Politik | Inland
20.04.2018

Kinder mit Kopftuch: "Diese Debatte muss geführt werden"

Der deutsche Autor und deklarierte Kopftuch-Kritiker Ahmad Mansour über verhüllte Kinder und den neuen Antisemitismus.

KURIER: In Österreich und Deutschland ist eine Debatte um Kopftücher im Kindesalter ausgebrochen, an der Sie sich als Kritiker der Praxis beteiligen. Wie verbreitet ist das Kopftuchtragen im Kindergarten- und Volksschulalter Ihrer Einschätzung nach?Wäre ein Verbot eine symbolische Maßnahme oder handelt es sich um ein wirkliches Problem?

Ahmad Mansour: Natürlich können wir nicht sagen, dass es sehr verbreitet ist und dass es sich um Tausende oder um Hunderttausende von Kindern handelt. Ich habe in Berlin aber Kindergartenkinder mit Kopftuch gesehen, in Wien und Bern auch. Das sind bestimmte Familien, die ihre Religion starr ausleben wollen und das dann auch den Mädchen aufzwingen. Je älter die Mädchen sind, desto größer wird die Zahl der Kopftuchträgerinnen. Ich habe nicht das Gefühl, dass es sich hier um eine Phantom-Debatte handelt.

In Österreich hängen in öffentlichen Schulzimmern Kreuze, in Bayern ebenfalls. Würde ein Verbot nicht das Signal aussenden: Unsere Religion ist die gute, die richtige, aber eure Religion muss draußen bleiben?

Das wäre ein einfaches Schwarz-Weiß-Bild. Wenn sie die islamistische Jugendszene in Europa beobachten, dann werden sie merken, dass die auch so argumentieren. Dass ein Kampf gegen den Islam geführt werde. Dass sie ihre Religion hier nicht ausüben dürften. Aber keiner will doch, dass volljährige Frauen ihr Kopftuch ablegen müssen oder nicht beten oder fasten dürfen. Es geht hier um eine spezielle Angelegenheit, die Kinder betrifft. In einer Gesellschaft, die das Wohl des Kindes hochhält, muss so eine Debatte geführt werden. Es geht um ganz klare Botschaften. Es geht vor allem um den Schutz von Kindern. Ich bin für eine säkulare, laizistische Schule, in der es keine Kreuze, Kippas oder Frauen mit Kopftüchern gibt. Man muss aber die Unterschiede beachten: Ein Kopftuch bei Kindern ist anders als ein Kreuz auf der Wand. Ein Kreuz auf der Wand betrifft nicht ein einzelnes Kind, dass sein Haar verstecken muss, weil es als Sexobjekt gesehen wird. Das macht einen großen Unterschied.

Was erwarten Sie für Reaktionen aus den muslimischen Gemeinschaften, nicht von offizieller Seite, sondern in den Moscheen, Cafés, Wohnzimmern, sollte ein solches Verbot eingeführt werden?

Das wird als Angriff auf den Islam gesehen werden. Das wird als Futter für Radikale dargestellt werden. Das darf aber kein Argument sein. Das Verbot muss allen Eltern zeigen, dass die Art zu leben, also patriarchale Strukturen, die Unterdrückung von Frauen, die Einschränkung der Entwicklung von Kindern, in diesen Ländern Europas nichts zu suchen haben. Dann werden es sich diese Eltern wahrscheinlich dreimal überlegen, aber die meisten werden ihre Kinder ohne Kopftuch in die Schule schicken, da bin ich mir sicher. Am Nachmittag werden sie ihre Kinder wieder dazu zwingen, ein Kopftuch zu tragen. Aber zumindest werden die Kinder die Möglichkeit haben, sich mehrere Stunden pro Tag frei zu bewegen und eine andere Lebensart zu erleben. 

Ein häufig gehörtes Argument ist, dass ein Verbot als Gegenreaktion eine weitere Entfremdung zwischen konservativen Muslimen und dem Rest der Gesellschaft bewirken würde. Wie stehen Sie dazu?

Das Kopftuch bei Kindern an sich ist schon eine Entfremdung. Damit vermittle ich, dass das Kind nicht zu dieser Gesellschaft gehört. Es ist Ausdruck dessen, dass ich eure Art zu Leben ablehne, abwerte und anders leben will. Ich glaube, viele werden damit klarkommen, dass der Staat und die Gesellschaft auf einmal selbstbewusster auftreten. Dass es Erwartungen gibt und nicht, dass eine Gesellschaft nicht weiß, wo Religionsfreiheit anfängt und aufhört. 

