Debatte um Schließungen: Braucht die ÖGK 136 Servicestellen?
Ein Aufschrei der Empörung ist dieser Tage quer durch die Bundesländer zu hören. Von „Zentralisierungswahn“ und einem „Schlag ins Gesicht aller Versicherten“ spricht etwa Tirols AK-Präsident Erwin Zangerl und findet Zustimmung von allen Landesparteien bis hinauf zur ÖVP und Landeshauptmann Anton Mattle. Einen „Kahlschlag“ befürchtet auch Oberösterreichs AK-Chef Andreas Stangl. Auch in Niederösterreich herrscht Aufregung in allen Parteien.
Was ist passiert? Seit Wochen kursiert ein Arbeitspapier der ÖGK, wonach die Krankenkasse die Zahl ihrer österreichweit 136 Kundenservicestellen auf 77 reduzieren könnte. Hintergrund ist der enorme Sparzwang, mit dem sich die Kasse seit Jahren konfrontiert sieht.
Im Gegensatz zu den medizinischen Zentren der ÖGK haben die regionalen Stellen vor allem Service-Aufgaben. Etwa Auskünfte für Versicherte, Dienstgeber und Ärzte, Bearbeitung von Anträgen (z.B. Wahlarzt-Kostenerstattung) oder Anspruchsprüfungen.
Bei der ÖGK ist man um Beruhigung bemüht. Es handle sich lediglich um ein Arbeitspapier, betont eine Sprecherin. Eine Schließung von Standorten stehe derzeit nicht zur Debatte. Und weiter: „Es gibt ein breit angelegtes Projekt zur Weiterentwicklung des Kundenservices in ganz Österreich, aktuell geht es nicht um konkrete Standorte. Die Überlegungen der ÖGK zielen auf ein Mehr an Kundenservice ab, das heißt: regional, persönlich und digital im Gleichklang.“
Finanz-Dilemma
Hintergrund ist das enorme Finanz-Dilemma, mit dem sich die ÖGK konfrontiert sieht. Sinkenden Einnahmen stehen immer größere Ausgaben gegenüber – geschuldet den immer höheren Kosten für Therapien, begleitet von einer stetigen Überalterung der Gesellschaft. Durch diverse Sparmaßnahmen – intern, aber auch auf Ebene der Leistungen – ist es zuletzt gelungen, das Defizit von 551,6 Millionen Euro (2024) auf 156,3 Millionen Euro zu drücken.
Die Lage bleibt aber weiter angespannt. Deshalb wird intern hinterfragt, ob tatsächlich ein derart engmaschiges Netz an Servicestellen notwendig ist. Die Zahl von 136 bedeutet, dass es deutlich mehr Standorte als politische Bezirke (94) gibt. Ungewöhnlich dicht ist die Versorgung vor allem in Oberösterreich mit nicht weniger als 41 Büros. Dies sei historisch so gewachsen, heißt es bei der ÖGK. Manche befinden sich in sehr kleinen Orten wie Losenstein (1.678 Einwohner) oder Gosau (1.865), oft gibt es auch mehrere in unmittelbarer Nähe (Bad Ischl, Gmunden, Ebensee).
Immer mehr Online-Anträge
Hinzu kommt: Aufgrund der zunehmenden Digitalisierung werden die Stellen mehr und mehr obsolet. Laut internen Daten werden die digitalen Services der ÖGK mittlerweile rund dreimal so häufig genutzt wie der persönliche Kundenservice. Manche Standorte haben dem Vernehmen nach kaum noch Kundenfrequenz.
Daher, heißt es in ÖGK-Kreisen, sei es sinnvoller, bei diesen wohl nicht mehr zeitgemäßen Strukturen zu sparen als bei medizinischen Leistungen für die Versicherten. Auch mit nur mehr 77 Stellen hätte man ein großes Versorgungsnetz, die Betreuung der Klienten ließe sich damit jedenfalls sicherstellen.
Vorerst wird sich die ÖGK aber ohnehin nicht zu einer derartigen Entscheidung durchringen können. Offen bleibt, wie sehr der jüngste politische Druck dafür verantwortlich ist. Anders als im Vorfeld kolportiert, stand eine entsprechende Abstimmung jedenfalls nicht auf der Tagesordnung der jüngsten Verwaltungsratssitzung am vergangenen Dienstag. Das sei nie geplant gewesen, betont man bei der ÖGK.
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