Mittwoch wird in Oberwart der vier Opfer gedacht

© /Mathias WÖlfle

Reportage
02/04/2015

Gedenken an das Attentat von Oberwart vor 20 Jahren

"Hinterrücks bist Du immer der Farbige": Die Stimmung vor Ort bleibt gedrückt.

von Roland Pittner

Am Anger" – diese Adresse kennt in Oberwart jeder. Traurige Berühmtheit erlangte dieser Ortsteil weit über die Stadtgrenzen hinaus in der Nacht von 4. auf 5. Feber 1995, als eine Rohrbombe vier Menschen aus dem Leben riss. Die größte Roma Siedlung des Burgenlandes stand unter Schock. Erwin Horvath, Karl Horvath, Peter Sarközi und Josef Simon wurden ermordet. Sie wollten eine Tafel wegrücken mit einer eindeutigen Inschrift: "Roma zurück nach Indien". Die Berührung löste den Zünder der Bombe aus, es war der schlimmste rassistisch motivierte Anschlag der Zweiten Republik. (siehe unten)

20 Jahre ist es nun her, die Vorbereitungen für die Gedenkveranstlatung laufen seit Tagen. Einige Bewohner sammeln sich und beobachten genau wie das Zelt mitten in der Siedlung aufgestellt wird, andere packen an und helfen mit. "Die Gedenkveranstaltung ist wichtig", sagt Mario Baranyai, er ist im Verein Roma Oberwart aktiv. "Es ist für die Volksgruppe wichtig und für die Öffentlichkeit", meint Baranyai. Heute, Mittwoch, werden Bundespräsident Heinz Fischer, Landeshauptmann Hans Niessl, Vertreter der Volksgruppe, sowie der Kirche mit einem Lichterzug zur Gedenkveranstaltung in die Siedlung ziehen.
"Hier in der Siedlung hat es keiner vergessen", sagt Helmut, der sein ganzes Leben schon hier wohnt. Aber in der Öffentlichkeit ist es schon etwas untergegangen, meint der 53-Jährige. Rassismus kennt er, ob im alltäglichen Leben oder beim Bombenanschlag. Trotzdem verurteile er nicht alle anderen gleich, "man kann nicht alle Menschen in einen Sack werfen". Aber mit Rassisten könne man eben nicht diskutieren, genauso wenig, wie er seine Volksgruppe leugnen könne. "Aber ich bin Oberwarter, ich bin hier geboren", sagt Helmut. Dass jetzt Medien und Politik wieder über das Attentat berichten, störe ihn nicht. Andere wollen zu der Sache nichts mehr sagen. "In 20 Jahren hat man schon genug dazu gesagt", erklärt ein Rom. Auch die Organisation der Veranstaltung gestaltete sich schwierig.

Den Rummel wollten viele nicht. "Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben uns mit allen geeinigt", sagt sagt Monika Scheweck, Referntin des Pastoralamtes der Roma & Sinti und Organisatorin der Veranstaltung. Wichtig sei, dass man neben der Politik und den Interessen der Medien, nicht die Menschen hier vergesse. "Es sind ja keine Affen im Zirkus, die hier vorgeführt werden sollen", sagt Scheweck.

Siedlung

Etwa 60 Personen leben heute in der Siedlung. "Es werden immer weniger", erklärt Mario Baranyai. Seit Jahren zieht es die Jungen weg von der Siedlung. "Ein Neustart irgendwo anders oder ein Job, viele ziehen zum Partner", sagt Baranyai. Im Burgenland leben etwa 2000 Roma, der Großteil im Bezirk Oberwart.

Ob sich so ein Anschlag wiederholen könnte, daran will niemand denken. "Einige Roma werden nicht zur Veranstaltung kommen, weil sie Angst haben", weiß Scheweck. Offener Rassismus sei seltener geworden, meint Helmut: "Aber hinterrücks bist du immer der Farbige."

Der Terror des Franz Fuchs – und seine vielen Opfer

Am 3. Dezember 1993 explodierten in den Händen von ORF-Redakteurin Silvana Meixner und des Hartberger Pfarrers August Janisch die ersten von insgesamt 25 Briefbomben und verletzten sie schwer.

Absender war der Steirer Franz Fuchs, es war der Auftakt zur schlimmsten Terrorwelle der Zweiten Republik.

Das wohl prominenteste Opfer war der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk. Eine Briefbombe verstümmelte am 5. Dezember 1993 seine linke Hand. Fuchs schickte damals auch Bomben an Caritas-PräsidentHelmut Schüller, Grün-PolitikerinMadeleine Petrovic und Frauenministerin Johanna Dohnal – sie wurden aber rechtzeitig entdeckt.

Den 24. August 1994 kann Theo Kelz niemals vergessen. Damals riss dem Polizisten in Klagenfurt eine von Fuchs gelegte Rohrbombe beide Hände weg. Fünf Monate später kam es zum Attentat in Oberwart. Am 16. Oktober 1995 wird Flüchtlingshelferin Maria Loley in Poysdorf verletzt.

Die vorletzte Fuchs-Bombe explodiert bei der Entschärfung. Sie war an Lotte Ingrischadressiert, Stiefmutter des damaligen Innenministers Caspar Einem. Die letzte Bombe traf ihn selbst: Bei seiner Verhaftung zündete Fuchs eine Bombe, die ihm beide Hände wegriss. Fuchs beging im Jahr 2000 in seiner Zelle Selbstmord.
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.