© Kurier/Juerg Christandl

Politik Inland
09/14/2019

Fünf junge Menschen erklären, warum sie in die Politik gehen

Der KURIER hat sich auf die Suche nach jungen Polit-Talenten gemacht, einige gefunden und sie gefragt, was sie antreibt.

von Johannes Arends, Michael Hammerl, Julia Walzl

Junge Menschen spielen in der Politik eine immer wichtigere Rolle. Ein aktuelles Beispiel ist die "Fridays for Future"-Bewegung. Sie illustriert, wie stark das politische Engagement Jugendlicher mittlerweile die politische Debatte beeinflussen kann. Der KURIER hat mit Talenten mit Parteibuch gesprochen, auf der Suche nach der österreichischen Greta Thunberg oder dem neuen Sebastian Kurz.

Junge Sozialisten am Galgen

Passanten bleiben stehen und blicken auf drei Jugendliche der Sozialistischen Jugend (SJ), die vor einem Galgen, mit einer Schlinge um den Hals und schmelzenden Eisblöcken unter den Füßen ihre Forderungen veranschaulichen wollen. "Das Eis schmilzt und die Schlinge zieht sich immer weiter zu", beklagt Vorsitzende Julia Herr. Es geht, wie so oft, um den Klimaschutz. Die Idee wurde von einer Klimademo in Köln übernommen.

Die Sozialistische Jugend (SJ) will mit der Aktion auf die drohende Klimakatastophe aufmerksam machen.

Anna-Sophie Prünner (l.) legt die Schlinge um den Hals.

Die SJ steht etwas links von ihrer Mutterpartei, der SPÖ. "Wir sind radikaler", sagt Prünner.

Prünner (r.) sucht auch den direkten Kontakt zu den Passantinnen und Passanten.

Dabei versucht sie, das Ziel der Aktion zu veranschaulichen.

Mittendrin: die 19-jährige Anna-Sophie Prünner. Sie agiert für die SJ Burgenland als Frauensprecherin und kandidiert im Regionalwahlkreis Burgenland Nord auf Platz zwölf der SPÖ-Liste. Prünner "hängt" an diesem Donnerstag, Anfang August, auch kurz am Galgen, diskutiert sie eifrig mit Passanten, teilt Flyer aus.

"Durch meine Ortsgruppe bin ich zu der sozialistischen Jugend gekommen. Außerdem bin ich von meinem Elternhaus schon als Kind politisch geprägt worden", sagt sie. Die SPÖ vertrete ihre Grundwerte: "Gleichheit, Freiheit, Solidarität und vor allem das Menschlich-Sein."

"CO2-Steuer überfällig": Radikaler als die Mutterpartei

Die SJ steht ideologisch weiter links als ihre Mutterpartei, die SPÖ. Nicht bei allen Themen herrscht Einigkeit. Dazu meint Prünner: "Die SJ ist immer kritisch: Wir hinterfragen viele Sachen und sagen der SPÖ auch unsere Meinung. Wir sind radikaler." Mit dem Klimaschutz hätte die SPÖ schon viel früher anfangen müssen, meint sie und stellt fest: "Die CO2-Steuer ist schließlich schon längst überfällig."

"Also gefährlich finde ich das schon! Was wenn einer auf einem der Eisblöcke ausrutscht?", meint ein Passant. "Das muss man ja wirklich nicht auf offener Straße zeigen", sagt ein anderer. Die Schlinge, die nur sporadisch um den Hals befestigt war, legen sich die SJ-Mitglieder jetzt nur mehr um die Schulter, um weitere Kommentare zu vermeiden.

Deutscher Grüner ohne politische Zukunft

Als Klimaschützer versteht sich auch Paul Benteler. Wenig überraschend, ist der 18-jährige doch Mitglied der Grünalternativen Jugend. Was die Grünen von anderen Parteien unterscheidet? "Ich habe das Gefühl, dass die Grünen als einzige Partei Politik für meine Zukunft machen. Sie stehen für Klimaschutz und menschliche Politik", sagt Benteler

Natürlich gäbe es auch Uneinigkeiten innerhalb der Partei. Gut so, meint Benteler: "Wenn jeder seine Meinungen und Ansichten teilt, ist es doch klar, dass wir ab und zu aneinander reiben. Das gehört in einer Demokratie nun einmal dazu."

