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Alarmsignal
03/03/2014

Jungärzte flüchten ins Ausland

Die Hälfte der Medizin-Absolventen geht wegen kürzerer Ausbildung und mehr Geld weg.

Mehr als 600 der 1380 Medizin-Absolventen haben 2013 nicht in Österreich als Ärzte zu arbeiten begonnen. Das sagte Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) anlässlich der Schaffung der neuen Linzer Medizin-Fakultät. Die Ärztekammer bestätigt, dass allein im Vorjahr 714 österreichische Ärzte einen Ausbildungsnachweis beantragt haben, um in der EU als Arzt arbeiten zu können.

Das ist ein alarmierender Anstieg gegenüber bisherigen Schätzungen: In den vergangenen Jahren wurde lediglich eine Abwanderung von jährlich rund 350 Jungmedizinern angenommen.

Gemeinden bangen

Besonders am Land lassen die Zahlen die Alarmglocken läuten. Bereits jetzt sind Hunderte Stellen in Spitälern unbesetzt, und viele Landgemeinden suchen seit Jahren verzweifelt nach Hausärzten.

Die Zahlen steigen, die Motive der Auswanderer sind aber seit Jahren die gleichen: In Deutschland, der Schweiz oder Skandinavien locken eine viel raschere Facharztausbildung, höhere Gehälter und kürzere Arbeitszeiten als in Österreich.

Im heimischen Spital dagegen erwarten die Anfänger eine 70-Stunden-Woche, fachliche Unterforderung und sehr viel Bürokratie.

Wer durchschnittlich vier Jahre Turnus über sich ergehen hat lassen, kann oft erst nach insgesamt zehn Jahren damit rechnen, Facharzt zu sein. In Deutschland oder der Schweiz ist das binnen fünf Jahren möglich.

"Systemerhalter"

Österreich würde seine Jungärzte zuerst einmal ein paar Jahre als "Systemerhalter" missbrauchen, kritisiert der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer. Im Turnus, der eigentlich die österreichische Ausbildung zum praktischen Arzt sein sollte, würden die Anfänger "eher ausgenützt als ausgebildet". In Deutschland dagegen steigen Uni-Absolventen direkt in die Facharztausbildung ein.

So bilden die österreichischen Hochschulen zwar in Europa die meisten Mediziner pro Kopf aus, die Spitäler behandeln ihre hoch qualifizierten Anfänger aber "wie bessere Sekretärinnen", bemängelt auch die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky. Da sei es nicht verwunderlich, wenn immer mehr junge Ärzte ins Ausland gingen oder gleich dem Ruf des Geldes in die Pharma-Industrie folgen würden.

Eines steht fest: Die Einstiegsgehälter liegen fast überall höher als in Österreich (siehe Grafik), und auch angemessen bezahlte Überstunden oder peniblen Zeitausgleich – in Schweden eine Selbstverständlichkeit – sucht man hierzulande vergeblich.

Die Zeiten, in denen man in Österreich jahrelang auf einen Turnusplatz warten musste, weil die Nachfrage das Angebot weit überstieg, sind vorbei. Selbst in Wien, wo der Andrang immer besonders groß war, kann man mittlerweile sofort anfangen.

Grafik:

Neue Studienplätze

Dem vermeintlichen Ärztemangel will die Politik nun mit 300 neuen Studienplätzen Einhalt gebieten (derzeit sind es insgesamt 1500). Vorige Woche erst hat der Nationalrat die neue medizinischen Fakultät in Linz abgesegnet. Oberösterreich erhofft sich dadurch mehr Hausärzte für schwer unterversorgte Gemeinden.

70 Millionen Euro jährlich sollen die zusätzlichen Medizinerplätze kosten. Eine Summe, die laut Experten anderswo besser investiert wäre. Selbst in der Ärztekammer, die das Projekt grundsätzlich unterstützt, gibt man zu, dass das Platzangebot allein an der Ärzte-Abwanderung nichts ändern werde.

Experte Pichlbauer warnt sogar vor einer möglichen Verschlimmerung: "Wird die Ausbildung an der neuen Uni Linz so hochklassig wie versprochen, werden die neuen Absolventen in Zukunft wohl als Erste abgeworben." Auch Andrea Kdolsky sieht keinen Grund, künftig "noch mehr Mediziner fürs Ausland zu produzieren".

