Peter Hochegger ist überzeugt, dass er keine Haft antreten muss.

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Interview
07/27/2014

Hochegger: "Ich bereue gar nichts"

Neue Serie: Von Peter Hochegger bis Ernst Strasser. Wie die gefallenen Karrieristen der schwarz-blauen Ära leben.

von Ida Metzger

Ämter weg, Ehre weg, Glaubwürdigkeit weg, Geld weg. Zukunftsprognose? Sehr düster. So lässt sich der Domino-artige Fall von Grasser, Strasser, Kulterer, Meischberger & Co. in Kurzform auf den Punkt bringen. Viele der ehemaligen Karrieristen der schwarz-blauen Ära kassierten bereits in den diversen Prozessen lange Haft- sowie millionenschwere Geldstrafen. Die Gipfelstürmer von einst sind heute gescheiterte Existenzen aus Eigenverschulden.

Eine neue KURIER-Serie beleuchtet, wie die einstigen Polit-Stars und Manager der Wenderegierung, die seit Jahren im Visier der Korruptionsstaatsanwaltschaft sind, heute leben. Zum Auftakt erzählt Ex-Lobbyist Peter Hochegger (64), warum er die spannendste Phase seines Lebens durchmacht.

KURIER: Herr Hochegger, Sie haben gegen Karl-Heinz Grasser, Walter Meischberger und die Immofinanz eine Schadenersatzklage über 32 Mio. Euro eingebracht. Wurde aus besten Freunden jetzt beste Feinde?

Peter Hochegger: Das hat nichts mit Feindschaft zu tun. Ich sehe diese Dinge nicht persönlich. Das Schadenersatzrecht ist in Österreich sehr einfach definiert, und ich bin dem Rat meines Anwaltes gefolgt. Dazu kommt, das Finanzamt will von mir zwei Millionen Umsatzsteuer und vier Millionen Euro Strafe. Die Immofinanz fordert von mir 12 Millionen Euro und die Telekom neun Millionen. Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als Schadenersatz zu fordern.

Schadenersatz wofür? Sie haben beim BUWOG-Deal knapp 10 Mio. Euro Provision kassiert. Sie bekamen 2,3 Mio. und die restlichen 7,7 Mio. überwiesen Sie auf Wunsch von Walter Meischberger von Zypern auf ein Liechtenstein-Konto ...

Die Frage ist, wie ist der Schaden entstanden? Der Schaden ist entstanden, indem nicht in Österreich abgerechnet und versteuert wurde. Das war aber nicht meine Intention. Ich hatte mit meiner österreichischen Firma einen gültigen Vertrag und hätte damit kein Problem gehabt. Weder die Immofinanz noch die Raiffeisen Landesbank OÖ wollten das mit meiner österreichischen Firma abrechnen. Dann ist die Idee entstanden, es über meine Firma in Zypern zu machen. Und Herr Meischberger wollte, dass ich seinen Teil nach Liechtenstein überweise.

Glauben Sie wirklich, man glaubt Ihnen, dass Sie ein Opfer waren und hinter diesem Konstrukt nicht nur das Ziel der Steuerhinterziehung steckte?

Am Ende des Tages schaut es vielleicht danach aus. Aber ich sage auch immer: Am Ende kommt die Wahrheit ans Tageslicht. Vor Gericht entstehen oft Dynamiken, wo neue Aspekte auftauchen, die man so noch nicht kannte. Ich vertraue da meinem Bauchgefühl. Doch ich gebe auch zu: Wenn man die Ernte in die Scheune einfahren will, ist man oft blind und sieht Gefahren nicht. Und ich habe sie nicht gesehen. Ich war damals ein Getriebener, der ein Firmenkonstrukt mit 120 Mitarbeitern hatte.

120 Mitarbeiter sind kein Grund, sich in dubiose Geschäfte einzulassen ...

Was ist dubios und was nicht? Beim BUWOG-Deal war es nicht in Ordnung, dass das Geld nicht versteuert wurde. Zweiter Punkt: Ich hätte vorsichtiger sein müssen. Durch die Nähe zur Politik entstehen Gefahren, die ich nicht gesehen habe, denn es war nichts Unübliches.

Die Gretchenfrage ist: Hat Karl-Heinz Grasser den Tipp an Meischberger gegeben oder nicht?

Das kann nur der Herr Meischberger beantworten. Das weiß ich Gott sei Dank wirklich nicht. Ich habe ihn auch nie gefragt.

Wie war Ihr Verhältnis damals zu Meischberger?

Er hat mich benützt und ich ihn.

Ist die Gesetzgebung heute schon scharf genug, dass solche Biotope nicht mehr entstehen können?

Nehmen wir konkret das Beispiel Telekom. Da verschafft sich ein Unternehmen wie die Telekom über Jahrzehnte Vorteile, macht ihre Deals. Dann wird das System auf die Bühne gehoben, einige Beteiligte werden an den Pranger gestellt, aber das System "Wirtschaft/Politik" bleibt unangetastet. Die Telekom darf sich sogar als weißer Ritter darstellen und als Geschädigter inszenieren, obwohl sie den größten Nutzen hatte. Der Paragraf der Untreue ist da viel zu zahnlos, um solche Systeme wirklich zu brechen.

