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Politik Inland
01/20/2019

Grantig und gefährlich: Die Klischees über Wien

Wien steht in der Kritik. Das fällt leicht, weil "die Wiener" beim Rest der Österreicher oft verschrien sind. Eine Spurensuche.

von Bernhard Gaul, Christian Böhmer, Raffaela Lindorfer, Peter Draxler, Michael Bachner

Klischee: Mentalität

  • "De Weana san zwieda" 

Raunzen und  Meckern: Dafür sind  sie angeblich bekannt, „die Wiener“. Der Historiker weiß, dass der sprichwörtliche Wiener  Grant auf die spanischen Habsburger zurückgeht. Sie sollen  insbesondere in den verschneiten Winter-Monaten mit griesgrämiger Miene  durch die Stadt spaziert sein, weil ihnen die wärmende Sonne Spaniens fehlte.

Empirisch messbar ist  der manchmal gepriesene, manchmal verschrieene Wiener Grant  nicht. Was sich messen lässt, ist, dass „die Wiener“ bei den  Bewohnern anderer Bundesländer ein Image-Problem haben – und zwar ein großes. Ein Beispiel: Immobilien-Unternehmen untersuchen mitunter die Beliebtheit von Wohnorten und Bundesländern. In absoluten Zahlen ist Wien zwar der beliebteste Wohnort Österreichs.  Das liegt aber nur daran, dass Wien die meisten Einwohner hat. Bereinigt man derartige Studien durch die jeweilige Einwohner-Zahl des Bundeslandes, so zeigt sich: Kärnten, Tirol und Salzburg sind am beliebtesten, Wien ist auffallend unbeliebt.

Bei der Frage, woher das üble Image der angeblich so grantelnden Wiener herrührt, kann Soziologe Max Haller weiterhelfen. „Die Bewohner der Hauptstadt sind in den meisten Ländern nicht besonders angesehen.“ Während in anderen Staaten das politische und wirtschaftliche Zentrum oft getrennt seien („in Italien hat man etwa Rom und Mailand“), konzentriere sich in Österreich wirklich alles auf die Hauptstadt. Haller hat einen originellen Reformvorschlag: „Man könnte den Zentralismus zurücknehmen, indem man Behörden oder Höchstgerichte in die Bundesländer auslagert und Dependancen errichtet.“ Dependancen? „Das Kunsthistorische Museum hat viele Gemälde in Speichern. Man könnte einen zweiten Museumsstandort in Kärnten eröffnen. Touristen und Besucher wären sicher begeistert.“

Klischee: Mindestsicherung

  • "Ein Paradies für Owezahrer"

Die „Langschläfer“-Kritik des Bundeskanzlers war scharf und unmissverständlich. Außerdem, sagte Sebastian Kurz über Wien: „Es ist keine gute Entwicklung, wenn immer mehr Menschen keine Arbeit haben und von der Mindestsicherung abhängig sind.“ Und Kurz schmetterte die Kritik, bloß billiges Wien-Bashing zu betreiben, mit dem Argument ab, er sei ja selber ein Wiener.

Also wirklich alles nur „Tachinierer, Owezahrer und Sozialschmarotzer“ in der Bundeshauptstadt, die das System ausnutzen, sich vom Staat durchtragen lassen und auf die eigene  Verantwortung pfeifen?

Wahr ist, dass in Wien mit Abstand die meisten Mindestsicherungsbezieher leben. Im Jahresdurchschnitt 2017 waren es noch 175.000. Doch die Zahlen gehen zurück und sind obendrein differenziert zu betrachten. Im Dezember 2018 bezogen 130.746 Menschen in Wien die Mindestsicherung. Den größten Anteil der Bezieher stellen Kinder dar. Mehr als ein Drittel  war unter 19 Jahre alt.  Der Anteil der Flüchtlinge  liegt bei rund 36 Prozent. Und: Rund 14.890 Personen mit Mindestsicherung sind älter als 60 Jahre alt, davon sind 3178 Menschen sogar älter als 75.

Dazu kommt: 45 Prozent  der in Wien lebenden Bezieher (58.962 Personen) weisen derzeit kein eigenes Einkommen auf, und 43.099 Personen – etwa ein Drittel – beziehen die Sozialleistung schon länger als 25 Monate.

