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Gesundheitspolitik
04/06/2015

Die Arzt-Praxis der Zukunft

Ein neues Ordinationsmodell soll Verbesserungen für Patienten bringen.

von Christian Böhmer

Wer in den vergangenen Tagen auf positive Nachrichten aus der Gesundheitspolitik hoffte, der wurde weidlich enttäuscht: Die elektronischen Gesundheitsakte, kurz ELGA, musste in einem wesentlichen Punkt, nämlich bei der verpflichtenden Teilnahme der niedergelassenen Ärzte, um ein ganzes Jahr auf Mitte 2017 verschoben werden – das System sei zu komplex, die Sicherheitstests zu umfangreich, hieß es. Und im seit Wochen tobenden Streit um das neue Ärztearbeitszeitgesetz gab es erst am Gründonnerstag eine neue Eskalationsmeldung: Die Ärztevertreter in Wien verlautbarten, sie hätten mehrere Millionen Euro reserviert, um für weitere Proteste gegen die Spitalsbetreiber gerüstet zu sein.

Feldversuch

Viel Schatten also. Und doch gibt es auch gute Nachrichten. Denn während manch großes Projekt stottert, werden im Kleinen Neuerungen probiert, die die Gesundheitsversorgung gänzlich ändern könnten.

So wurde, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, am Mittwoch in Wien-Mariahilf ein Feldversuch gestartet, der die Arbeit der Hausärzte auf neue Beine stellen könnte.

Unter dem sperrigen Namen "Primary Healthcare Center", kurz PHC, wird ein neues Modell der Gruppenpraxis erprobt.

Die Idee ist simpel: Das Angebot der niedergelassenen Allgemeinmediziner soll für Patienten derart attraktiv sein, dass sie sich den bisweilen mühsamen und für die Allgemeinheit kostspieligen Besuch im Spital ersparen – nicht jeder Keuch-Husten muss in einer HNO-Ambulanz behandelt werden.

Was ist das Neue an diesem gesundheitspolitischen Test, den sich die öffentliche Hand mehr als 200.000 Euro kosten lässt?

Zum einen die Öffnungszeiten: Im "PHC Mariahilf" ordinieren die Ärzte vertraglich garantiert zwischen 7 und 19 Uhr, statt 20 Wochenstunden hält die Praxis 50 offen – im Minimum.

Hinzu kommt, dass Patienten im PHC Zugang zu Spezialisten aus anderen Fachgruppen bekommen, sprich: im ersten Schritt sind ein Sozialarbeiter und ein Psychotherapeut vor Ort. Ersterer, um etwa ältere Patienten, die aus dem Spital entlassen wurden, beim Zurechtkommen im Alltag zu unterstützen; Zweiterer, um in akuten Fällen schnell zu helfen.

"Natürlich kann ein Hausarzt Psychopharmaka verschreiben. Wenn direkt in der Ordination ein Psychotherapeut arbeitet, wird die Behandlung aber auf eine andere Ebene gehoben", sagt einer der Ärzte, die im neuen PHC arbeiten. Noch will man das Projekt nicht allzu offensiv präsentieren – die neuen Ordinationsräume sind erst im Mai fertig, die Politik ist ob des Streits mit den Spitalsärzten nervös.

A la longue könnten die PHC aber die Zukunft der niedergelassenen Hausärzte sein – zumal Öffnungszeiten und Betreuungsangebot nicht die einzigen Verbesserungen darstellen.

"Auch die Abstimmung mit dem Spital soll eine noch höhere Qualität bekommen", sagt Michael Heinisch zum KURIER. Heinisch ist Geschäftsführer der Vinzenzgruppe, die in unmittelbarer Nähe des PHC ein Spital betreibt und mit ihm kooperiert.

"Unser Ziel als Vinzenzgruppe ist, Termin-Slots für PHC-Patienten freizuhalten, um ihnen bei Bedarf etwa eine Beratung in einer unserer Spezial-Ambulanzen zu ermöglichen."

Das bedeutet: Wer mit sehr speziellen Problemen (Herz-Insuffizienz, Diabetes, etc.) ins PHC kommt, kann von dort schneller einen Termin bei den Spitalsfachärzten bekommen.

Was hat der Spitalsbetreiber von dem neuen Modell? "Wir können im Gegenzug Patienten, die eigentlich keine Betreuung im Krankenhaus benötigen, wieder dem PHC überantworten."