"Homosexualität ist amoralisch": Wirbel um Stronach-Mandatar

THEMENBILD-PAKET NATIONALRATSABGEORDNETE: MARCUS F
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER Nationalratsabgeordneter Marcus Franz hat sich selbst mit seinen Ansichten zum Thema Homosexualität in die Kritik gebracht.

Marcus Franz, Arzt und Abgeordneter, vertritt in Interviews eigenwillige Ansichten - die Ärztekammer droht mit einem Disziplinarverfahren.

Homosexualität sei eine "genetische Anomalie" und darüber hinaus amoralisch: Mit Aussagen wie diesen hat der Team-Stronach-Mandatar Marcus Franz jetzt für einigen Unmut gesorgt. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin profil hatte der Mediziner - er ist Primararzt am Wiener Hartmann-Spital, einem Ordenskrankenhaus der "Franziskanerinnen von der christlichen Liebe" - seine Einstellungen zum Thema Fortpflanzung kundgetan.

"Freiwillige Kinderlosigkeit ist aus meiner Sicht amoralisch", sagte er dort etwa - er unterstrich gegenüber der profil-Autorin auch, dass es die Pflicht jedes einzelnen sei, Kinder zu bekommen: "Dass Sie eine Frau sind und ich ein Mann, ist unser Urzweck. Wir könnten uns theoretisch vereinigen und jetzt ein Kind zeugen."

Ärztekammer fordert Entschuldigung

BETRIEBSVERSAMMLUNG DER AKH-ÄRZTE: PRESSEKONFERENZ Foto: APA/HELMUT FOHRINGER Thomas Szekeres Die Reaktionen darauf waren keineswegs positiv - der Wiener Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres etwa  übt scharfe Kritik an Franz. In einem am Montag veröffentlichten offenen Brief stieß er sich an dessen Äußerungen zur Armut, Kinderlosigkeit, Verhütung und vor allem zur Homosexualität. Szekeres fordert Franz auf, diese zurückzuziehen und sich öffentlich zu entschuldigen. Für Szekeres ist das "empörend und inakzeptabel", denn übersetzt bedeute das, dass Homosexualität für Franz eine angeborene Krankheit sei.

"Als Wissenschafter, Mediziner und Repräsentant der Ärztekammer fordere ich Sie auf, dieses Statement öffentlich zurückzunehmen", so Szekeres. "Ihre Aussagen wiegen umso schwerer, als Sie nunmehr nicht nur als Arzt, sondern auch als Abgeordneter zum Nationalrat eine besondere Verantwortung tragen. Ich ersuche Sie, in Ruhe zu reflektieren, was Sie formuliert haben, und sich öffentlich zu entschuldigen. Solche Aussagen dürfen in demokratischen Kulturen nicht unwidersprochen bleiben."  Szekeres stellt sogar ein Disziplinarverfahren in den Raum.

Kritik auch von eigener Partei

Die Aussagen des Mandatars sorgten auch für parteiinterne Verwerfungen. Am Montag ging die niederösterreichische Landesobfrau des Team Stronach, Renate Heiser-Fischer, per Aussendung auf Distanz und verwies auf die "liberalen Werte" der Partei. "Das sind nicht unsere Werte! Wir bekennen uns zu einer offenen und toleranten Gesellschaft, deren Familienplanung auf Freiwilligkeit basiert und deren Umgang mit der sexuellen Ausrichtung anderer von Respekt getragen wird", betonte Heiser-Fischer.

Zuvor hatten auch bereits die Grünen mit heftiger Ablehnung auf Franz' Aussagen reagiert. Diese seien unglaublich, gefährlich und hätten in der Politik nichts verloren, so Demokratie- und Familiensprecherin Daniela Musiol sowie Bundesrat Marco Schreuder, grüner Sprecher für Lesben, Schwulen und Transgenderpersonen, in einer Aussendung.