Im Zentrum von Bentelers politischem Kompass stehen "Klimaschutz und die Europäische Union". Benteler ist dem KURIER von den Grünen als Nachwuchshoffnung empfohlen worden. Und das, obwohl er deutscher Staatsbürger und damit derzeit weder aktiv, noch passiv wahlberechtigt ist. Auch hauptberuflich zieht es ihn nicht wirklich in die Politik. Da er nun mit der Schule fertig ist, möchte er lieber Lehramt studieren.

Vilimsky-Assistentin und "Feministin"

In einem Punkt würde die 19-jährige Anna Groiß mit Benteler übereinstimmen: Die "EU als Konstrukt" hält sie für "etwas Positives". Was sie aber stört, ist die Linie in der Migrationspolitik: "Österreich hat prozentuell während der Migrationskrise die meisten Ausländer in der EU aufgenommen. Das ist nicht fair." Groiß ist Vorstandsmitglied der FPÖ Langenlois, will 2020 für den Gemeinderat kandidieren.

Dass sie in dieser Position über europäische Themen spricht, hat berufliche Gründe. Groiß arbeitet 20 Stunden pro Woche als lokale Assistentin des EU-Abgeordneten Harald Vilimsky (FPÖ) in Wien. Ihr "eher linker" Freundeskreis habe das schnell akzeptiert. Anfeindungen erfährt sie eher von politischen Gegnern via Social Media. "Solche Menschen, die mich grundlos beleidigen und jede Debatte verweigern, kann ich gar nicht ernst nehmen", sagt Groiß.

Ihr Weg in die Politik war familiär vorgezeichnet. Als Tochter des FPÖ-Politikers René Schimanek, der das Kabinett von Ex-Verkehrsminister Norbert Hofer leitete, wuchs sie in einem hochpolitischen Umfeld auf. Zur FPÖ wollte sie, weil es dort die wenigsten "Heuchler" gäbe: "Sie bekommt als Partei den meisten Gegenwind, wodurch ein riesiger Zusammenhalt entsteht."

Am wichtigsten sei ihr aber das Thema Gleichberechtigung. Sie bezeichnet sich als "Feministin", fordert gleiches Einkommen für beide Geschlechter: "Für mich ist Karriere genauso wichtig wie Familie. Ich will mich nicht eines Tages entscheiden müssen." Diese Karriere kann sich Groiß auch außerhalb der Politik vorstellen. Sie studiert Rechtswissenschaften, will sich auf Zivil- und Privatrecht spezialisieren.

Für Kurz laufen

Die juristische Karriereleiter könnte auch Jus-Student Harald Zierfuß erklimmen. Theoretisch, denn derzeit deutet alles auf eine politische Laufbahn hin. Auf Instagram posiert der 19-Jährige mit ÖVP-Granden wie Sebastian Kurz oder Karl Nehammer, mit Medienvertretern, beim "Kurz"-Laufen im türkisen Shirt.

Ja, Zierfuß ist alle Buchstaben gelaufen, etwa 6,5 Kilometer. Gar nicht so kurz. Ob ihm solche Inszenierungen nicht auf die Nerven gehen? "Nein, man macht das ja sowieso mit einem Augenzwinkern", entgegnet er und verteilt geduldig Flyer an Passanten im Wiener Gemeindebezirk Simmering. Die Reaktionen sind gemischt: Von einer älteren Dame, die vom "frischen Wind" unter Sebastian Kurz schwärmt, bis zu einem grantigen "Gib' a Ruah mit dem!". Simmering ist ja nicht als ÖVP-Hochburg verschrien.

