© Kurier/Gilbert Novy

Interview
10/26/2020

Heinz Fischer: "Würde mich sofort impfen lassen"

Der Altbundespräsident über Fehler in der Krisenkommunikation und über den 26. Oktober.

von Ida Metzger

Er hat viele Krisen erlebt: Wien in der Nachkriegszeit, die Ölkrise, die Bankenkrise 2008/09. Vor dem Nationalfeiertag zieht Altbundespräsident Heinz Fischer (82) über das Corona-Jahr Bilanz.

KURIER: Herr Altpräsident Fischer, wie ist Österreich bis jetzt durch die Corona-Krise gekommen? Die Infektionszahlen steigen extrem an. Braucht es mehr Disziplin seitens der Österreicher?

Heinz Fischer: Es ist eine schwierige Situation. Ich will nicht den Oberschiedsrichter spielen. Vieles ist sicher richtig gemacht worden, einzelne Dinge sind nicht so gut gelaufen. Immer dann, wenn etwas plausibel, überlegt und klar verlangt wird, reagiert die österreichische Bevölkerung sehr vernünftig. Aber: Man darf nicht zu schnell vom Licht am Ende des Tunnels sprechen, weil der Kampf gegen das Virus sehr hart und schwierig ist.

War das ein Fehler, dass Sebastian Kurz schon Ende August vom Licht am Ende des Tunnels sprach? Wenige Tage später hat Gesundheitsminister Rudolf Anschober nachgelegt und verkündet, dass es im Jänner 2021 eine Impfung geben wird. Warum soll sich die Bevölkerung an Maßnahmen halten, wenn die Politiker den Bürgern erzählen, die Gesundheitskrise ist bald vorbei?

Da brauchen Sie gar nicht mich als Zeugen, der das feststellt. Jeder weiß, dass diese Aussagen nicht mit der Realität übereinstimmend waren.

Wie hätte die Regierung kommunizieren sollen? Hätte die Regierung gewarnt, wäre möglicherweise wieder der Vorwurf der Angstmache im Raum gestanden.

Zwischen Angst- oder gar Panikmachen und ohne wirklich plausiblen Grund etwas ankündigen, was man zu einem bestimmten Zeitpunkt gar nicht ankündigen kann, weil man es nicht wissen kann – dazwischen existiert doch eine große Bandbreite. Wir sollten künftig bemüht sein, uns innerhalb dieser Bandbreite zu bewegen. Weil weder Panikmache noch vorzeitig unreflektierter Optimismus in dieser Situation hilft. Realismus ist das, was wir brauchen, und der Zusammenhalt ist sehr wichtig.

Vor rund 17 Monaten war Bundespräsident Alexander Van der Bellen aufgrund der Verfassung in der Ibiza-Krise der bestimmende Akteur. In der Corona-Krise ist es sehr still um ihn geworden. Wäre nicht jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, eine große Rede zu halten, damit der Zusammenhalt wieder aufflammt?

Eine große Rede, wenn sie glückt und man auch den richtigen Zeitpunkt erwischt, kann nicht schaden. Aber das lässt sich nicht erzwingen. Man kann nicht sagen: Jetzt habe ich schon länger nichts mehr gesagt, jetzt kommt die große Rede. Sie muss ja auch vor einem gewissen Hintergrund und in einer Situation, wo eine Weichenstellung erforderlich ist, gehalten werden. Momentan haben wir die Mühen der Ebenen. Wir haben eine Vielzahl an Maßnahmen, die man richtig dosieren und aufeinander abstimmen muss. Da kann sich der Bundespräsident durchaus noch Zeit lassen, wenn er glaubt, dass man in der Öffentlichkeit ein großes Rufzeichen setzen muss.

Wie unterscheidet sich diese Krise von anderen Krisen, die es in der Zweiten Republik gab?

Ich habe meinen Studenten an der Universität Wien einen kurzen Film gezeigt, wie Wien im Sommer 1945 ausgeschaut hat. Das kann sich kein Mensch vorstellen. Wien war ein Trümmerhaufen, und tote Menschen lagen noch in den Straßen. 700 bis 800 Kalorien standen damals pro Person und Tag zur Verfügung. Zum Leben fast nicht genug, zum Verhungern gerade ein bisschen zu viel. Diese Stunde Null ist außerhalb jeder Vorstellung, die wir heute haben. Schon ab den späten 50er Jahren ist es deutlich besser gegangen, und seither hat es eine solche Krise nicht mehr gegeben. Ich weigere mich aber, am Tiefpunkt, der von Adolf Hitler verursachten Katastrophe, Maß zu nehmen. Alles was damals passierte – ob im Konzentrationslager oder an der Front – war unmenschlich. Das ist der Generation von heute erspart geblieben.

2021 soll die Impfung gegen Covid-19 auf den Markt kommen. Werden Sie sich impfen lassen?

Ja, sobald es eine Impfung gibt, würde ich mich sofort impfen lassen. Da habe ich keine Bedenken. Ich habe mich auch regelmäßig gegen die Grippe impfen lassen. Mein Impfpass weist alle jene Impfungen auf, die von der Medizin als vernünftig bezeichnet werden.

Gehen wir zum Nationalfeiertag. Wie wurde der 26. Oktober zum Nationalfeiertag auserkoren?

Nach dem Staatsvertrag gab es mehrere Optionen für den Nationalfeiertag: beispielsweise Rückkehr zum 12. November, dem Geburtstag der Republik, oder zum 27. April, der Geburtsstunde der Zweiten Republik – oder der 26. Oktober, als die Neutralität erklärt wurde. Und wie das in Österreich so üblich ist, wurde das Thema zehn Jahre kontroversiell diskutiert. Die Freiheitlichen konnten sich einen Nationalfeiertag gar nicht vorstellen, weil sie der Meinung waren, dass es keine österreichische Nation gab. Der 27. April war auch umstritten, weil es gleichzeitig der Beginn der Besetzung Österreichs mit 700.000 alliierten Soldaten war. Im Oktober 1965 hat man den 26. Oktober zum Gedenktag gemacht. 1967 hat der Nationalrat gegen die Stimmen der Freiheitlichen diesen zum arbeitsfreien Nationalfeiertag erklärt. Es war also kein einstimmiger Beschluss, weil die FPÖ der Meinung war, es gibt keine österreichische Nation. Inzwischen sind diese Wunden vernarbt.

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