Gesundheitsreform in Österreich: Was die geplanten Facharzt-Zentren bringen
LH-Stellvertreterin Haberlander fordert Hausärzte-Garantie für OÖ.
Es handelt sich gleichsam um das Filetstück der laut vielfacher Kritik eher mager ausgefallenen Gesundheitsreform: Bis 2040 sollen rund 75 sogenannte Gesundheitsversorgungszentren entstehen. Gemeint sind damit ambulante Versorgungseinheiten, in denen Fachärzte aus fünf oder mehr Fachgebieten unterstützt von nicht-ärztlichem Gesundheitspersonal ordiniert.
Vorbild sind die allgemeinmedizinischen Primärversorgungseinheiten (PVE), die es bereits seit einigen Jahren gibt. Ziel ist eine Entlastung der Spitäler und eine Verringerung der Wartezeiten auf einen Facharzt-Termin. Die Zentren sollen eng mit den Spitalsambulanzen abgestimmt werden, die Finanzierung übernehmen Bund, Länder und Sozialversicherung über einen eigenen Topf.
Am Freitag kam es zu einer ersten Verhandlungsrunde im Gesundheitsministerium, bei der nähere Details geklärt werden sollten.
Während die Regierung die Fachärzte-Zentren als Meilenstein feiert, stoßen sie unter Experten, die das heimische Gesundheitssystem und seine vielen Schwachstellen seit Jahrzehnten beobachten, auf Skepsis. Der Wiener Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer befürchtet, dass die Ausrollung der neuen Facharzt-Zentren ähnlich mühsam vonstatten gehen werde, wie jene der PVE. Zur Erinnerung: 2015 eröffnete das erste in Wien. Es sollte lange das einzige bleiben, ehe etwas Schwung in den Ausbau gelangte. Mittlerweile sind es 117. Dass man bis 2030 die angepeilten 300 erreicht, erscheint aber fraglich.
Problem Finanzierung
„Ein Problem ist, dass schon bei den PVE die Ko-Finanzierung zwischen Ländern und Sozialversicherung nicht richtig funktioniert“, sagt der Experte. „Die Länder haben es bis dato nicht geschafft, eine solche für den Regelbetrieb zustande zu bringen.“
Zudem lasse sich bis heute nicht sagen, ob die PVE den gewünschten Effekt erzielt haben – etwa eine Entlastung der Spitalsambulanzen. „Die nötigen Daten sind schlichtweg nicht vorhanden“, sagt Pichlbauer.
Bei den geplanten Fachärzte-Zentren werde die Sache noch komplizierter. Begonnen bei der Planung. Geht es doch nicht mehr um einen Zusammenschluss von mehreren Allgemeinmedizinern, sondern um die Frage, welche unterschiedlichen Fachärzte miteinander kooperieren sollen. „Offen ist, wer und auf Basis welcher Daten das letztlich entscheidet.“
Pichlbauer stößt sich auch daran, dass mit den Facharztzentren eine neue zusätzliche Struktur in der ohnehin schon sehr komplexen Versorgungslandschaft mit Einzelordinationen, PVE und diversen Ambulanzen entstehe. „Besser wäre es, die Versorgungszentren einheitlich in Ambulatorien umzuwandeln.“
Für eine möglichst homogene Struktur wäre auch ein einheitlicher Leistungskatalog vonnöten, der aber trotz unzähliger Ankündigungen immer noch nicht in Sicht ist, so der Experte.
Wesentlich optimistischer gibt sich diesmal die Ärztekammer, der an sich oft der Ruf als Bremser bei Reformen nachhängt. In der Wiener Kammer sieht man die geplanten Facharztzentren durchaus als „sinnvolle Ergänzung“ zum bestehenden Angebot, um gleichzeitig zu betonen, dass bei der Umsetzung die „aktive Einbindung der Ärzteschaft unverzichtbar“ sei.
Ideen der Ärztekammer
Inzwischen hat man sich auch schon Gedanken über die Ausgestaltung der Zentren gemacht: Geht es nach der Kammer, soll dort die Versorgung akuter wie chronischer Erkrankungen erfolgen, ebenso Vorsorge und Prävention.
Konkretes Beispiel wäre etwa eine frauengesundheitliche multiprofessionelle Versorgungseinheit mit psychosomatischem Schwerpunkt: Neben zwei gynäkologischen Fachärzten wären hier auch Psychologinnen angesiedelt.
Daneben wären laut Kammer auch multidisziplinäre Einheiten denkbar – etwa mit chirurgischem Versorgungsschwerpunkt, in denen Allgemeinchirurgen und plastische Chirurgen ihre Kompetenzen verbinden. Sie könnten somit chirurgische Versorgung, Wundmanagement und Rekonstruktionsmedizin gemeinsam anbieten. Eine Bündelung, die bei einer Vielzahl von Diagnosen Sinn ergibt – von Brustkrebs über chronischen Wunden als Diabetes-Folge bis hin zu Verbrennungen und Unfallfolgen.
Bei der Umsetzung schlägt die Wiener Ärztekammer vor, bestehende Strukturen weiterzuentwickeln, um auf vorhandener Erfahrung aufbauen zu können. So könnte eine existierende Einzelordination zunächst einen zweiten Arzt anstellen oder eine Zweier-Gruppenpraxis gründen, ehe dann in einem weiteren Schritt zusätzliche Ärzte hinzukommen.
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