Politik | Inland
21.08.2017

Kern will im Bus auf Touren kommen

Der Kanzler startet seine Österreich-Tour in der Steiermark. Motto: "Es liegt noch viel Arbeit vor uns".

Es gäbe so vieles, das Frau Theresia dem Kanzler gerne sagen würde. Dass sie sich wünscht, es bliebe mehr von ihrer kleinen Pension. Dass sie nicht einsieht, dass "die Ausländer alles gratis bekämen" – Handy, Bankkonto und was auch immer – und dass die Politiker endlich die Probleme der Leute in die Hand nehmen müssten.

Als Christian Kern dann vor ihr steht, sagt sie das alles nicht, sie macht – wie so viele andere an diesem sonnigen Montagvormittag in Frauental, Bezirk Deutschlandsberg – nur ein Foto mit dem SPÖ-Chef. Mit dessen ÖVP-Kontrahenten Sebastian Kurz hat sie übrigens auch eines, merkt die 70-Jährige stolz an.

Das alles diene nur der Meinungsbildung – "ich weiß nämlich noch nicht, wen ich wählen werde. Ich schaue mir alle einmal an", sagt Frau Theresia, und setzt augenzwinkernd nach: "Ein Junger gefällt mir aber eigentlich immer besser." Und als würde der Fotograf ahnen, was die Pensionistin da scherzhaft andeutet, fordert er sie und ihre Freundinnen beim gemeinsamen Foto mit dem Kanzler auf: "Hände auf den Tisch, wo ich sie sehen kann, meine Damen."

Slogan unter die Leute gebracht

Der Auftakt zur Charmeoffensive scheint für den Kanzler auf den ersten Blick so gelungen. Nun gilt es für Kern und sein Wahlkampf-Team seinen neuen Slogan unter die Leute zu bringen: " Österreich ist erfolgreich" – "Holen Sie sich, was Ihnen zusteht".

In der Steiermark, proklamiert SPÖ-Landeshauptmann-Stellvertreter Michael Schickhofer, ist die Arbeitslosigkeit österreichweit am stärksten gesunken. "Der Aufschwung ist da, jetzt müssen die Leute ihn spüren", gibt er den Slogan der SPÖ, der auch groß am Tourbus prangt, sinngemäß wieder. "Die Baubranche boomt. Jetzt suchen die Betriebe händeringend Arbeitskräfte", sagt Schickhofer mit einem Appell an die KURIER-Leser: "Bitte kommt’s in die Steiermark, wenn ihr im technischen Bereich sucht."

Nach den Pensionisten in Frauental widmete sich Kern als nächstes der jüngeren Generation. Bei „Jugend am Werk“ in Leibnitz werden Lehrlinge überbetrieblich ausgebildet. Die 18-jährige Celine zum Beispiel. Ihr Traum ist es, Tischlerin zu werden. Den Kanzler würde sie gerne fragen, wie man in der Politik Fuß fassen kann, ob man da viel tun müsse oder wenig und wer einem dabei helfe. Fragen, die an diesem Tag ebenfalls nicht beantwortet werden.

Rot-blauer Battleground

Gerade das wäre ja der Plan des wahlkämpfenden SPÖ-Chefs, der bis zum Wahltag am 15. Oktober viele Ecken Österreichs erkundet haben will: "Raus aus dem Regierungsviertel und unter die Leute, um zu erfahren, wo der Schuh drückt."

Dass er seine #kernunterwegs-Tour am Montag in der Steiermark startet, ist auch aus strategischer Sicht kein Zufall: Das hier ist rot-blauer Battleground, und die Arbeiterschicht hatte sich zuletzt den Freiheitlichen zugewendet. Bei der Nationalratswahl 2013 fiel die SPÖ in der Steiermark mit 24 Prozent erstmals hinter die FPÖ zurück, bei der Landtagswahl 2015 verloren die Roten satte neun Prozent.

Die aktuellen Umfragen geben kaum Grund zum Optimismus: Die SPÖ liegt weit hinter der ÖVP, die relativ konstant bei rund 30 Prozent hält. Umfragen seien etwas, mit dem sich Journalisten beschäftigen, winkt der Kanzler auf Nachfrage ab.

Hier gehe es um die „wirklichen Probleme“, betont er; darum, das Vertrauen jener zurückzugewinnen, die zuletzt der FPÖ zugelaufen sind. So knapp die Zeit auch ist, auf die Themen Arbeit, Pensionen und Sicherheit wird Christian Kern an jenem Tag bei seinen sieben Besuchsterminen in acht Stunden immer wieder angesprochen. „Es ist eine große Freude, mit den Menschen zu sprechen“, sagt Kern, der mit zugeknöpftem Jackett und gefalteten Händen zuweilen etwas scheu wirkt. Für den Trubel, den eine Blaskapelle bei einem Fleischermaschinen-Betrieb entfacht, ist Kern dann wohl doch zu sehr Wiener.

„Er macht das ganz gut“, merkt SPÖ-Lokalmatador Josef Muchitsch an der Seite seines Parteichefs an. Was die Lage der Sozialdemokratie betrifft, ist der Gewerkschafter schon etwas kritischer: „Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Wir müssen jetzt im Windschatten aufholen, um in der Zielgeraden nach vorne stürmen zu können.“