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Politik Inland
10/05/2020

Früher ein Tabu bei Politikern: Kranksein ist kein Schwächezeichen

Dass Politiker Krankheiten öffentlich machen, galt früher als tabu. Heute gereicht manch einem der offensive Umgang mit dem Leiden sogar zum Vorteil.

von Johanna Hager, Raffaela Lindorfer

„Mister Europa“ verheimlichte sie bis zum Schluss, die erste Nationalratspräsidentin machte sie sofort öffentlich.

Öffentlich zuzugeben, dass man an einer Krankheit leidet, war 1986 für den ÖVP-Politiker Alois Mock noch undenkbar – und das, obwohl sich seine Hände am Abend der Nationalratswahl wegen Parkinson sichtbar unkontrolliert bewegten.

Anders Barbara Prammer im Jahr 2013, die ihre Krebserkrankung in einer Pressekonferenz publik machte. „Ja, ich habe Krebs“, sagt die SPÖ-Politikerin, und: „Ich werde kämpfen.“ Fortan tun es ihr heimische Politiker gleich.

Wohl auch, um Gerüchten vorzubeugen. Im Jahr 1996 titelt Täglich Alles anlässlich Thomas Klestils Autoimmunerkrankung: „Furchtbarer begründeter Verdacht: Aids!“.

Außerdem „haben sich die Zeiten geändert“, sagt Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer. „Von den 1970ern bis in die 1990er haben Politiker und deren Berater noch gemutmaßt, dass Krankheit als Signal der Schwäche gewertet wird. Und Schwäche darf sich kein Politiker leisten“, so Bachmayer.

Heute zeige sich, dass der „offene Umgang mit Krankheit Politiker als Menschen wie du und ich und damit auch – so tragisch die Umstände sind – sympathisch erscheinen lassen“.

Trotz aller Offenheit lassen sich die Politiker aber auch nicht nachsagen, zu „schwächeln“. Bei Hans Peter Doskozil kamen Zweifel auf, ob er den Landtagswahlkampf im Burgenland durchstehen würde, als Ende 2019 bekannt geworden war, dass er ein drittes Mal an den Stimmbändern operiert werden muss.

Seine Auftritte absolvierte er im Flüsterton und verbat sich „scheinheiliges Mitleid“ in der politischen Auseinandersetzung. Die Stimme beeinträchtige ihn nicht, Entscheidungen zu treffen, betonte er und holte im Jänner die Absolute.

Auch das Burn-Out von Gesundheitsminister Rudolf Anschober 2012 ist immer noch Thema. Eine Boulevardzeitung titelte kürzlich: „Sorge um Anschober“, weil er im Spital war. Es habe sich um eine Routineuntersuchung gehandelt, stellte sein Büro klar – wohl auch, um jeden Zweifel im Keim zu ersticken, dass der beliebteste Minister der Regierung in der Corona-Krise nicht leistungsfähig sei.

„Krankheit besiegt“

Gar keine andere Wahl, als seine Covid-Infektion öffentlich zu machen, hatte am Freitag Donald Trump. Mitten im US-Wahlkampf musste er ins Krankenhaus. Gut möglich, so Bachmayer, dass der Corona-Skeptiker davon sogar profitieren kann. „Wenn er stark und wieder angriffig an die Öffentlichkeit tritt, wird das besonders seine konservative Anhängerschaft goutieren. Er kann die Geschichte erzählen, dass er Covid besiegt hat.“

Corona oder nicht – „Politiker sind eine Risikogruppe“, sagt Sozialmediziner Michael Kunze von der MedUni Wien zum KURIER. „Sie stehen unter einer extremen Belastung und haben gelernt, damit umzugehen – bis zu einer gewissen Grenze.“

Erkrankungen, die sie sonst im Griff hätten, schlagen bei anhaltendem Stresspegel irgendwann durch, und auch für Infektionen sind Politiker anfälliger. Bei Stress bereitet sich der Körper auf Höchstleistungen vor – der „Flucht- und Kampfmodus“, den die Natur eingerichtet hat, kann Politikern dann zum Verhängnis werden.

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