Etwa 15 Stunden pro Woche verbringt Zierfuß als Freiwilliger bei solchen Aktionen. Er sei es gewohnt, es ist sein dritter Wahlkampf. Bisher hat er eine Bilderbuch-Karriere hingelegt. Er fungierte als Landes- und Bundesschulsprecher und ist seit März 2018 Landesobmann-Stellvertreter in der JVP in Wien. Im Wahlkampf ist er für Gernot Blümel tätig - Vollzeit. "Es war für mich immer klar, dass ich mich für andere einsetzen will. Als Schülervertreter habe ich viele interessante Menschen aus Politik und Interessensvertretungen kennenlernen dürfen", erklärt Zierfuß.

"Ich hasse ihn"

Für die ÖVP habe er sich aus Idealismus entschieden: "In der Politik geht es um realistische Forderungen und darum, wie man für alle etwas verbessern kann." Zierfuß hat bereits zahlreiche Rhetorik-Seminare der Parteiakademie absolviert. Das merkt man, wenn er seine bildungspolitischen Forderungen artikuliert, ein Plädoyer für Deutschförderklassen hält oder mit Passanten unterschiedlicher Herkunft spricht: ruhig im Ton und immer freundlich, was auch geschieht.

Vier Jugendliche ziehen vorüber, einer von ihnen nimmt einen Kurz-Flyer und PEZ entgegen. Den Flyer lässt er grinsend fallen. Zierfuß wünscht ihm einen "schönen Tag". Auf KURIER-Nachfrage, was der Jugendliche von Sebastian Kurz halte, meint dieser: "Ich hasse ihn." Er spuckt demonstrativ auf die unverpackten, türkisen PEZ. Dann fallen noch diverse, derbe Verunglimpfungen gegen den ÖVP-Chef. Nachdem sich die Gruppe entfernt hat, meint Zierfuß, das seien jetzt eher keine Fans gewesen.

Firmengründerin mit 17

Als begeisterten Fan bezeichnet sich die 17-jährige Tara Erber - allerdings nicht von Sebastian Kurz, sondern vom ehemaligen Neos-Chef Matthias Strolz. Den Parteigründer lernte die Schülerin bei einem Event für angehende Start-Up-Gründer kennen, nachdem sie ihn direkt angeschrieben hatte. Sie plante nämlich die Gründung einer Plattform, über die Fans von bekannten Social-Media-Persönlichkeiten, sogenannten Influencern, mit ihren Idolen leichter in Kontakt treten können. Das Projekt ist aber vorerst "auf Eis gelegt".

Inzwischen ist die Schülerin Mitglied der Junos und schon seit vielen Jahren an Politik interessiert. Bereits mit 12 Jahren schrieb sie einen Brief an den damaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer. Erber scheut nicht vor Fachbegriffen zurück, sie klingt aber trotzdem nicht wie eine typische Jungfunktionärin, es ist die Sprache einer 17-Jährigen. Ob sie gecoacht wurde? "Es hat schon ein paar Trainings gegeben", sagt sie. "Aber nicht so elitär wie bei der JVP."

An den Neos habe sie nicht nur deren "proeuropäische" Haltung überzeugt, sondern "dass sie zwar wirtschaftsliberal sind, aber auch eine überzeugende sozialpolitische Komponente haben", also "weder Wirtschafts- noch Arbeiterpartei, sondern eine Partei der Mitte sind". Das sei ihr vor allem nach dem ersten Aufeinandertreffen mit Strolz klargeworden.

Der habe sie sofort "mitgerissen", seine motivierende Art habe sie "begeistert", seine Ratschläge seien "extrem hilfreich" gewesen. Inzwischen sind die beiden per Du. Auf ihrem Instagram-Account postete Erber ein gemeinsames Foto, unter dem sie Strolz zum Geburtstag gratulierte: "Bist echt der Allerbeste!", Strolz antwortete: "Lieben Dank für die herzlichen Glückwünsche und lieben Worte. Heiter weiter!"

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