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Politik | Inland
07/02/2019

Journalisten in der Politik: Happy End ist die Ausnahme

Die Journalistin Sibylle Hamann kandidiert für die Grünen und begibt sich auf die Spuren prominenter Vorbilder

Sie ist bei Weitem nicht die Erste, die vom Journalismus in die Politik wechselt. Aber sie ist die Erste in diesem Nationalratswahlkampf, die den Sprung auf die andere Seite wagt: Sibylle Hamann, Journalistin bei Falter, Presse, früher Kurier und Profil, begibt sich in die politische Arena.

„Gibt es bei den Grünen so etwas wie eine Message Control?“, fragt sie Werner Kogler, der als Beobachter an der Seite steht, während sie sich am Dienstag im Volksgartenpavillon der Öffentlichkeit vorstellt. Die neue Rolle ist für die 52-jährige Journalistin gewöhnungsbedürftig.

Ihre Teenager-Kinder engagieren sich in der „Fridays for Future“-Bewegung, aber Hamanns eigene Aktivistinnenzeit liegt schon etwas länger zurück: „Mit 18 habe ich mein Zelt in der Hainburger Au aufgeschlagen. Jetzt fangen wir wieder von vorne an“, meint sie mit Verweis auf die Grünen, die das Parlament neu erobern müssen.

Die Mischung aus „neuen und bewährten Kräften“, mit der Parteichef Werner Kogler in den Nationalratswahlkampf ziehen will, muss am kommenden Samstag erst einmal vom Bundeskongress der Grünen gewählt werden. Die grünen Funktionäre hatten mit Quereinsteigern und Individualisten zuletzt wenig Freude.

Eigenwillige Charaktere

Auch in anderen Parteien war die Freude über journalistische Quereinsteiger geteilt. Journalisten sind zwar beliebt als Stimmenbringer, aber wegen ihres oft komplizierten, eigenwilligen Charakters auch gefürchtet.

Der berühmteste und wohl auch erfolgreichste Umsteiger ist Helmut Zilk. Er war ein populärer ORF-Journalist, als er 1983 Unterrichtsminister wurde. Als Bürgermeister der Bundeshauptstadt sollte Zilk Kultstatus erlangen, er erhielt der SPÖ bis 1991 die absolute Mehrheit in Wien. Nach seiner Polit-Karriere wechselte Zilk in den Journalismus zurück und moderierte die ORF-Talkshow „Lebenskünstler“.

Zu den bekannten Seitenwechslern zählt Ursula Stenzel.

 

Die Anchorwoman aus der „ZiB 1“ führte 1996 die ÖVP in den EU-Wahlkampf, mit Erfolg. Sie schaffte Platz 1 für die Volkspartei – zum ersten Mal bei einer bundesweiten Wahl seit Josef Klaus’ Absoluter im Jahr 1966.

Eine geschockte SPÖ versuchte drei Jahre später, mit demselben Schmäh zu kontern und stellte den Journalisten Hans Peter Martin als EU-Spitzenkandidaten auf.

Martin war damals eine große Nummer, er hatte das Erfolgsbuch „Die Globalisierungsfalle“ geschrieben. Wieder glückte der Journalisten-Coup, Martin brachte die SPÖ vor der ÖVP in Führung.

Aber der Preis war hoch. Martin überwarf sich bald mit der SPÖ. Bei künftigen Wahlkämpfen kandidierte er gegen die SPÖ.

Die Erfolgsgeschichte zwischen der ÖVP und Stenzel hielt etwas länger, aber als Stenzel 2015 – sie war inzwischen in die Wiener Kommunalpolitik gewechselt – von der ÖVP abgesägt wurde, wechselte sie erbittert zur FPÖ und zog als Pärchen mit Strache in den Wahlkampf.

Bei der EU-Wahl 2014 zauberte die SPÖ den ORF-Journalisten Eugen Freund als Spitzenkandidaten aus dem Hut, aber dieser schaffte den Umstieg in die Politik nicht. Er blieb bei der Wahl unter den Erwartungen und drei Prozentpunkte hinter dem Politik-Profi Othmar Karas.     Wolfram Pirchner, langjähriger Präsentator der Vorabendsendung „Willkommen Österreich“, zog bei der EU-Wahl 2019 als ÖVP-Vorzugsstimmenkandidat ebenfalls nicht wie erhofft ins EU-Parlament ein.

Zu den prominenten Seitenwechslern gehört auch Josef Broukal. Er war im ORF stellvertretender Chefredakteur und Nachrichtenmoderator.

 

Bei der Neuwahl 2002 gewann Alfred Gusenbauer Broukal als prominenten Quereinsteiger auf der SPÖ-Bundesliste. Broukal war anfangs durchaus glücklich, scheiterte aber mit der Zeit am Polit-Betrieb. Seine Ambitionen, die SPÖ-Kommunikation zu modernisieren, würgte die Partei ab. Sein Engagement in der Hochschulpolitik zerschellte an den oft seltsamen Verhaltensweisen im Parlament: Broukal resignierte, als er gezwungen wurde, gegen einen Antrag zu stimmen, den er selbst zuvor über Monate erarbeitet und ausverhandelt hatte.

Die Liste der politisierenden Journalisten ist lang, zu den Prominenten zählt der Aufdecker Alfred Worm. Er machte einen Ausflug als Gemeinderat der ÖVP-Wien.