Tatsache ist auch, dass die Hochegger-Gruppe von 2005 bis 2010 40 Mio. Euro von der Telekom bekam. Für zehn Millionen gibt es keine nachweisbaren Leistungen. Warum nicht?

Die Valora bekam 7,5 Millionen Euro plus Umsatzsteuer. Es waren Aufträge, deren Leistungen nicht dokumentiert wurden, weil sie nicht an die große Glocke gehängt werden sollten. Alle Aufträge wurden von zwei Vorständen und Managern der zweiten Ebene abgenommen. Wenn man versucht, einen Richter für die Telekom-Kontrollkommission zu bestellen, dann hängt man das nicht an die große Glocke. Wenn man versucht, die Regulierungen oder die Bestellung eines Geschäftsführers zu beeinflussen – dann hängt man das nicht an die große Glocke.

Allein, wie Sie die Vorgänge beschreiben, klingt das sehr stark nach Schmiergeld-Aktionen ...

Jede Ausgabe, die meine Firma getätigt hat, ist dokumentiert. Sowohl die Telekom als auch die Behörden wissen genau, wo das Geld hingegangen ist. Da ist niemand geschmiert worden.

Eben von dieser Valora wurde Karl-Heinz Grasser nach seinem Ausstieg aus der Politik Teilhaber.

Diese beiden Firmen werden immer gerne verwechselt. Als Karl-Heinz Grasser 2006 aus der Politik ausschied, kam Meischberger auf mich zu und meinte: "Machen wir doch mit dem Karl-Heinz gemeinsam eine Firma." Ich habe mich blöderweise überreden lassen, und wir haben die Valora Solutions Kommunikationsagentur gegründet. Nach sieben Monaten bin ich aber wieder ausgestiegen.

Mussten Sie wirklich überredet werden? Grasser hatte damals noch top Imagewerte ...

Damals wohnten zwei Seelen in meiner Brust. Die eine sagte, es ist gut, wenn man sich Grasser sichert. Aber ich wusste auch, wenn man sich mit Politikern in ein Boot setzt, ist man immer Angriffen ausgesetzt.

Bereuen Sie diesen Schritt?

Ich bereue gar nichts. Denn das Leben ist eine spannende Reise. Man sucht sich seine Herausforderungen so aus, damit man seine Talente und Fähigkeiten entwickeln kann, um zu sich selbst zu finden. Ich kann heute für mich sagen: Gut, dass ich aus dem System herausgefallen bin, weil sonst wäre ich immer noch darin gefangen. Heute bin ich viel freier.

Sind Sie sich da sicher? Im Herbst wurden Sie (nicht rechtskräftig) zu 2,5 Jahre Haft verurteilt. Der BUWOG-Prozess könnte auch bald starten ...

Alles ist möglich im Leben. Aber ich komme sicher nicht in Haft. Warum auch? Ich war nach dem Urteil relativ gelassen. Mit der Verurteilung habe ich gerechnet, weil es genau eine Woche vor den Nationalratswahlen war. In der Urteilsbegründung ist keinerlei Substanz.

Sie glauben, der Fall wird vom OGH in die 1. Instanz verwiesen?

Ich gehe von einem Freispruch aus.

Werden noch weitere Telekom-Anklagen kommen?

Das ist eine spannende Frage. Es wäre gut, wenn Anklagen kommen, dann könnte man wirklich ins System eindringen.

Ehemalige Wegbegleiter meinen, Sie haben längst Ihr Geld ins Ausland gebracht und falls Sie doch in Haft müssen, werden Sie in Brasilien bleiben, da es kein Auslieferungsabkommen gibt.Ist das Ihr Masterplan?

Glauben Sie mir, ich habe mein Geld nicht im Trockenen. Ich habe den Behörden alles offen gelegt. Es gibt wenig Menschen in Österreich, die so durchleuchtet wurden wie ich. Jede Geldbewegung ist kontrolliert worden. Wenn ich wegbleiben hätte wollen, dann hätte ich das schon längst machen können. Brasilien hat sich viel früher ergeben– und bin ich froh, dort gelandet zu sein. Ich wohne in einem kleinen Fischerdorf. Das ist eine total andere Lebensweise. Es ist viel ruhiger, es gibt keinen Luxus. Es ist ein total naturverbundenes Leben. Ich verkehre auch in anderen Gesellschaftsbereichen. Nicht mehr in der profitorientierten Gesellschaft, sondern eher in Szenen, die spirituell ausgerichtet sind und sich nicht materiellen Dingen unterordnen. Da gewinnt man eine andere Sicht der Dinge. Auch wenn ich heute viel weniger als früher habe und von 1100 Euro lebe, bin ich viel entspannter.

Der bekehrte Peter Hochegger ...