Ein Grund für die hohe Zahl der Mindestsicherungsbezieher in Wien  dürfte sein, dass nicht wenige wegen Kürzungen in anderen Bundesländern (NÖ, OÖ) nach Wien gezogen sind. Wien ist aber auch aus vielen anderen Gründen ein Magnet für Zuwanderer, unter denen viele – oft nur vorübergehend – in der Mindestsicherung landen. Viele glauben beispielsweise, dass die Chancen, einen Job zu ergattern, in Wien viel höher sind als in den Ländern.

Experten sagen jedenfalls: „Mindestsicherungsbeziehern  eine fehlende Bereitschaft zu arbeiten zu unterstellen, basiert auf keiner empirischen Grundlage“, sagt Sozialwissenschaftlerin Laura Wiesböck. „2017 erhielten 71 Prozent der Bezieher  bundesweit eine Aufstockung für niedriges Einkommen, Vollbezieher waren in der Minderzahl. Das Problem heißt Einkommensarmut.“

Klischee: Finanzen

  • "Der teure Wasserkopf"

Ist Wien, wie es sich selbst gerne sieht, der Wirtschafts- und Innovationsmotor des Landes? Oder ist Wien  nur der teure Wasserkopf Österreichs, den die Länder nolens volens mitfinanzieren müssen und der vor allem eines macht, Schulden? „Die Wahrheit liegt wie so oft dazwischen und im Auge des Betrachters“, sagt der in Salzburg geborene Wirtschaftsforscher  Martin Kocher. Er ist Chef des Instituts für Höhere Studien –  in Wien.

Ein Beispiel: Im Finanzausgleich wird der milliardenschwere Steuerkuchen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden aufgeteilt. 35 Milliarden Euro reichte der Bund 2017 weiter, Wien erhielt mit acht Milliarden wieder das größte Stück (NÖ auf Platz 2 mit 6,3 Milliarden). Daten wie diese nähren das Vorurteil: hier finanzstarke Länder, da das schwarze Finanzloch Wien.

Setzt man den Finanzfluss in Relation zur Einwohnerzahl, schaut die Welt anders aus: Pro Kopf bekommt Wien noch immer am meisten, nämlich 4389 Euro. Aber nicht viel mehr als Vorarlberg mit 4303 Euro. Man könnte also auch schlussfolgern: Ein Wiener und ein Vorarlberger bekommen vom Steuerkuchen  in etwa gleich viel. Erstaunlich hartnäckig hält sich auch das Vorurteil, das rote Wien sei der Schuldenkaiser. Die Statistik zeigt: Absolut gesehen liegt Niederösterreich mit Schulden von 8,1 Milliarden vor Wien mit 7,3 Milliarden Euro. Pro Einwohner lautet das Schulden-Ranking: Kärnten vor Niederösterreich und Wien. Und in Relation zum jeweiligen Landesbudget landet Wien nur noch auf Rang 6.

Wo ist Wien wirklich schlecht unterwegs? Bei der Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Die Arbeitslosenquote liegt in Wien – unter anderem wegen der stärkeren Zuwanderung als anderswo –  mit 12,3 Prozent deutlich über dem Österreich-Durchschnitt von 7,7 Prozent. Andererseits halten sich die Wiener dank der Wirtschaftskraft und der vielen Betriebsansiedlungen zugute: Wien sah 2018 das höchste Job-Wachstum seit der Jahrtausendwende, fast 20.000 neue Arbeitsplätze entstanden hier oder ein Viertel aller neuen Jobs in Österreich. Kocher resümiert: „Wien ist wirtschaftlich gesehen eine relativ gesunde Stadt und hat in Wirklichkeit die Sorgen jeder Großstadt. Österreichs Problem ist vielleicht, dass es nur eine Großstadt hat. In Deutschland verteilen sich die Probleme auf viele Ballungszentren.“

Klischee: Ausländer

  • "Niemand spricht Deutsch"

Wer in Wien mit der U-Bahn fährt, der hört auf der einen Seite nur Türkisch, auf der anderen nur Serbisch, Kroatisch oder  Arabisch. Steigt man dann aus, riecht es nach Kebab und Asia-Nudeln, den klassischen Wiener Würstelstand sucht man vergeblich:  So oder so ähnlich  stellen sich Nicht-Wiener mitunter die Bundeshauptstadt vor. Deutsch als Minderheitenprogramm? Kann man das so sagen? Was stimmt am Klischee?

