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Politik Inland
09/13/2020

Höheres Arbeitslosengeld? "Menschen wären ja dumm, wenn sie arbeiten"

AMS-Chef Johannes Kopf spricht im KURIER-Interview über Arbeitszeitverkürzung und die Prognosen für 2021.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Kopf, am Montag gibt es im Parlament eine Sondersitzung zum Thema Arbeitsmarkt. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner will eine Arbeitszeitverkürzung auf 80 Prozent bei 95 Prozent des Nettoeinkommens. Der freiwillige Verzicht auf Arbeitszeit der Arbeitnehmer soll neue Arbeitsplätze schaffen. Gibt es wirklich diesen Automatismus: Entstehen mehr Arbeitsplätze, wenn die Arbeitszeit verkürzt wird?

Johannes Kopf: Dieses Modell gibt es in Österreich schon. Es heißt Solidaritätsprämie und wird beispielsweise von der Voestalpine in Anspruch genommen. Vier Leute arbeiten 80 Prozent und ein fünfter Mitarbeiter wird eingestellt. Der Verdienst liegt bei 90 Prozent des vorherigen Einkommens. Die Differenz zahlt das AMS mit einer Förderung. Das ist aber ein sehr kleines Programm.

Was sind die Gründe für den geringen Bedarf?

Es funktioniert nur selten, dass vier Menschen weniger arbeiten und dafür ein Fünfter einen Arbeitsplatz bekommt. Weil man selten wo 500 Arbeitsplätze hat, wo die Leute alle das Gleiche machen. Das ist eine Frage der Qualifikation und die ist generell ein großes Thema. Das ist auch der Grund, warum wir trotz der höchsten Arbeitslosigkeit nach wie vor auch einen Fachkräftemangel haben. Kurzarbeit ist ein Erfolgsmodell, weil Betriebe dabei flexibel auf veränderte Auftragslagen reagieren können. Bei einer generellen Arbeitszeitverkürzung würde man diese Flexibilität nehmen. Auch würde die Wettbewerbsfähigkeit darunter leiden und die Gefahr bestünde, dass dann die Produktion in andere Länder verlagert wird. Kurzarbeit bietet Betrieben mehr Flexibilität.

In der Wintersaison werden 500.000 Arbeitslose erwartet. Wenn die Kurzarbeit im Frühjahr 2021 nicht verlängert wird, wie hoch wird dann die Arbeitslosigkeit wachsen?

Wir haben drei Wirtschaftsprognosen, die für 2021 mit einem Wirtschaftswachstum von etwa fünf Prozent rechnen. Damit müsste die Arbeitslosigkeit sinken. Aber einen Unsicherheitsfaktor gibt es: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir aktuell noch eine halbe Million Menschen in Kurzarbeit haben. Die Wirtschaft kann auch deswegen so deutlich wachsen, weil weniger kurzgearbeitet wird, deswegen werden noch nicht mehr Arbeitskräfte eingestellt. Trotzdem rechne ich mit einem Rückgang der Arbeitslosigkeit im Gesamtjahr 2021. Seriös beurteilen lassen sich die Zahlen erst ab Ende Mai 2021 und es wird auch davon abhängen, wann und ob es eine Impfung geben wird.

Im kommenden Jahr wird eine riesige Pleitewelle befürchtet. Da glauben Sie wirklich, dass sich die Situation am Arbeitsmarkt verbessert?

Es wird einigen Kleinbetrieben 2021 gerade in der Event- und Tourismusbranche sicher die Luft ausgehen. Das klingt jetzt zynisch, aber im Tourismus bleibt die Infrastruktur vorhanden, auch wenn es einen Konkurs gibt. Das heißt, sobald die Impfung am Markt ist, kann es rasch wieder einen Anstieg der Arbeitsplätze geben.

Wann rechnen Sie, dass in Österreich das Niveau der Arbeitslosenzahlen wieder auf dem vor der Krise ist?

Das wird dauern. Wir haben ungefähr ein Drittel der Arbeitslosigkeit, die im März und April entstanden ist, wieder abgebaut. Der prognostizierte Rückgang der Arbeitslosen für nächstes Jahr liegt im Bereich von 20.000 bis 30.000. Nach diesem Plan dauert es dann noch zwei Jahre – also erst 2023 –, bis wir wieder auf dem Niveau vor der Corona-Krise sind. Aber Prognosen sind schon in sicheren Zeiten schwierig. In unsicheren Zeiten sind sie noch schwieriger.

