© Andrea Ioana Dumitrescu

Politik Inland
02/23/2021

Judith Kohlenberger: Wir, die anderen und der Konflikt als Chance

Wie ein „Wir-Gefühl“ ohne Ausgrenzung von anderen möglich ist.

von Elisabeth Hofer

Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, zu einem „Wir“, entscheidet über Leben und Tod – nicht nur, aber besonders in einer Pandemie. Diese mutige These vertritt die Kulturwissenschafterin und Migrationsforscherin Judith Kohlenberger in ihrem neuen Buch „Wir“ (Kremayr & Scheriau).

Judith Kohlenberger, geboren 1986, ist promovierte Kulturwissenschafterin und am Institut für Sozialpolitik der WU Wien tätig. Sie forscht zu Fluchtmigration, Integration und gesellschaftlicher Teilhabe. 2019 wurde sie mit dem Kurt-Rothschild-Preis für eine der europaweit ersten Studien zum Fluchtherbst 2015 ausgezeichnet. Sie lehrt an der WU Wien und der FH Wien, schreibt für den FALTER Think Tankund engagiert sich im Expertenrat Migration.Integration.Teilhabesowie im Vorstand von migrantund frida Asyl-und Fremdenrechtsberatung.

Gerade im ersten Lockdown sei deutlich geworden, wie stark emotionalisierend das Wort „wir“ sein kann, erzählt die Autorin im Gespräch mit dem KURIER – besonders wenn die drei Buchstaben aus dem Mund von Politikern kommen. Sätze wie „Wir müssen zusammenhalten“, „Wir müssen durchhalten“ würden niemanden kalt lassen. Aber die Corona-Krise habe auch gezeigt, wie leicht dieses „Wir“ zu instrumentalisieren sei. Denn wenn von einem „Wir“ gesprochen wird, gibt es eben immer auch „die anderen“.

Deutlich sei das etwa bei der Debatte um die Abschiebung von drei Schülerinnen nach Georgien bzw. Armenien geworden. „Auch hier ging es um Zugehörigkeiten“, sagt Kohlenberger. Einerseits sei da ein „wir Staatsbürger“, zu dem die Mädchen nicht gehören. Auf der anderen Seite ein „wir, die wir uns als Österreicher fühlen“, zu dem sie durchaus zu zählen sind. Daraus entstehe ein Konflikt.

Durch das  Ausstreiten von Konflikten  könnten sich die Grenzen von Gemeinschaften allerdings ausdehnen. Als Beispiel  dafür nennt Kohlenberger in ihrem Buch die Frage „Gehört der Islam zu Österreich?“. Noch vor einigen Jahren sei das undenkbar gewesen, stehe heute aber sehr wohl zur Debatte. Die  Grenze dessen, was wir als  „Wir Österreicher“ definieren, habe sich erweitert.

Wem das nicht recht ist, dem hält Kohlenberger eine Lektion aus der Wirtschaft entgegen. Hier sei längst erforscht:  Je diverser Teams sind, umso besser arbeiten Unternehmen. Und so sei es auch in einer Gesellschaft.  Wenn das „Wir“ größer und inklusiver  werde, profitieren alle. Nicht nur jene, die neu in die Gemeinschaft aufgenommen werden, sondern auch jene, die schon zuvor Teil davon waren.

Judith Kohlenberger
Wir
Format 12,5 x 19 cm | 112 SeitenHardcover kaschiert
ISBN 978-3-218-01255-3€
(A, D) 18,—| K&S übermorgen
Auch als E-Book erhältlich
ET: Februar 2021

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