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Politik Inland
06/06/2021

Jahr um Jahr auf der Suche nach Arbeit

Mit der „Aktion Sprungbrett“ sollen 50.000 ältere Langzeitarbeitslose wieder einen Job bekommen. Was sind die Sorgen und Hoffnungen der Betroffenen?

von Elisabeth Hofer, Johanna Hager

Es sind viele – und ihre Zahl steigt, über die Jahre betrachtet, immer weiter: die Langzeitarbeitslosen.

Menschen, die seit mehr als 365 Tagen Arbeit suchen, trotz allem aber keine finden.

Während die Zahl der Arbeitslosen langsam aber doch sinkt – im Mai waren 392.360 Personen auf Jobsuche, im April 2020 waren es mehr als 600.000 – steigt die Zahl der Langzeitbeschäftigungslosen stetig an.

Zu Veranschaulichung: Im Jahresdurchschnitt 2015 waren 109.943 Menschen von Langzeitbeschäftigungslosigkeit betroffen, 2020 waren es durchschnittlich 116.727; und im Mai 2021 sind es 144.850 Personen (80.449 Männer, 64.401 Frauen), die seit mehr als einem Jahr keine Stelle finden. Das entspricht einem Plus von 21 Prozent zum Mai 2020 – also seit Beginn der Corona-Pandemie.

Besonders stark betroffen sind – wie generell unter allen Arbeitssuchenden – jene mit nur Pflichtschulabschluss (70.084 Personen) sowie und jene, die älter als 45 Jahre sind (78.283 Personen).

Besonders für Letztgenannte hat die Bundesregierung jüngst die „Aktion Sprungbrett“ ins Leben gerufen: 50.000 über 50-Jährige, die vor Beginn der Pandemie schon arbeitslos waren oder die im Laufe der letzten Monate arbeitslos geworden sind und gesundheitliche oder andere Risikofaktoren aufweisen, sollen bis Ende nächsten Jahres einen Job bekommen. Gelingen soll das durch ein 300 Millionen Euro starkes Investment des Staates.

Konkret sieht der Plan so aus: Betriebe bekommen für maximal zwölf Monate durchschnittlich 50 Prozent der Lohnkosten ersetzt, wenn sie eine langzeitarbeitslose Person einstellen. Laut Arbeitsminister Martin Kocher sollen die Förderungen degressiv sein, die Arbeitsplätze nachhaltig bestehen bleiben.

Die Details dazu werden erst verhandelt, mit konkreten Job-Angeboten ist frühestens im September zu rechnen.

SPÖ will Aktion 40.000

Eben das ruft Kritik hervor – und weckt Erinnerungen: Die SPÖ hatte ja schon 2017 unter Kanzler Christian Kern die „Aktion 20.000“ ins Leben gerufen, sie wurde von Türkis-Blau vorzeitig beendet.

Gegenwärtig wirbt die SPÖ nun mit der „Aktion 40.000“. Das Modell sieht eine Förderung zwischen 100 und 50 Prozent der Lohnkosten über zwei Jahre hinweg vor.

Zudem stehen bei dem Modell nicht Betriebe, sondern gemeinnützige und öffentliche Einrichtungen im Fokus.

Der KURIER hat mit drei der derzeit 144.850 Betroffenen gesprochen – über ihren Alltag, ihre Geschichte und darüber, was sie sich von der Aktion erhoffen. Aus Scham über ihre Situation wollen zwei von ihnen anonym bleiben.

Konrad H.: "Verstehe nicht, warum niemand mich will"

Seit fast sieben Jahren sucht Konrad H. (57) einen Job, schreibt Bewerbungen und bildet sich weiter – ohne Erfolg 

30 Jahre lang hat Konrad H. für eine internationale Hilfsorganisation gearbeitet – in ganz unterschiedlichen Positionen, zuletzt auch in einer Leitungsfunktion. „Aber dann hat sich langsam angekündigt, dass sich etwas massiv verändern wird“, erzählt der studierte Psychologe. „Es wurde umstrukturiert und für mich gab es in der neuen Struktur keinen Platz mehr.  
Seit fast sieben Jahren ist der heute 57-Jährige nun ohne Job. Am Anfang habe er geglaubt, er werde aufgrund seiner Erfahrung schnell etwas Neues finden. „Ich habe gesucht, mich beworben und Kontakte angezapft, aber es sind immer mehr Absagen gekommen oder man hat mir gar nicht geantwortet“, erzählt er. Nach einem Jahr hatte er 100 Bewerbungen verschickt, mittlerweile zählt er nicht mehr mit, „aber 700 bis 800 werden es wohl sein“. „Ich habe nie verstanden, warum mich niemand haben will.“ Die Frage nach dem Warum nagt an ihm. Hinzu kommen finanzielle Sorgen. H. musste für seine Familie aufkommen, außerdem mussten Kredite zurückgezahlt werden. Um nicht noch mehr zu grübeln und sich nicht selbst zu verlieren, wie H. sagt,  versucht er, seinen Tag genau zu strukturieren: Um 6.00 Uhr steht er auf und liest die Stellenausschreibungen in den Zeitungen, dann geht er einkaufen und zum AMS. Denn aufgegeben hat er die Jobsuche nicht. Über das AMS hat er einen Projektmanagement-Kurs besucht und mit Auszeichnung abgeschlossen. Gebracht hat es (noch) nichts. Vielleicht gelingt es über die „Aktion Sprungbrett,“ einen Job zu finden. H. würde es sich wünschen. „Ich würde bis 70 arbeiten“, sagt er.

