Reinhold Lopatkas Laufstrecke am Wiener Donaukanal

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Reinhold Lopatka
08/12/2016

Reinhold Lopatka: "Geistesblitze hatte ich beim Laufen noch nicht"

Der ÖVP-Klubobmann war Bartensteins Hase, in Afrika bei räudigen Hunden – und er will in Australien seinen 100. Marathon laufen.

von Johanna Hager, Gerhard Deutsch

Sich ihm anzunähern ist schwierig. Vor allem, wenn er in seinem Element ist. Und damit ist nicht sein Beruf, sondern seine Berufung gemeint. Reinhold Lopatka ist schnell. Sehr schnell. Früher sei er jedoch viel schneller gewesen, betont der ÖVP-Klubobmann am Wiener Donaukanal. Seiner Laufstrecke in der Bundeshauptstadt. Wann früher gewesen ist, weiß er genau zu benennen.

"Von 1993 bis 2000. Früher war es mein Ziel, 42,195 Kilometer unter drei Stunden zu laufen. Früher gab es Sommer, da war ich jeden Tag unterwegs, da bin ich in einer Woche über 100 Kilometer gelaufen, in einem Jahr bis zu 4500."

Heute sind es 2000 Lauf-Kilometer, die der 56-Jährige jährlich absolviert. "Eine 25-Kilometer-Strecke entlang der Lafnitz, bei mir zu Hause in der Steiermark, versuche ich jedes Wochenende zu laufen. Und während der Woche in der Früh, am Abend oder nach Nationalratssitzungen auch gen Mitternacht laufe ich hier zwei- oder drei Mal am Donaukanal."

Es gehe, "wie im Leben auch beim Laufen, um die Aurea Mediocritas, die goldene Mitte". Ohne Brustgurt, Pulsuhr oder Lauf-App. "Ich habe meinen Körper so gut kennengelernt, dass ich sagen kann, mit welchem Puls und welches Tempo ich laufe. Ich habe das im Kopf." Alles, was mit seiner Leidenschaft zu tun hat, weiß der Steirer aus dem Stand exakt zu datieren, zu beziffern und anekdotenreich zu beschreiben. "Wenn du laufen willst, dann lauf eine Meile. Willst du aber ein neues Leben, dann lauf Marathon", zitiert Lopatka die Lauflegende Emil Zapotek, ehe er von seinen über 90 Marathons erzählt, die ihn rund um den Globus führten.

Boston & der Jetlag

Nach Havanna, wo er als einer von 300 Teilnehmern bei 30 Grad an den Start geht. Nach Amerika, wo er am 100. Boston-Marathon, seinem 11., mit einem Jetlag teilnimmt. Oder nach Afrika oder Asien. Im Schatten von vier Achttausendern absolviert der damals 41-Jährige auf 3600 Meter Seehöhe den "Mount Everest Challenge Marathon"; einen der schönsten, wie er sagt. Hundert sollen es noch werden. Der letzte am liebsten in Australien, weil er Präsident der Österreichisch-Australischen Gesellschaft ist. "Ich versuche jede Strecke nur ein Mal zu laufen, weil ich immer etwas Neues kennenlernen will."

Gerne läuft er auch mit seinen Söhnen Philipp, Andreas, Lukas, Frau Franziska, die ihn beim letzten Grado-Urlaub mit dem Rad begleitete, oder Freunden. Während Lopatka fortwährend lächelnd über das Laufen erzählt, lernt man ihn kennen. Erfährt, dass er "weniger körper- denn gesundheitsbewusst" ist. Dass Laufen "Sinn macht, was sich daran ermessen lässt, dass ich bis heute keinen einzigen Krankenstandstag hatte". Und: Dass er jeden Tag um sechs Uhr mit dem Ö1-Frühjournal aufstehe, mit sechs Stunden Schlaf auskomme, sein Handy 24 Stunden eingeschaltet sei.