Die Statistik Austria erfasst nicht genau, wer in der Bundeshauptstadt welche Sprache spricht. Allerdings hat sie erhoben, dass mehr als die Hälfte (51,9 Prozent) der Wiener Schüler nicht mehr Deutsch als Umgangssprache angeben. Mit Stand 1. Jänner 2018 sind etwa zwei Drittel der Wiener Einwohner österreichische Staatsbürger. Die meisten in Wien lebenden Ausländer sind Serben, Türken und Deutsche.

Was gerne vergessen wird:  Wien hat eine lange Tradition als „Melting Pot“ (Schmelztiegel). Um 1900 stammten die Einwohner zu 25 Prozent aus der späteren Tschechoslowakei, 15 Prozent jeweils aus den heutigen Bundesländern und anderen Teilen des Kaiserreichs. „Über weite Strecken der Geschichte war in Wien Vielsprachigkeit durchaus nichts Ungewöhnliches“, sagt der Sozialwissenschaftler Andreas Weigl.

Mehrsprachiges Wien

Historiker schätzen, dass zur Jahrhundertwende rund eine Viertelmillion Menschen in Wien Tschechisch gesprochen hat.  Auch Ungarisch, Kroatisch, Slowakisch und Polnisch hörte man auf Wiens Straßen. Diese Mehrsprachigkeit ging als Folge der beiden Weltkriege zurück.

„Als Resultat gab es in den Fünfziger- und Sechzigerjahren vergleichsweise wenige Menschen, die nicht Deutsch gesprochen haben“, erklärt Weigl. Wer in den Sechzigerjahren in Wien gelebt hat und auf diese Zeit zurückblickt, der spürt demnach eine  starke Veränderung, die die Hauptstadt vollzogen hat.

Erst kamen durch die ungarische Revolution, später durch den Prager Frühling Flüchtlinge nach Wien. In den Achtziger- und Neunzigerjahren waren es  die Gastarbeiter, vor allem Jugoslawen und Türken. Durch den Migrationsstrom sind zwischen 2008 und 2017 vor allem Syrer (23.000), Rumänen (19.000) und Deutsche (18.000) nach Wien gezogen.

Klischee: Sicherheit

  • "Gefährliches Pflaster"

Übersiedelt das erwachsen gewordene Kind in die „große Stadt“, endet so manches Telefonat mit der Mutter am Lande so: „Pass’ auf dich auf, in Wien sind lauter Verrückte unterwegs.“ Ist Wien wirklich so ein gefährliches Pflaster? Von den heuer bereits vier Frauenmorden  war einer in Wien.

Die Statistik zeigt, dass Wien in Wahrheit sicherer geworden ist. Die Zahl der Anzeigen wegen Gewalttaten ist 2017 (die Statistik 2018 liegt noch nicht vor) von 16.618 auf 16.016 zurückgegangen – dazu zählen vorsätzliche Körperverletzung, Sexual- und Tötungsdelikte. Hinzu kommt, dass die Aufklärungsquote seit 2008 kontinuierlich anstieg: 2017 konnte die Wiener Polizei acht von zehn Gewalttaten aufklären (81,6 Prozent).

Drogenmetropole?

Österreichweit gab es 42.079 Anzeigen wegen Gewalt, aufgeklärt wurden 85,5 Prozent der Fälle. Zwei von drei Gewalttaten finden in Beziehungen statt – nur bei einem Drittel kannte das Opfer den Täter nicht.

Gestiegen sind in Wien die Fälle von Einbruchdiebstählen (von 2991 auf 5193) und in der Drogenkriminalität (von 5811 auf 6410). Die Bundeshauptstadt steht mit ihrem Ruf als Drogenmetropole nicht alleine da: In Kärnten wurde im Vorjahr ein Sonderlandtag einberufen, weil es einen Allzeitrekord von 2210 Anzeigen im vergleichsweise kleinen Bundesland gab. Die Polizei relativierte dies allerdings zu ihrem Vorteil: Es liege daran, dass die Polizeiarbeit effizienter wurde, hieß es.