Hermann Hofer: "Geld ist nicht das ganze Leben“ 

Hermann Hofer (54) musste  finanziell kürzertreten, langweilig war ihm aber nie 

Mit 52 Jahren wollte Hermann Hofer beruflich noch einmal etwas ganz anderes machen. Er kündigte seinen Job, um sich als Fotograf selbstständig zu machen. Das war vor etwa  zwei Jahren, kurz bevor die Corona-Pandemie das Leben komplett auf den Kopf stellen sollte. Um es kurz zu machen: Hofers ursprünglicher Plan ging nicht auf, krisenbedingt gab es kaum Bedarf für Fotografen. Plötzlich sah die Situation ganz anders aus. „Ich hab’ mir gedacht, du Trottel, jetzt stehst du mit über 50 in der Kälte. Aber ich bin ein positiver Mensch“, erzählt Hofer. Finanziell musste er ohne Job zwar ordentlich kürzertreten: „Aber Geld ist nicht das ganze Leben, mir reicht es, wenn ich meine Miete bezahlen kann.“ Einzig bei seinen beiden Pferden fällt es ihm schwer, zu sparen. Die hätten in der letzten Zeit wohl luxuriöser gelebt als er, erzählt er lachend.  Die Beschäftigung mit den Tieren sei auch der Grund, warum bei ihm trotz längerer Arbeitslosigkeit nie Langeweile aufkomme.  „Wenn du mit Tieren arbeitest, hast du immer etwas zu tun“, erklärt er.  „Die Arbeit mit Viechern“, wie Hofer scherzhaft sagt, hat sich durch seinen gesamten Karriereweg gezogen. Ursprünglich absolvierte er die Militärakademie, wo er den Reitausbildungszug besuchte. Danach arbeitete er unter anderem im Zoofachhandel und zuletzt im Tierschutzbereich. Für das AMS und den FAB  –  den Verein zur Förderung von Arbeit und Beschäftigung  – hat Hofer nur lobende Worte übrig. Dass der 54-Jährige heute  so positiv eingestellt und gut gelaunt ist, liegt übrigens daran, dass er bald wieder zu arbeiten beginnen wird. Er hat das bronzene Fahrabzeichen absolviert und wird nun als Fiaker angestellt. Seine neuen Kollegen: seine Pferde.  

Klaus M.: "300 Bewerbungen und ein Vorstellungsgespräch"

Klaus M. (61) über den „Jugendwahn in gewissen Branchen“

Früher habe er das Zehnfache verdient. Früher, das war vor „gut fünf Jahren“, sagt Klaus M., der wie viele vom KURIER  angefragte Langzeitbeschäftigungslose entweder gar nicht oder nur anonymisiert sprechen will – darüber, was es heißt, mit 61 Jahren von Notstandshilfe und der Unterstützung der Eltern zu leben, mit 1.200 Euro monatlich sein Auslangen zu finden.
 Rückblick: M. macht in der  PR- und Marketing-Branche Karriere, schafft es bis ins mittlere Management eines internationalen Konzerns, ehe das Ende der Finanzkrise 2017 sein Ende bedeutet. „Einsparungsmaßnahmen. Ich dachte, ich kenne Gott und die Welt und mache mich selbstständig.“ Ein Irrglaube, wie M. heute weiß. „Ich habe 32 Jahre in das System eingezahlt und mich beim AMS gemeldet.“ Seither hat der Wiener 300 Bewerbungen verfasst, wie er erzählt  – mit teils sarkastischem Unterton.
 149 Absagen gab es, 150 Mal gar keine Antwort und ein Vorstellungsgespräch. „Ich hätte alle Voraussetzungen mitgebracht,  aber ich bin zu alt. Mit  45 plus bist du in gewissen Branchen oder im Marketing einfach zu alt. Da herrscht ein Jugendwahn.  Die  suchen Mittzwanziger mit 20 Jahren Berufserfahrung, die für 1.800 Euro arbeiten.“
M. kann der „Aktion  Sprungbrett“  etwas abgewinnen, „weil alles, was uns Alte in Jobs bringt, gut ist.“ Dass er selbst davon profitieren wird, glaubt er nicht.  „Ich habe mich damit abgefunden, dass mich mit 61 niemand mehr nimmt und ich auf die Pension warten muss.“ Wie hoch diese ausfallen wird? „Das will ich heute noch nicht wissen.“ 

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