ist jetzt unterbrochen, deshalb werden wir viel länger dieselbe Wetterlage bekommen. Und alles, was sich im Wetter länger hält, wird zum Problem: Dauerregen, Dauerschneefall oder längere Dürre und Hitze. Hitzeextreme haben wiederum Folgen – wenn alles verdunstet ist, fehlt die Kühlung durch die Verdunstung, die Wärme wird noch verstärkt.

Die Landwirte spüren den Klimawandel massiv. Gleichzeitig nennen Sie Bauern als jene, denen es gelungen ist, Klimaschutz zu verzögern.

Die Landwirtschaft verursacht etwa 14 Prozent der Treibhausgasemissionen in Österreich, das hat viel mit Diesel und Düngemitteln zu tun, deren Produktion energieintensiv ist. Wir brauchen eine ganz andere Art von Landwirtschaft: wieder eine diverse, kleinteilige, biologische, damit die Böden gesund sind und Wasser speichern können. Wir versuchen jedoch immer noch, kurzfristig zu optimieren, dass die Ernte so groß wie möglich ist – und nicht, dass die Böden langfristig in Ordnung sind. So ist das keine gesunde Landwirtschaft.

Was schlagen Sie vor?

Man könnte mit marktwirtschaftlich fairen Preisen beginnen. Dann müssten die konventionellen landwirtschaftlichen Produkte die Kosten für die Belastung der Böden, des Wassers und für die Erosion tragen. Und wenn wir alle diese Kosten auf die Lebensmittel schlagen, dann sind diese konventionellen Produkte plötzlich teurer als biologische. Da müssen wir hin.

Sie forschen seit den 1970er-Jahren. Saurer Regen, Waldsterben, Ozonloch – bei all diesen Themen hat die Politik am Ende gehandelt. Beim Klima kann man das nicht erkennen. Warum?

Ich glaube, das liegt daran, dass es bei den anderen Themen immer einen Bösen gegeben hat, eine Industrie oder ein Kernkraftwerk. Aber nie waren es wir alle. Denn wenn wir alle agieren müssen, dann ist das eine viel tiefergreifende Veränderung.

In der Klimakrise haben wir für fast alle Sektoren technische Alternativen. Trotzdem sind weltweit die CO2-Emissionen gestiegen statt gesunken, mit Ausnahme der Krisenjahre 2008 und 2020.

Das war der große Fehler der Wissenschaft: Dass sie geglaubt hat, wenn man das Problem erkennt und beschreiben kann, dann wird es auch gelöst. Was in Wirklichkeit fehlt, ist Mut, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass das nachhaltige Handeln einfach das attraktivere ist. Ich kann nicht erwarten, dass die Menschen auf Dauer das Teurere, das Unbequemere machen, nur weil sie das Klima schützen wollen.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Politik?

Ich habe keins. Es hat immer Politiker gegeben, mit denen man reden konnte und kann. Aber im Moment reden wir total ins Leere. Ich war lange im Vorstand des Climate Change Center Austria: Wenn eine politische Entscheidung anstand, von der man ahnte, das geht in die falsche Richtung, dann kam vom CCCA immer ein Angebot an die Politik, darüber zu reden. Wer sofort antwortet, ist die FPÖ, freundlich und völlig unverbindlich. Und wer praktisch nie antwortet, ist die ÖVP.

Die FPÖ antwortet – ins Gespräch sind Sie deswegen nicht gekommen?

Nein, mit der FPÖ noch nicht. Wobei ich vermute, dass sie beim Klimathema keine Ideologie haben, sondern nur eine Gegenposition. Zu Zeiten von Temelín haben wir relativ stark mit dem Parlament interagiert, und da war Norbert Hofer im Parlament ein großer Verfechter der erneuerbaren Energien. Ich sehe nicht ein, warum die FPÖ nicht wieder dorthin kommen könnte.

Die FPÖ spricht aber eher von der „Klimadiktatur“.

Ja, ich weiß. Es wundert mich, dass sie nicht von der Wirtschaftsdiktatur sprechen, die wir jetzt haben. Es ist ja eine Illusion, zu glauben, dass wir in allen unseren Konsumfragen frei in der Entscheidung wären.

Was würden Sie am Politikbetrieb gerne ändern?

Ich würde Politikern gerne einen wissenschaftlichen Zwilling anbieten, einen Nachhaltigkeitswissenschaftler, den sie sich aussuchen können, mit dem sie kontinuierlich im Austausch sind. Telefonnummern austauschen, die Scheu verlieren, einfach anrufen. Dann würde auch die Wissenschaft wissen, wie Politik funktioniert und die Informationen vielleicht so aufbereiten können, dass die Politik etwas damit anfangen kann. Derzeit beforschen wir das, was wir selbst für wichtig halten. Forschen müssten wir aber das, was Politiker für Entscheidungen benötigen.

Und die Bürger? Da fragen sich viele, was sie in Sachen Klimaschutz tun können, und spüren eine gewisse Hilflosigkeit. Läuft es am Ende immer auf das böse Wort Verzicht hinaus?

Wir brauchen Erzählungen, wie das Leben idealerweise 2040 bei Netto-Null ausschaut. Das wird ein attraktives Bild werden, es geht wirklich um mehr Lebensqualität. Das ist etwas anderes als höherer Lebensstandard. Dass Bäume Schatten liefern und dass man unterwegs etwas von Ribiselsträuchern naschen kann. Es erfordert Umdenken, Umgewöhnen und, wenn man will, Verzicht. Aber Verzicht ist etwas, was wir tagtäglich tun. Dass Sie heute hier sitzen, statt irgendwo im Bad, ist ein Verzicht. Jeder, der etwas tut, verzichtet auf fünf andere Sachen. Verzicht ist ein Normalzustand in unserem Leben.

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