Politik | Inland
02.01.2018

Herr Doktor, erinnern Sie sich noch ans 68er-Jahr?

Ein Film aus dem Jahr 1983 zeigt, dass das 68er-Jahr in Österreich mehr von Künstlern geprägt war als von revolutionären Studenten. Und die SPÖ am 1. Mai mit Blasmusik für Ruhe sorgen wollte.

Im Frühjahr 1983, 15 Jahre nach 1968, tauchte die Frage auf, ob den Revolutionären von damals der "Marsch durch die Institutionen" gelungen war, durch die der linke deutsche Studentenführer Rudi Dutschke die Gesellschaft hatte ändern wollen. Oder ob aus den wilden Jungen von damals angepasste, brave Mitbürger geworden waren. Und: Gab es in Österreich überhaupt so etwas wie eine 68er-Revolution?

Peter Rabl, damals Chef der ORF-Sendung "Politik am Freitag", ließ sich überzeugen, dass ich, obwohl im Jahr 1968 erst 13 Jahre alt, der Richtige sei, um diese Fragen zu klären. Also ging ich in die Nationalbibliothek und in Filmarchive, fand Erfolgreiche, Enttäuschte und überraschende Erkenntnisse, aus denen dann eine Dokumentation wurde: "Herr Doktor, erinnern Sie sich noch ans 68er-Jahr?"

Im politischen Bereich waren es nur Männer, die auffielen. Und für die Revolution war die Kunst zuständig.

Brave Studenten

Natürlich hieß es an den Unis "Unter den Talaren, Muff von tausend Jahren". Aber der konservative Bildungsminister Theodor Piffl-Perčević setzte sich mit den Studenten zu langen Diskussionen zusammen. Die Mehrheitsfraktion war die ÖVP-nahe ÖSU, die die Drittelparität in allen Uni-Gremien forderte, was 1969 der junge Unterrichtsminister Alois Mock in den Studienkommissionen auch umsetzte.

ÖVP-Kanzler Josef Klaus rief zu einem Jugendfestival in die Stadthalle , wo einer der Stars des eben begründeten ORF-Senders Ö3 namens Andreas, wie sich André Heller nannte, mit Popmusik einheizte. Politik interessierte ihn damals ebenso wenig wie viele Jugendliche.

Böser Kreisky

Die SPÖ war seit dem Wahlerfolg von Josef Klaus im März 1966 in Opposition, SPÖ-Chef Bruno Kreisky ging mit linken Studenten gar nicht freundschaftlich um. Als diese den 1. Mai störten – sie fühlten sich durch Blasmusik am Rathausplatz provoziert –, verlangte ein aufgebrachter Kreisky den Austritt oder eine Entschuldigung der Jungen.

Doch zwei Studenten attackierten die SPÖ-Führung beim Parteitag: Silvio Lehmann und Peter Kowalski. Mit Krawatte bürgerlich gekleidet, meinte Lehmann, die Partei könne gleich ein "Begräbnis dritter Klasse begehen". Silvio Lehmann tauchte erst wieder bei Aktionen gegen Kurt Waldheim auf, Peter Kowalski wurde Sektionschef im Wirtschaftsministerium. Norbert Roszenich, der 1968 in einem TV-Interview "Kampfmaßnahmen zur Durchsetzung einer Hochschulreform" verlangt hatte, wurde später Sektionschef im Wissenschaftsministerium. Nur ein 68er-JuSo wurde Politiker: Erich Schmidt, der 1983 als Staatssekretär ausgerechnet in die rot-blaue Regierung Sinowatz/Steger eintrat.

Fremde Deutsche

Eine wichtige Geschichte zum Verständnis des 68er-Jahres erzählt Günter Rupp, der Gründer des Restaurant Santo Spirito in der Wiener Kumpfgasse. Er brachte den Berliner Kommunarden und Bürgerschreck Fritz Teufel nach Wien. Rupp: "Die Deutschen wollten über angelesene marxistische Vorstellungen diskutieren, die Wiener hatten einen besonderen Schmäh, auch eine Sensibilität, aber den Marx nicht so genau gelesen. Beide konnten sich nicht verständigen."

Es gab auch in Wien eine Kommune, Schriftsteller Robert Schindel erklärte: "Man wollte nicht der sein, der aus der Familie kam, wir machten den Versuch, wer anderer zu sein, was notwendig scheitern musste. Es war eine Art Traumdeutung der Wirklichkeit."

Weibliche Kunst

In Österreich verlief der Ausdruck der Auflehnung und Erneuerung eben eher über die Kunst als über die Politik. Und da stach eine Frau heraus, die mit politischen Aktionen provozieren und zum Nachdenken anregen wollte. Valie Export führte Peter Weibel an der Hundeleine durch die Stadt, ihr Tapp- und Tast-Kino sollte die Hohlheit traditioneller Filme bewusst machen.

Der Wiener Aktionismus brachte seit den frühen 1960er-Jahren Künstler zusammen, die künstlerische Aktionen als politische Demonstrationen verstanden. Viele wurden weltberühmt – wie Günter Brus, der damals weiß bemalt durch die Stadt spazierte und sich schließlich mit einer Rasierklinge verletzte. Die Aktion bezog in ihrer Radikalität auch den eigenen Körper ein.

Als "Uni-Ferkelei" ging eine Aktion am 7. Juni 1968 in die Geschichte ein. Weibel, Brus und andere priesen Revolution und Kunst, einer onanierte, ein anderer verrichtete die Notdurft, der Journalist Malte Olschewski ließ sich als "Laurids" auspeitschen. Er wurde später ORF-Redakteur, die anderen berühmte Künstler. Sie marschierten auf ihre Art durch die Institutionen.