Franz kalmiert

Franz selbst reagierte prompt: In einer Aussendung stellte er fest, dass er " ganz klar gegen jegliche Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen" sei. "Jeder Mensch soll in seiner Entscheidung über die Form des Zusammenlebens frei sein. Tatsache ist aber, dass es aufgrund der demographischen Entwicklung zu einer Überalterung der Gesellschaft kommt und dadurch u.a. das Gesundheits- und Sozialsystem in der heutigen Form auf Dauer nicht mehr finanzierbar sein wird. Hier möchte ich wachrütteln und auf die bestehenden Probleme hinweisen."

Hintergrund

Frank Stronach und seine Ein-Werte-Partei

„Let’s be Frank“, lautete sein Wahlspruch in den 1980ern: Damals versuchte Frank Stronach – laut Taufschein Franz Strohsack - in Kanada erstmals politisch Fuß zu fassen. Gelungen ist ihm dies erst mehr als zwei Jahrzehnte später in Österreich: 2013 konnte er mit seiner nach ihm benannten Truppe in Landesparlamente einziehen. Der Weg dorthin war allerdings weit. Berühmt wurde Stronach einst, als er auszog, um Kanada für sich zu erobern. Nach einem Jahr in Bern, wo er ein Zwischenspiel als aktiver Fußballer beim FC Helvetia gab, zog es ihn nach Nordamerika – nach eigenen Angaben mit „nur 200 Dollar in der Tasche“. Danach begann sein steiler Aufstieg: Als Gründer der Magna profitierte er von einer Quotenregelung, die die kanadischen Autobauer zum Zukauf von Teilen aus dem eigenen Land verpflichtete – was Stronachs Taschen füllte. Ende der 80er zog es ihn dann wieder in die Heimat. Zuerst mit dem Plan, in Ebreichsdorf einen Vergnügungspark zu errichten; später mit dem Vorhaben, die Voest zu übernehmen – beides scheiterte. Gelingen sollte ihm der Einstieg bei der Austria – nicht zur Freude aller. 2012 setze er sich dann in den Kopf, nach Jahrzehnten auf wirtschaftlichem Boden und den damit verbundenen Höhenflügen, auch politisches Terrain in Österreich zu erobern. Bisher sind die Erfolge nicht allzu gering – vor allem im Vergleich mit anderen „Jung-Parteien“: Sowohl in Niederösterreich als auch in Kärnten wurde sein Team in den Landtag gewählt. Bei der Nationalratswahl blieb sein Team dann aber doch unter den Erwartungen. Dass sein Auftreten auf die Gunst der Wähler trifft, ist für so manchen nicht ganz nachvollziehbar – schließlich gleichen seine Interviews und Auftritte sowohl für Fragensteller als auch Zuseher verbalen Hürdenläufen. „Sie wollen streiten mit mir?", fragte er etwa erbost im ORF, als Armin Wolf einmal zu oft nachfragte. Sein autoritärer Stil hat Tradition: Auch innerparteilich hat der gelernte Werkzeugmacher das Sagen. In seiner Firma hat er sich in den Hintergrund zurückgezogen, das Werk läuft auch ohne sein große Zutun wie geschmiert: Mehr als 100.000 Mitarbeiter und 286 Produktionsstätten zählt Magna.
  Seine Vorstellungen, wie eine Firma zu führen sei, hat er eins zu eins in die Politik mitgenommen: „Werte, Werte, Werte“, lautet sein immerwährender Sager. Was genau er aber darunter versteht, ist nicht leicht aus ihm herauszukitzeln. Wieso dies so ist, bringt sein Biograph gut auf den Punkt: „Er ist eine Art Genie und dabei auch immer ein bisschen Clown, alles auf einmal", schreibt Wayne Lilley. Und glaubt man der New York Times, wird es sich bei seinen Wählern ähnlich sein verhalten wie bei seinen Aktionären: „Stronachs herrschaftlicher und oftmals sprunghafter Managementstil hat seine Aktionäre mal bereichert, mal verschreckt.“
(APA / ep) Erstellt am
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