700 Millionen Euro werden von der Bundesregierung in die Qualifikation der Arbeitslosen investiert. Wird das ausreichen, um die Rekordarbeitslosigkeit zu senken?

Das ist ein sehr großes Paket und steigert das Budget des Arbeitsmarktservice um zirka 50 Prozent. Was ich jetzt sage, klingt im ersten Moment vielleicht überraschend: Aber diese Summe muss man erst einmal ausgeben können.

Warum?

Weil am Markt aktuell diese Ausbildungspotenziale gar nicht existieren. Es ist auch nicht so leicht, die Menschen umzuschulen. Denn man kann nicht jeden, der im Tourismus gearbeitet hat, jetzt zu einer Pflegekraft machen. Aber wir werden uns bemühen und einiges entwickeln. Wir werden zum Beispiel stark auf das Thema „Frauen in die Technik“ setzen. Das ist ein Luxusprogramm, denn wir übernehmen alle Kosten bis zur Fachhochschule. Da gibt es Frauen, die werden Informatikerinnen oder studieren tatsächlich. Das AMS zahlt dann während der Ausbildung auch die Lebenshaltungskosten. Wir haben sogar ein kleines eigenes Programm mit der ÖBB für Lokführerinnen. Es gibt Frauen, die mit unserer Hilfe mit 45 Jahren draufkommen, dass sie schon immer eine technische Ausbildung machen wollten.

SPÖ und Gewerkschaft verlangen eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes von 55 Prozent auf 70 Prozent der Nettoersatzrate. Fördert das die soziale Hängematte?

Ich habe mich schon mehrfach dafür ausgesprochen, dass es in den ersten drei Monaten ein höheres Arbeitslosengeld geben sollte und dann eine Stufe. Zumindest bei 65 Prozent sollte die Nettoersatzrate liegen, damit die Stufe groß genug ist. Die meisten Menschen finden in den ersten drei Monaten eh wieder einen Job. Wenn aber nicht, unterstützt das dann niedrigere Arbeitslosengeld eine höhere Flexibilität bei der Arbeitssuche.

Die geforderten 70 Prozent sind zu hoch, obwohl viele durch die Krise vollkommen unverschuldet arbeitslos wurden?

Wenn man das Arbeitslosengeld generell erhöht, dann man muss man auch die Möglichkeit betrachten, dass man heute neben dem Arbeitslosengeld auch geringfügig dazu verdienen darf. Teilweise könnte es sein, dass durch diese Kombination – höheres Arbeitslosengeld plus geringfügiger Job – manche am Monatsende mehr Geld erhalten als bei einer Vollzeitbeschäftigung. Das würde zu einer Verfestigung der Arbeitslosigkeit führen. Die Menschen wären ja dumm, wenn sie dann arbeiten gehen. Bei einer Erhöhung des Arbeitslosengeldes müsste der Dazuverdienst eingeschränkt werden.

Aus London wird berichtet, dass die Bürotürme leer sind, weil die Menschen im Homeoffice bleiben wollen. Wird sich der Trend durchsetzen oder wird die Sehnsucht nach sozialen Kontakten Homeoffice beenden?

Das Vorurteil "Zuhause wird nix g’hakelt" wurde durch Corona entkräftet. Teilweise war die Produktivität, weil die täglichen Wegzeiten wegfielen oder weil in den eigenen vier Wänden mehr Ruhe herrscht, sogar höher. Homeoffice hat sich etabliert, es wird künftig einen Mix geben. Dafür wird man allerdings die Kosten für Arbeitsplatzausstattung regeln müssen. Allerdings bei den Frauen muss man sagen: Neben Homeoffice auch noch Homeschooling zu machen, war ein Albtraum. Sie waren die Verlierer des Lockdowns.

Waren die Frauen wegen der Mehrfachbelastung die Verlierer während des Lockdowns oder sind sie es jetzt auch noch?

Die Arbeitslosenquote ist aktuell bei den Frauen höher als bei den Männern. Auch weil der Tourismus wegen der Krise leidet. Wie viele Frauen den Wiedereinstieg schaffen oder beispielsweise wegen der schlechteren Chancen länger zu Hause bei den Kindern bleiben, wird sich aber erst zeigen. Für diese Analyse ist es noch zu früh.

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