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Politik Inland
05/18/2019

Heinz-Christian Strache: Aufstieg und Fall des HC-Man

Der erfolgreichste FPÖ-Chef nach Jörg Haider vernichtet mit einer "b’soffenen G’schicht" seine Polit-Leben

von Johanna Hager

Solange ich nicht tot bin, hab’ ich die nächsten 20 Jahr noch das Sagen.“ Das sagt Heinz-Christian Strache am 24. Juli 2017 auf Ibiza, seiner präferierten Urlaubsinsel. In den Mittagsstunden des 18. Mai 2019 ist seine Zeit abgelaufen. Der bis dato längst dienende Parteichef tritt nach 14 Jahren von allen Ämtern zurück. Am Zenit seiner politischen Laufbahn als Vizekanzler und Parteichef. „Endlich angekommen“, wie Weggefährten sagen, in seiner zweiten Ehe mit Philippa und Sohn Hendrik, der am heurigen Neujahrstag zur Welt kam.

 

Nicht der jüngst aus der Haft entlassene Rechtsextreme Gottfried Küssel, der in einem Interview über vermeintlich „lustige Auftritte“ von Strache in dessen Jugend räsoniert. Nicht das Rattengedicht aus Braunau, in dem ein FPÖ-Funktionär zweifelhafte Vergleiche zwischen Mensch und Tier anstellt. Und nicht die ideologische Nähe zur Identitären-Bewegung sorgt für das Karriereende des 49-Jährigen, sondern eine „b’soffene G’schicht“ wie Strache bei seiner Rücktrittsrede im Vizekanzleramt zugibt, bringt sein politisches Ende.

Wodka, Red Bull, Zigaretten und verheißungsvolle Einflussmöglichkeiten durch einen attraktiven Lockvogel („Bist du deppert, is die schoarf“) bringen den erfolgreichsten FPÖ-Chef nach Jörg Haider zu Fall und sein Privatleben ins Scheinwerferlicht. „Liebe Philippa, ich weiß, dass du jetzt zusiehst. Und ich kann verstehen, dass du verletzt und enttäuscht bist.“

 

Enttäuscht dürften auch jene sein, deren Berufsleben eng mit jenem von HC, wie er von Fans wie auch Funktionären genannt wird, verbunden sind. Viele haben den Sohn einer Alleinerzieherin aus Wien-Erdberg begleitet oder beobachtet. Ob als jüngster Bezirksrat in Wien-Landstraße im Alter von 21 Jahren oder als Wiener Landtagsmandatar mit 30. Ob an der Seite von Jörg Haider vor Knittelfeld (2002) oder danach, als Gegenspieler zur einstigen blauen Galions-, dann orangefarbenen Leitfigur, an der Spitze der Freiheitlichen.

 

Es war ein eingeschworener, kleiner Kreis an Vertrauten, die Strache seit 2005 zu dem machten, was er bis zum Bekanntwerden des Ibiza-Videos war: „Der Chef“. Zu den HC-Machern gehört Herbert Kickl, der damalige Generalsekretär und nunmehrige Innenminister, der mit Wahlkämpfen und Slogans wie „Deutsch statt nix verstehn“ und „Daham statt Islam“ (2006) für Furore sorgte und Comics wie HC Man erfand. Da ist sein jetziger Nachfolger Norbert Hofer, den Strache wider Willen 2016 zum Hofburg-Kandidaten machte. Da ist der oft als „Raubein“ titulierte Harald Vilimsky, der zum zweiten Mal als EU-Spitzenkandidat für die „soziale Heimatpartei“ am 26. Mai ins Rennen gehen muss, weiters der ebenfalls zurückgetretene Wien-Chef Johann Gudenus und der vielen eher unbekannte Klubdirektor Norbert Nemeth. Und da sind die John-Otti-Band, FPÖ-TV und unzensuriert.at, die Strache und seine Partei mit erfunden und groß gemacht haben.

 

Nun scheint vieles, wenn nicht gar alles, zunichte zu sein. Drei Wochen vor Straches 50. Geburtstag und eine Woche vor der EU-Wahl droht der Partei ein zweites Knittelfeld, vielleicht gar ein Absturz in die Einstelligkeit. Was aus Straches Lebenswerk wird, das haben die Wähler zu entscheiden. Was aus ihm, dem dreifachen Vater und gelernten Zahntechniker werden wird, das getrauen sich in den Stunden nach dem Rücktritt selbst engste Weggefährten nicht zu sagen.

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