"Jugendliche beklagen Orientierungs­lo­sig­keit im Internet"

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Foto: zis Nadja Vaskovich

Medienkompetenz ist eine "Schlüsselkompetenz" für ein selbstbestimmtes Leben, ist Nadja Vaskovich überzeugt. Als Geschäftsführerin des Vereins "Zeitung in der Schule" organisiert die Wienerin deshalb nicht nur kostenfreie Abonnements für den Unterricht.

Kurier.at: Wie genau sehen die Kooperationen aus, die Sie von "Zeitung in der Schule" vermitteln?

Nadja Vaskovich: Zeitung in der Schule ist ein Service- und Kompetenzzentrum für Schulen und Zeitungsverlage. Die Mitglieder von ZiS – praktisch alle Kaufzeitungen und Kaufmagazine in Österreich – stellen im Rahmen von ZiS-Projekten kostenfreie Abonnements zur Verfügung, die im Unterricht genutzt werden. Wir erreichen mit diesen Projekten jährlich über 100.000 Schülerinnen und Schüler, die die Möglichkeit haben, in einem vierwöchigen Programm eine oder mehrere Zeitungen kennenzulernen. Für Schüler der Volksschule und Unterstufe bieten wir Workshops, in denen bereits im frühen Alter ein spielerischer Zugang in die Welt der Medien erlernt wird. Wichtig ist uns die didaktische Begleitung dieser Maßnahmen – ein pädagogisches Team entwickelt dazu laufend Unterrichtsmaterialien und Lehrerfortbildungsangebote im Bereich der Vermittlung von Medienkompetenz. 

Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Lehrkräfte und Schüler schätzen unsere Projekte, weil sie den Unterricht durch aktuelle Themen bereichern und beleben. Das durchwegs positive Feedback, das wir im Arbeitsalltag von den Schulen erhalten, wurde vor zwei Jahren auch in einer Umfrage bestätigt. 94 Prozent der Lehrkräfte, die mit uns zusammengearbeitet haben, waren der Meinung, dass unsere Initiative den kritischen Umgang mit Medien fördert und 87 Prozent gaben an, dass sie die Lesemotivation steigert.

Stichwort Medienkompetenz: Was muss eine zeitgemäße Vermittlung hier leisten?

Im Schulsystem wird das Thema oft auf eine rein technische Ebene reduziert – bei einer zeitgemäßen Vermittlung müssten aber vor allem die inhaltlichen Aspekte der Medienkompetenz hervorgehoben werden. Wir müssen junge Menschen in ihrer medialen Lebensrealität abholen und ihnen anschaulich zeigen, wie journalistisches Handwerk funktioniert und wie sie die Qualität einer Quelle richtig einordnen können. Die heranwachsende Generation muss die Erfahrung machen, wie wichtig professioneller Journalismus für unsere Gesellschaft ist.

Inwieweit haben sich die Anforderungen hier geändert?

Die Vermittlung von Medienkompetenz ist vor dem Hintergrund einer zunehmend fragmentierten Medienlandschaft wichtiger denn je. Zwar war es noch nie so einfach an Informationen zu gelangen, aber gleichzeitig wird die Einordnung des Informationsangebotes immer schwieriger. Die Möglichkeiten des Internet sind natürlich verlockend, wenn wir uns vorstellen, dass wir nur noch interessens- und zielgruppengerechte Informationen erhalten und damit alles ausblenden können, was uns nicht interessiert. Gleichzeitig entsteht mit dieser Entwicklung ein Verlust an Öffentlichkeit, an Themen, an denen wir alle teilhaben können und darüber auch in einen gesellschaftlichen Diskurs treten.

Wir sehen in aktuellen Studienergebnissen, dass auch junge Menschen eine Orientierungslosigkeit im Internet beklagen und ein grundlegendes Misstrauen gegenüber diesem Kanal wegen häufiger Falschmeldungen besteht. Eine kritische und reflektierte Auseinandersetzung mit Medien bzw. Informationsquellen im Allgemeinen und auch die Bereitschaft, sich mit gesellschaftlichen und sozialen Themen auseinanderzusetzen, sind wichtige Kompetenzen, die wir der jungen Generation vermitteln müssen.

Wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Eine Ausdehnung des Programms für alle Schülerinnen und Schüler Österreichs wäre natürlich wünschenswert, diese scheitert zurzeit aber an den Ressourcen – ein Thema, das wir bei der Politik schon öfter zur Sprache gebracht haben.

Kurier.at hat im vergangenen Monat selbst zwei Schulklassen besucht. Welchen Beitrag können Journalisten Ihrer Meinung nach in der Vermittlung von Medienkompetenz leisten?

Der Kontakt mit Journalisten ist ein überaus motivierendes Instrument, wenn es darum geht, sich mit Medien auseinanderzusetzen. Je praxisnäher Medienkompetenz vermittelt wird, desto besser. Im unmittelbaren medialen Umfeld ist es einfacher und auch attraktiver, das Verständnis für Medienproduktion und das Interesse für journalistische Inhalte zu wecken.

Sollte Medienkompetenz auch als eigenes Schulfach eingeführt werden?

Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Fähigkeit, Medien und ihre Inhalte den eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend sachkundig zu nutzen, betrifft alle Lebensbereiche. Wir brauchen daher kein eigenes Schulfach, sondern ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Medienkompetenz gesamthaft im Fächerkanon vermittelt werden sollte.

In der neuen Zentralmatura nimmt das Bearbeiten von journalistischen Texten einen großen Stellenwert ein. Für Sie ein Schritt in die richtige Richtung?

Mit Sicherheit. Es gilt die alte Weisheit: wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Journalismus nimmt in unserer Gesellschaft einen zentralen Stellenwert ein, insofern ist es nur logisch und richtig, dass sich diese Realität auch in der Zentralmatura widerspiegelt.

Bei Ihrem Amtsantritt 2013 haben sie vom Bund zwei Millionen Euro für Leserförderung verlangt. Welche Fortschritte sehen Sie in diesem Bereich?

In der Politik gibt es zunehmend ein allgemeines Bewusstsein für den hohen Stellenwert von Lese- und Medienkompetenz. Die aktuelle Diskussion rund um die Neuaufstellung der Presseförderung hat gezeigt, dass wir mit unseren Anliegen bei Medienminister Drozda Gehör finden.

Ihr Verein wurde vom Verband Österreichischer Zeitungen ins Leben gerufen – der Print-Schwerpunkt ist quasi grundgelegt. Jugendliche greifen jedoch immer weniger zu Print-Zeitungen. Sehen Sie Bedarf, Ihren Arbeitsschwerpunkt auf Online- und Soziale Medien auszuweiten?

ZiS bietet seit geraumer Zeit in Kooperation mit der APA auch ein digitales Format an. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass der Einstieg in die Welt der Zeitungen und Magazine auch heute noch analog erfolgt. Print wird auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen, wenn es um die Vermittlung von aktuellem Zeitgeschehen und Hintergrundinformation geht. Aber im Sinne der bereits erwähnten Medienkompetenz ist eine wesentlich breitere Aufstellung des Programms geplant.

Homepage: Zeitung in der Schule

(KURIER) Erstellt am
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