Anreize für Landärzte

Statt mit viel Steuergeld in Linz "ein Potemkin’sches Dorf" zu bauen, solle das Problem lieber an der Wurzel angepackt werden. Die Ausbildung gehöre gestrafft, um den Uni-Abgängern eine vernünftige zeitliche Perspektive für den Facharzt-Abschluss zu bieten, befindet Kdolsky. Die Turnusärzte müssten von Hilfsarbeiten befreit werden, die anderswo von Krankenpflegern erledigt werden dürfen. Und schließlich sollten den Landärzten endlich Kassenverträge angeboten werden, die eine angemessene Bezahlung für persönliche Betreuung und 24-Stunden-Erreichbarkeit vorsehen, statt ihnen die letzte gute Einnahmenquelle, die Hausapotheken, auch noch wegzunehmen.

Kdolsky: "Da langfristiges Denken nicht die Stärke der Politik ist, steht eine notwendige Reform in den Sternen."

Eines aber sei gewiss: "All diese Probleme löst man sicher nicht durch eine Medizin-Uni Linz."

Warum die Jung-Mediziner abwandern

Österreich: Auf sechs Jahre Studium folgt in Österreich zunächst der Turnus, eine durchschnittlich vierjährige Ausbildung zum praktischen Arzt, die seit Jahren in der Kritik steht. Erst dann darf man eine meist sechsjährige Facharztausbildung beginnen. Das Grund-Einstiegsgehalt liegt bei etwa 1800 Euro, mit sechs Nachtdiensten im Monat und mindestens 70 Stunden pro Woche kommt man auf etwa 2500 Euro netto.

Deutschland: Nach dem Studium folgt direkt der Einstieg in die Facharztausbildung, die nur etwa fünf Jahre dauert. Das Anfangsgehalt ist mit rund 3000 Euro netto deutlich höher als in Österreich.

Schweiz: Keine Turnusausbildung, der Facharzt dauert etwa fünf bis sechs Jahre. Die Gehälter sind auch in der Schweiz deutlich höher und liegen bei 3000 bis 4500 Euro, je nach Kanton.

Linz dürfte Bumerang für Medizin-Quote werden

Die 300 neuen Studienplätze in Linz könnten die derzeit geltende "Deutschenquote" an Österreichs Medizin-Unis zu Fall bringen, bestätigt der Innsbrucker Europarechts-Professor Walter Obwexer dem KURIER.

Derzeit gilt: Von 1500 Anfänger-Studienplätzen sind 75 Prozent für Studenten mit österreichischer Matura vorbehalten. 20 Prozent entfallen auf EU-Bürger, in der Praxis meist deutsche "Numerus-clausus-Flüchtlinge". Die restlichen fünf Prozent werden an Nicht-EU-Ausländer vorgeben. Über die Platzvergabe entscheidet ein Test vor Studienbeginn.

In Brüssel ist man mit dieser Lösung nicht glücklich, ein Verfahren gegen Österreich wurde aber auf Eis gelegt. Da die Regierung nun plant, an der neuen Medizin-Fakultät in Linz mittelfristig 300 zusätzliche Studienplätze anzubieten, werde die EU-Kommission den geltenden Kompromiss sicher neu bewerten und verhandeln wollen, sagt Obwexer.

Die derzeitige Regelung wird nur noch bis 2016 geduldet. Spätestens dann muss Österreich einen jährlichen Eigenbedarf von 1350 Medizin-Absolventen nachweisen, um die Quote zu behalten. Ob Brüssel diese neue Zahl akzeptiert, ist noch nicht abzusehen. Denn Experten sagen mittlerweile: Am Ärztemangel in Teilen Österreichs ist jedenfalls nicht die niedrige Zahl der Ausbildungsplätze schuld, es liegt an den Bedingungen.

An den betroffenen Universitäten will man sich mit der Herkunft der Studenten anscheinend nicht mehr herumschlagen: Während die Rektorenkonferenz im Vorjahr noch vor einem Wegfall der Quote gewarnt hatte, heißt es plötzlich: "Das ist keine Priorität mehr."

Wie kam es überhaupt zur Mediziner-Quote? Bis 2005 galt in Österreich die Regel: Nur jemand, der in seinem EU-Heimatland einen Studienplatz nachweisen kann, darf auch in Österreich studieren. Dann entschied der Europäische Gerichtshof, dass Studenten aus der EU gleich behandelt, also nicht diskriminiert werden dürfen. Der Zugang zum Studium gilt seither wie der Zugang zum Arbeitsmarkt, alle EU-Bürger haben die gleichen Rechte.

Unter den deutschen Studenten, die daheim keinen Platz bekamen, sprach es sich schnell herum, dass an Österreichs Hochschulen keine Beschränkungen existierten – bis die Politik die Quotenregelung erfand, aus Sorge um das Gesundheitssystem.

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