Disziplin & der Hammer

Wer ihm im Gespräch Disziplin und Ehrgeiz attestiert, bekommt als Antwort einen Einblick in seine Jugend offeriert. "Ich war acht Jahre im Internat. Was uns dort anerzogen wurde, habe ich mir als Student (Doppelstudium Rechtswissenschaft und Theologie), der immer auch berufstätig war, beibehalten." Disziplin, Ausdauer und einen langen Atem hat er laut Selbstdefinition – und einen Vergleich parat. "Wenn man in der Politik alt werden möchte, dann ist es ähnlich wie beim Marathonlauf. Da kommt der Hammer, der Rückschlag, der Einbruch. Irgendwann, es ist meistens in der zweiten Hälfte, kommt entweder der Punkt, wo man dem Schmerz nachgibt und langsamer wird oder aber die Zähne zusammenbeißt und sogar schneller werden kann." Ob er immer Letzteres schafft, auch, da seine Vita fünf ÖVP-Chefs (Wolfgang Schüssel, Wilhelm Molterer, Michael Spindelegger, Josef Pröll, Reinhold Mitterlehner) aufweist, lässt ihn erst lächeln, dann wieder erzählen.

Schüssel & die Muße

Über eine Reise mit dem damaligen Außenminister Michael Spindelegger nach Äthiopien und Uganda und ein Erlebnis. "Ich war laufen; und plötzlich standen mehrere räudige Hunde vor mir, die wirklich verhungert ausgesehen haben. Ich habe geschrien, ein Einheimischer hat das gehört und mit einer Stange die Hunde vertrieben. Ich hatte mein T-Shirt aufgrund der Hitze in meiner Hand und habe es ihm spontan geschenkt, weil ich so dankbar war. " Dankbar ist er auch Wolfgang Schüssel. "Von ihm habe ich eines gelernt: Wenn es eng geworden ist, hat Wolfgang Schüssel die Muße gehabt, dass er eine Runde spazieren oder etwas Essen gegangen ist. Als es einmal heikel war, bin ich mit ihm Laufen gegangen." Um währenddessen Probleme zu analysieren oder gar zu lösen? "Nein, aber man kann sich vom Problem eine Zeit lang lösen. Das ist kein Schaden. Die großen Geistesblitze beim Laufen hatte ich noch nicht." Dafür politische Partner jedweder Couleur.

"Mit Josef Cap war ich bei Marathons, Martin Bartenstein begleitete ich vom ersten bis zum letzten Meter, als er seinen schnellsten Marathon gelaufen ist. Da war ich sein Tempomacher, sein Hase, wie das in der Läufersprache heißt. Mit Karl Schweitzer, der vor mir Sportstaatssekretär war, habe ich mir einige Duelle geliefert." Harte, verbale Auseinandersetzungen gibt es regelmäßig mit seinem roten Pendant. Lopatka reizt den Koalitionspartner regelmäßig. Der reagiert dementsprechend. Kränkt es, wenn Andreas Schieder ihn mit einem Gummi-Tier vergleicht, dem er den Kopf abbeißt? Oder wenn Kanzler Christian Kern das Gefühl hat, "es gibt politische Selbstmordattentäter, die sich einsam in einer Telefonzelle in die Luft sprengen" und damit ihn meint?

Kern & die Telefonzelle

"Vergessen tue ich so etwas nicht. Man denkt nach. Den Vergleich mit einem Terroristen habe ich nicht verstanden. Dass man zu so einem Vergleich greifen muss, um mich zu charakterisieren. Da hätte es andere, sehr kritische, aber weniger verletzende Vergleiche gegeben." Lopatka, der selbst gut austeilen kann, wie er zugibt, will "nie persönlich verletzend sein." Im Laufe eines Berufslebens lerne man jedoch, mit so manchem umzugehen.

Seit zehn Jahren begleitet ihn ein Spiegel-Cover, "das für mich beschreibt, was ein erfülltes Leben ausmacht: Laufen Lieben Lesen." Er lese oft mehrere Bücher gleichzeitig, und ein paar jetzt zum zweiten Mal. Franz Werfels "Die vierzig Tage des Musa Dagh" oder Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Der Leopard", aus dem er sogleich zitiert. "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert." Solche Sätze merke er sich. Oder jenen von Haruki Murakami. "Vom Laufen habe ich gelernt, meinen Fähigkeiten zu vertrauen. Es ist die Anstrengung, die ich suche. Laufen ist ein zweites Leben, in dem ich mir Kraft, Inspiration und Zähigkeit hole." Dann läuft Lopatka vom Donaukanal Richtung Parlament. In sein erstes Leben.