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Politik Inland
05/20/2019

FPÖ Wien: Wer Straches Nachfolge antreten könnte

Analyse: Die Reihen bei der FPÖ Wien haben sich gelichtet. Mit Strache und Gudenus hat sie ihre Identifikationsfiguren verloren.

von Christoph Schwarz, Bernhard Ichner

"Wir stehen hinter dir", schreiben hartgesottene Wiener Fans von Heinz-Christian Strache auf Facebook. Für die Wortmeldungen von FPÖ-Stadträtin Ursula Stenzel, die sich hinter Strache stellt, regnet es in den Kommentaren blaue Herzen. Und Strache selbst? Der postete erst gestern "Jetzt erst recht".

Auf der anderen Seite steht Norbert Hofer, designierter FPÖ-Bundesparteiobmann und Vizekanzler, der eine Rückkehr Straches auf Landesebene am Montag ausschließt.

All das passiert, während in Wien die FPÖ-Gremien tagen und über die neue Führung der Landespartei beraten.

Verunsicherung in zweiter Reihe

Mit Strache und Johann Gudenus, vor Türkis-Blau immerhin nicht-amtsführender Vizebürgermeister der Stadt, hat die Wiener FPÖ ihre beiden Identifikationsfiguren verloren. Die wenigen mit Führungspotenzial, die geblieben sind, sind verunsichert.

Das liegt – ganz allgemein – daran, dass sich momentan niemand freiwillig in die Schusslinie begibt. Wer jetzt Verantwortung übernimmt, der muss die Ibiza-Affäre (mit-)ausbaden. Es liegt – ganz im Besonderen – aber auch daran, dass in der Wiener FPÖ so mancher damit beschäftigt ist, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Hier sitzen einige von Straches treuen Wegbegleitern – und Urlaubskameraden. Sie hatten Glück.

Eigentlich wollte die FPÖ bei der anstehenden Wien-Wahl wieder auf Angriff setzen. Wer die Partei anführen sollte, diese Frage ließ man unbeantwortet. Absichtlich – um den Kandidaten zum taktisch klügsten Zeitpunkt präsentieren und gemeinsam mit Strache in die Schlacht schicken zu können.

Lange Zeit galt Gudenus als Favorit. Er hatte nur einen Makel: seine niedrigen Beliebheitswerte. Umfragen zeigten, dass er sogar hinter der umstrittenen Grünen-Chefin und Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou lag.

Die Liste möglicher Nachfolger

Jetzt wurde aus der Taktiererei bitterer Ernst. Denn zusätzlich zum Job des Spitzenkandidaten muss der Neue jetzt auch die Partei übernehmen. Im Laufe  des Montagabends sollen die Gremien der Landepartei die Entscheidung fällen. Die Liste möglicher Kandidaten ist eher überschaubar.

Da wäre Vizebürgermeister Dominik Nepp (Jahrgang 1982). So lange Gudenus in Wien werkte, war er das freundliche(re) Gesicht der Partei. Jetzt hat er Gudenus als Hardliner ersetzt. Oft nicht ganz glaubwürdig. Nepp prägte den Begriff der „Scharia-Eltern“ und will Schüler in Erziehungscamps stecken. Ist er breitenwirksam? Da ist man sich in der Partei unsicher. Dennoch gilt er mit großem Abstand als wahrscheinlichster Kandidat, heißt es in FPÖ-Kreisen.

Erdiger und bodenständiger wäre da Toni Mahdalik. Er ist Klubobmann, war Stadtrat und pflegt jenen Wiener Charme, mit dem man im Bezirk Donaustadt Stimmen holt. Er hatte skurrile Funktionen wie jene des Fluglärmsprechers inne – und dreht schon mal Youtube-Videos, in denen er Lieblingsgegnerin und Stadträtin Ulli Sima als Cowboy verkleidet für ihre Hundepolitik kritisiert. Pikant: Mahdalik ist für die Presseaussendung mit der Botschaft "wer/zah/lts/chaf/ft/an" verantwortlich, mit der die FPÖ die vermeintlichen Investoren adressiert haben soll. Als Parteichef ist er derzeit aber kein Thema.

Ein weiterern, momentan eher unwahrscheinlicher Kandidat: Maximilian Krauss. Die FPÖ versuchte schon öfter, ihn zu positionieren. Der 1993 Geborene war bereits Nationalratsabgeordneter und ist derzeit Stadtrat. Bekannt wurde er, als ihn die FPÖ 2014 im Alter von 21 Jahren zum stellvertretenden Stadtschulratspräsidenten für Wien nominierte. Michael Häupl (den Krauss schon mal „Türken-Bürgermeister“ nannte) lehnte damals ab. Ein Polit-Streit folgte.

Gerwisse Außenseiterchancen hat hingegen EU-Spitzenkandidat Harald Vilimsky, der nach Wien geschickt werden könne, „um dort aufzuräumen“, wie es in Parteikreisen heißt.

Interimistisch hat die Partei Veronika Matiasek übernommen. In Partei- und öffentlichen Funktionen war und ist sie schon seit Langem: Neun Jahre als stellvertretende Bezirksvorsteherin, zehn Jahre im Wiener Gemeinderat, fünf Jahre als Stadträtin. Zuletzt (und bis heute) sogar 2. Wiener Landtagspräsidentin. In der Öffentlichkeit ist Matiasek dennoch unbekannt. Realistische Chancen darauf, die Partei dauerhaft zu führen, hat sie nicht. Es sei denn, die Landespartei braucht noch mehr Zeit, um sich länger neu aufzustellen. Dann könnte sie noch für eine Weile an der Spitze der Partei bleiben.

Wer derzeit noch mitmitscht

Zu Wort gemeldet hat sich am Montag der Obmann der Freiheitlichen Wirtschaft, Karl Baron: Es sei für ihn "undenkbar, HC Strache als Obmann der FPÖ-Wien zu verlieren". Die Aufkündigung der Bunderegierung durch Sebastian Kurz nennt Karl Baron einen "Akt von grober Fahrlässigkeit und Verwerflichkeit".

Auch Stadträtin Ursula Stenzel, seit ihrem Wechsel von der ÖVP zur FPÖ eine große Strache-Anhängerin, macht für den Ex-Chef Stimmung.

Gegen Strache sprach sich der einzige blaue Bezirksvorsteher aus. Simmerings FPÖ-Chef Paul Stadler könne sich "nicht vorstellen, dass Strache zurückkehrt". Dieser sei "zu beschädigt", sagte Stadler am Rande eines Termins zum Simmeringer Brandunglück vor zwei Wochen.

So oder so: Ein richtiges Schwergewicht ist unter jenen, die sich derzeit als Strache-Nachfolger anböten, nicht dabei. Das freut die ÖVP, vor allem aber die SPÖ. Wenn ihm keine Fehler passieren, kann sich Bürgermeister Michael Ludwig langfristig im Rathaus einmieten: Türkis-Blau wird sich nicht nur rechnerisch nicht ausgehen; sondern auch stimmungsmäßig. Wiens ÖVP-Chef und Kurz-Intimus Gernot Blümel wird nicht (mehr) mit dieser FPÖ koalieren.