Bildungsminister Faßmann will 700 Lehrerstunden einsparen

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Politik Inland
05/10/2020

Faßmann: 30 Prozent der Eltern könnten Kinder nicht in Schule schicken

Der Bildungsminister ist voller Optimismus, dass die Schulöffnung klappen wird. Er versteht aber die Bedenken vieler Eltern.

von Bernhard Gaul

In einer Woche geht die Schule wieder für den Großteil der Schüler los. Was denken Sie, wie sehen das die Eltern? Können es die meisten kaum erwarten, dass die Kinder wieder in die Schule gehen, oder überwiegen Ängste und Sorgen, da die Coronakrise zwar im Griff, aber nicht vorbei ist?

Heinz Faßmann: Also ich glaube, bei den meisten überwiegt die Freude, dass die Schule wieder beginnt. Ich freue mich auch, dass die Schule wieder stattfinden kann, es gab ja auch Zeiten vor ein paar Wochen, da haben wir nicht damit rechnen können. Wir können uns auch schrittweise mit Blick auf die Infektionszahlen von der Furcht verabschieden. Respekt ist angebracht, aber die Angst kann jetzt kleiner werden. Und auch die Eltern, die sich vielleicht noch fürchten, sollten den Kindern nichts von der Freude nehmen, die Klassenkameraden wieder zu treffen, die Lehrer zu sehen, und wieder in die Schule gehen zu können. Sie merken, dass ich in dem Bereich einen gewissen Optimismus vertrete.

Sie fragen immer wieder ab, wie es den Eltern mit der Öffnung geht. Überwiegt da auch der Optimismus?

Es verschiebt sich deutlich in Richtung Begrüßung der Maßnahme zur Schulöffnung. Ich schätze, dass etwa 30 Prozent der Eltern noch Zweifel mit der der Schulöffnung verbinden, 70 Prozent stehen dem aber positiv gegenüber.

Es gibt die Möglichkeit, dass Kinder weiter daheimbleiben, wenn Eltern ein Risiko für sich oder die Kinder sehen. Womit rechnen Sie, wie viele Kinder werden daheim bleiben?

Die Eigenverantwortung ist natürlich besonders wichtig. Wenn Eltern das Gefühl haben, die Sache ist zu unsicher, dann möchte ich sie nicht dazu zwingen. Ich glaube aber, das wird eine klare Minderheit sein, wo sich vielleicht die Eltern fürchten, aber die Kinder weniger. Ich glaube, man sollte den Kindern die Angst nehmen und das positive Erlebnis, ein Schuljahr gut zu Ende zu bringen, auch in der Klassengemeinschaft, ihnen ermöglichen.

Es sind aber nur mehr wenige Schultage, 12 bis 14 pro Kind bis Schulende. Lohnt sich dafür der ganze Aufwand und Wirbel?

Eindeutig ja. Es geht nicht darum, die Wissensvermittlung zu akzentuieren, wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass wir jetzt in den verbleibenden Wochen den Lehrplan im Eilzugstempo durchbringen. Darauf kommt es nicht an. Ich sagte auch, keine Schularbeiten mehr und dergleichen. Es kommt drauf an, die Gemeinschaft zu erleben. Über das Geschehene zu reflektieren. Das Schuljahr gut abzuschließen und gestärkt ins neue Schuljahr überzugehen.

Manche Familien mit mehreren Kindern sind sehr unglücklich darüber, dass die Kinder teils zu völlig unterschiedlichen Tagen Schule haben oder daheimbleiben müssen. Was sagen Sie denen?

Das betrifft wenige Fälle, und ich sage den Eltern auch, die sollen sich bitte melden, bei uns und bei den Bildungsdirektionen. Da greifen wir ein, denn das wäre sonst ein Unsinn, der da passiert.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder in den Volksschulen die Hygieneregeln immer einhalten ist doch eher gering. Halten Sie das grundsätzlich für ein Problem?

Nein, das ist ein Fall der neuen Normalität. Es wird ja auch eine Rauferei am Gang geben, und Dinge werden von einen Kind zum anderen gereicht. Die Lehrer werden einschreiten und sagen, bitte  Abstand wahren. Das wird schon alles passieren, ich denke aber, da sollten wir Vertrauen haben in die Klugheit der Lehrerinnen und Lehrer und letztlich haben auch die Kinder mitbekommen, was los ist, und haben auch Respekt vor der Situation. Ich war selbst kürzlich in einer Schule bei der Maturavorbereitung. Da herrscht eine neue Art von Respekt, alle kommen mit Masken und passen auf.