Kennen Sie das Buch Das Café am Ende der Welt? In dem Buch steigt ein gestresster Werber aus. Irgendwo stößt er auf ein Café, auf dessen Speisekarte drei Fragen stehen: Woher komme ich? Habe ich Angst vor dem Tod? Was erfüllt mein Leben? Am Anfang ist der Werber aufgebracht. Er fragt: "Was soll der Blödsinn?" Dann ergibt sich ein spannendes Gespräch mit dem Koch, der Kellnerin und zwei Gästen. So ähnlich habe ich das in Brasilien durchgemacht. Ich bin weg aus diesem System und habe mir auch diese Fragen gestellt. Wenn man das Glück hat, dass man sich diese Fragen stellen kann, beginnt eine spannende Reise. Es war eine hohe Schule der Selbstfindung. Es war nicht leicht, aber wenn man es schafft, hat man viel erreicht.

Aber Ihr altes Leben holt Sie immer wieder ein ...

Das ist richtig, Und man muss das richtige Instrumentarium finden, um damit umgehen zu können. Das war am Anfang gar nicht so leicht.

Wie schaut Ihr Instrumentarium aus?

Man muss die Causa aus der Distanz sehen. Es ist wie ein Spiel, wo man sich diese Dinge als Aufgabe hinstellt. Ich kann dadurch erkennen, wie Systeme funktionieren und so meine Zukunft entwickeln. Ich stehe zwar am Abgrund, aber im Prinzip durchlebe ich gerade die spannendste Zeit meines Lebens. Denn so eine Komplexität habe ich bis jetzt noch nie erlebt.

Lesen Sie am Montag im KURIER Teil 2 der Serie, wie Ernst Strasser, Wolfgang Kulterer, Uwe Scheuch & Co heute ihr verpatztes Leben bestreiten.

Erst war das Fressen, kommt jetzt die Moral?

Er hat mich benützt – und ich ihn." So nüchtern beschreibt Peter Hochegger das Verhältnis zu seinem ehemaligen Kumpel Walter Meischberger. Die beiden verbanden einst diskrete Deals, deren millionenschwere Erträge sie in Liechtenstein bunkerten. Bei einem der spektakulärsten Geschäfte bei der Privatisierung von Staatsvermögen in die eigene Tasche soll auch der damalige Finanzminister seine Hand mit im Spiel gehabt haben. Darüber wird spätestens im kommenden Frühjahr ein Gericht zu befinden haben.

In diesem Trio war Karl-Heinz Grasser einst die strahlende Nummer 1, heute führt er ein Schattendasein im Glanz des Reichtums seiner extravaganten Frau, mit allen Merkmalen einer gescheiterten Existenz – ohne feste Arbeit und schwer vermittelbar.

Der heute 45-Jährige war schon mit Anfang 20 ein vielversprechendes politisches Talent: Ein ernster junger Mann mit bravem Haarschnitt, der damals "lieber mit einem Buch ins Bett ging", als mit den anderen "Haider-Buberln" um die Häuser zu ziehen. Auf dem Weg von Kärnten zum Minister in Wien nehmen viele eine neue Schlagseite des Sohns eines Villacher Autohändlers wahr. Bald macht die Anekdote die Runde, dass KHG gern mit Freunden bespricht, wer wie in welche reiche Familie einheiraten könnte. An Finanzplätzen wie London gehen hinter vorgehaltener Hand andere Zuschreibungen um, deren Zitierung das Medienrecht verbietet.

Haft legt den Sumpf nicht trocken

Mehr als ein Jahrzehnt danach wirft die Anklageschrift, die gerade auf dem letzten Weg durch die Genehmigungsinstanzen ist, dem Trio Grasser, Meischberger & Hochegger (und einigen Nebendarstellern) vor, sich auf Kosten Dritter privat bestens bedient zu haben. Außerhalb des Gerichtssaals darüber reden will nur noch einer. Im KURIER-Sonntagsinterview spricht Peter Hochegger mit meiner Kollegin Ida Metzger über persönliche Lehren aus dem tiefen Fall einer enttarnten Geschäftemacher-Partie. Wer, wenn nicht der ehemalige Inhaber der größten Lobby-Firma des Landes, weiß dabei besser, dass Klappern in jeder Lebenslage zum Geschäft gehört. Hochegger präsentiert sich heute als einer, der zwar "nichts bereut", aber dabei ist zu lernen, dass Geld doch nicht alles ist. Der PR-Profi will so wohl auch guten Wind für noch bevorstehende Prozesse machen. Aus welchen Gründen auch immer – Hochegger berührt damit einen Kern der gründlichen Aufarbeitung des Korruptions-Sumpfs, in dem eine ganze Generation von Politikern und Managern aus eigenem Verschulden am Versinken ist.

Einige von Ihnen sitzen bereits im Gefängnis, andere haben Haftstrafen oder ihren Prozess in Aussicht. Die Justiz agiert selbstbewusster, in vielen Unternehmen und der Politik gelten strengere Regeln. Überfällig ist eine genaue Abrechnung mit dem Klima der Gier, des Anything-Goes und der freien Fahrt für Blender, in dem der Korruptionssumpf der Nullerjahre so prächtig gedeihen konnte. Hocheggers Einsichten können ein erster Beitrag dazu sein.