Sie beschäftigen sich auch mit Antisemitismus, speziell in muslimischen, arabischen Gemeinden. Das Thema ist mit der Einwanderungswelle wieder besonders aktuell und jüdische Organisationen in Europa beklagen eine spürbare Zunahme der Judenfeindlichkeit. Wo sehen sie die Verbreitung und Ursachen dieser Entwicklung?

Ich bin nicht der Meinung, dass der Antisemitismus nur ein muslimisches Problem ist. Den findet man links, rechts und in der Mitte der Gesellschaft. Wir müssen aber auch über den muslimischen Antisemitismus reden, weil seine Ursachen andere sind. Es gibt den Trend zu sagen, es ginge hier nur um den Nahostkonflikt. Vereinfacht gesagt: Wenn der Konflikt gelöst wäre, dann gäbe es den Antisemitismus in Europa nicht mehr. Das halte ich für absolut falsch. Der Antisemitismus hat nicht nur mit dem Konflikt zu tun, er hat auch eine religiöse Komponente. Wenn man den Koran wörtlich interpretiert, findet man enorm viele Geschichten über Juden. Es findet keine kritische Auseinandersetzung mit den Texten statt. Manche lesen die Texte, ohne zu verstehen, was da steht. Das führt dazu, dass auch da ein gewisser Antisemitismus entsteht.

Außerdem sind Verschwörungstheorien weit verbreitet: Dass die Rothschild-Familie die Welt beherrschen würde oder der 11. September von Juden organisiert wurde, um mehr Waffen zu verkaufen, zum Beispiel. Das sind komplexe Phänomene, die bei vielen Jugendlichen weit verbreitet sind, nicht nur bei Flüchtlingen sondern auch bei jenen, die hier sozialisiert worden sind. Wenn wir uns den Irak oder Syrien anschauen, müssen wir uns nicht wundern, dass die Menschen antisemitisch sozialisiert sind, das ist Teil der Regimes gewesen, die Feindbilder zu pflegen und zu verbreiten. Diese Menschen legen diese Einstellungen nicht an der Grenze zu Österreich oder Deutschland ab.

Wie unterscheidet sich dieser “neue” Antisemitismus von dem, den es in Deutschland und Österreich schon lange gibt und noch immer präsent ist?

Wir beobachten, dass eingesessene Antisemiten in Österreich und Deutschland gewisse Hemmungen haben, das auch zu äußern. Sie denken das vielleicht und äußern sich zu Hause am Esstisch, aber nicht so laut. Die Aufarbeitung des Dritten Reichs und des Holocausts haben Muslime und Araber nicht mitgemacht, sie haben diese Hemmungen nicht. Deswegen äußern sie ihre Einstellungen sehr laut und deutlich und verstehen gar nicht, dass sie das nicht dürfen. 

Ist dieser Antisemitismus eine Einbahnstraße oder sehen sie auch Fortschritte beim Abbau der Vorurteile?

Es geht um die Maßnahmen, die wir treffen. Es wird viel Geld darin investiert, den Antisemitismus zu bekämpfen. Ich beobachte allerdings auch, dass viele dieser Projekte sich lieber mit antimuslimischen Rassismus beschäftigen, weil damit alle einverstanden sind und es weniger Konflikte auslöst. Wir müssen beginnen uns mit dem Thema ernsthaft zu beschäftigen. Erst am Mittwochmorgen ist ein Video aufgetaucht, in dem ein arabisch-sprechender junger Mann in Berlin auf offener Straße einen anderen jungen Mann, der Kippa trägt, mit einem Gürtel schlägt.

Wir brauchen pädagogische Maßnahmen in den Schulen, im Internet, bei den Eltern in den Integrationskurse. Wir müssen in den Moscheen ganz andere Narrative schaffen. Die Moscheen machen Presseerklärungen gegen Antisemitismus, aber was tun sie bei den Freitagsgebeten? Sind sie in der Lage, überall in Österreich oder Deutschland aufzutreten und zu sagen, dass das Existenzrecht Israels Teil der europäischen Identität ist und nicht infrage steht? Ich bezweifle es. Aber das wäre eine richtige, mutige Maßnahme. 

Zur Person: Ahmad Mansour ist Diplom-Psychologe, Autor sowie Geschäftsführer von Mind prevention, einer Initiative für Demokratieförderung und Extremismusbekämpfung. Im Oktober 2015 erschien sein erstes Buch mit dem Titel: "Generation Allah: Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“. Außerdem beschäftigt er sich intensiv mit Antisemitismus in muslimischen CommunitysMansour wurde 1976 als Sohn arabischer Israelis in Israel geboren. Seit 2004 lebt er in Deutschland