Politik | Inland
08.03.2018

Klassenfahrt am Daten-Highway

Was an einer Wiener NMS längst Schwerpunkt ist, kommt nun für alle.

"Jetzt nehmt bitte alle eure Handys, wir starten gleich mit dem Quiz", sagt Christian Hofmeister. Der Lehrer der NMS in der Wiener Sechshauserstraße startet inzwischen den Projektor, die Schüler kramen ihre Mobilgeräte aus den Taschen und tippen still den Login-Code der Quizz-App kahoot ein. Sofort geht’s los, der Projektor wirft schon die erste Frage an die Wand: "Von welchem Bundesland ist Bregenz die Hauptstadt? Voradelberg, Hinteradelberg, Hinternarlberg, Vorarlberg", werden vier Antworten vorgegeben. Die Schüler tippen auf ihren Smartphones schnell eine Antwort ein, schon erscheinen die Ergebnisse aller Schüler an der Wand.

Auch so kann Unterricht heute aussehen.

Wobei: Die NMS Sechshauserstraße ist, obwohl "Brennpunktschule" mit mehr als 90 Prozent Migrantenkindern, eine Vorzeigeschule, die seit Jahren das Internet als Schwerpunkt hat. Die Digitalisierung, das von Politikern oft bemühte Schlagwort, hat hier also schon lange Einzug gefunden. Grundzüge des Coding, also das Programmieren von Anwendungen, Textverarbeitung, Präsentationssoftware, Tabellenkalkulation, sicheres Surfen im Netz als auch Passwort-Sicherheit sind Teil des Unterrichts. "Wir sprechen auch über die Gefahren des Internet", erzählt die Pädagogin Michaela Hofmeister.

Welche Gefahren?

"Cybermobbing, Sexting oder fake news", erklärt Hofmeister: "Wir machen den Schülern auch klar, dass das Internet nichts vergisst, dass die Schüler zweimal überlegen müssen, bevor sie private Bilder oder Daten auf öffentlichen Plattformen der sozialen Medien hochladen. Wer sich um einen Lehrplatz bewirbt, wird inzwischen nicht selten von Firmen im Internet überprüft. Wenn dann nur Party-Bilder aufscheinen, kann das bei der Stellensuche zum Problem werden."Die NMS Sechshauserstraße ist eine von derzeit 178 Schulen, an denen die "Digitale Grundbildung" gelehrt wird. Bisher nur als Schulversuch, aber Herbst 2018 werden sich alle Schüler im Alter von 10 bis 14-Jahren damit beschäftigen müssen. Am Mittwoch stellte Bildungsminister Heinz Faßmann im Ministerrat seinen Regierungskollegen die Reform des Lehrplans vor: Bis zu 64 Stunden pro Schuljahr zum Thema Digitale Grundbildung sollen die Lehrer in ihren Unterricht integrieren – damit es kostenneutral bleibt. "Die einzige Konstante in unserem Leben ist die Veränderung", erklärt Bildungsminister Heinz Faßmann die Reform, "und es ist eine wesentliche Aufgabe der Schule, die jungen Menschen gut auf die Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, vorzubereiten, und ihnen jene Kompetenzen zu vermitteln, die sie befähigen, die Zukunft aktiv mitzugestalten."

Problemlos ist das alles nicht, gibt man auch im Bildungsministerium zu. Die Lehrer hätten gerne mehr Zeit und Ressourcen, zudem fehlt es auch an der nötigen Infrastruktur – Tablets, Desktop-Geräte, aber auch der Zugang zum Datenhighway.

"Ich mahne immer, dass die Pädagogik vor der Technik passen muss. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass mit einem Tablet für jeden Schüler die Digitalisierung bereits geschafft ist", ärgert sich Lehrer-Gewerkschaftsboss Paul Kimberger. Das beginne bei der Aus- und Fortbildung der Lehrer bis zur technischen Umsetzung. "Das wird etwas kosten, mir fehlt aber ein Masterplan, wie das Thema in der ganzen Bandbreite angegangen wird. Jetzt nur den Lehrplan zu ändern, ist bei weitem zu wenig."

Zurück in der NMS Sechshauserstraße erzählt Direktor Ferdinand Riegler stolz, dass die Infrastruktur an seiner Schule schon ganz ordentlich ist. Es gibt Tablets, die sich die Schüler ausleihen können (nicht alle haben Smartphones), und zwei PC-Räume, und – sofern für den Unterricht benötigt – auch WLAN. "Handys dürfen die Schüler aber grundsätzlich nicht in die Klassen mitnehmen, es sei denn, sie werden für den Unterricht gebraucht", klärt Pädagogin Hofmeister auf.

Denn trotz des Digital-Schwerpunkts bleiben Schultafel, Schulbücher und Hausübungsheft die wichtigsten Lern-Tools.