Sollte es einen Infektionsfall an einer Schule geben, was passiert dann?

Da haben wir einen klaren Plan im Fall des Auftretens von Infektionen in Schulen. Die Gesundheitsbehörden vor Ort sind zu verständigen, dann die Testung und bei bestätigter Infektion  eine Quarantäne von Personen mit der höchsten Kontaktintensität. Der Plan sieht nicht die generelle Schulschließung vor, sondern eine Fokussierung und Konzentration auf jene, die die Infektion mitgebracht haben und deren unmittelbaren Umfeld. Bei einer Schule mit tausend Schülern macht es bei einem Infektionsfall ja keinen Sinn, alle Schüler in Quarantäne zu schicken.

Für die Kindergärten sind sie als Bundesminister nicht zuständig, aber Eltern von Kindergartenkinder wurden in der Öffnungs-Diskussion eigentlich allein gelassen. Wie wichtig ist der Kindergarten für Sie?

Für mich ist es die erste Bildungseinrichtung in unserem Bildungsbogen. Und ich finde es schade, dass wir im Zusammenhang mit den Kindergärten eigentlich nur über die Betreuungsfunktion gesprochen haben und nicht über dessen Bedeutung für den Spracherwerb und die Entwicklung der Kinder.

Grundsätzlich ist der Kindergarten in der Kompetenz der Länder. Haben Sie daraus was gelernt?

Eine Lektion, die wir reflektieren müssen, ist das Verhältnis von Bund und Land speziell in Krisensituationen. Dass wir zu einer abgestimmteren Vorgehensweise beim Kindergarten kommen müssen, ist evident. Sowohl hinsichtlich der Qualitätsstandards, aber auch bei Fragen wie der Gruppengröße.

Wird eigentlich evaluiert, wie Pädagogen das distance learning bisher umgesetzt haben? Da war die Qualität sehr unterschiedlich.

Ich sehe jedenfalls die Notwendigkeit, dass wir darüber nachdenken müssen, welche Lektionen wir gelernt haben. Für mich ist jetzt schon klar, dass die Vielfalt von Software und Plattformen in einer Schule nicht förderlich ist. Die geringe Koppelung der digitalen Medien an den Lehrplan ist ebenso abträglich. Auch die unterschiedliche digitale Kompetenz der Lehrer, das lassen wir gerade evaluieren, ist zu vereinheitlichen und zu verbessern. Fortbildung ist eine gute Möglichkeit, um besser gerüstet zu sein. Aber auch das grundsätzliche Verhältnis der Präsenzlehre und des distance learning, da haben wir gemerkt, wir können zu einer neuen Aufgabenteilung kommen.

Die Schule wird an der Digitalisierung auch nach Corona festhalten?

Absolut. Wir haben jetzt gesehen, was digital gut geht, etwa das Wiederholen und das Vertiefen. Aber wir brauchen auch unsere Lehrer bei der Kontrolle und bei der Hilfestellung, aber auch beim Management des individuellen Bildungsprozesses.

Es soll kaum wer durchfallen heuer. Aber bei den Kindern in den Deutschförderklassen können die Kinder schon sitzenbleiben, kritisiert die SPÖ?

Durchfallen ist da der falsche Begriff. Wir schauen uns am Schulende mit geeigneten Diagnoseinstrumenten die Deutschkompetenz an, weil es ja darum geht, ob man die Schüler in den Regelunterricht entlassen kann oder nicht. Das hat nichts mit auf- oder absteigen zu tun, sondern nur mit der Diagnose über den bisherigen Lernprozess.

Aber die letzten Wochen waren für Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse ja nicht gerade förderlich, oder?

Wir werden sehen, aber ja, die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den vergangenen Wochen mehr Kompetenzen erworben haben, ist nicht sehr groß. Es bringt aber auch nichts zu sagen, sie haben die Kompetenzen erworben, wenn sie die  gar nicht haben.

Diese Kinder haben eigentlich keine Lobby, wenn man ehrlich ist.

Deshalb haben wir sie auch gleich ab dem 18. Mai in der zweiten Etappe hereingenommen. Außerdem sind gerade diese Kinder aus den Förderklassen eine Zielgruppe für die Sommerschule, die wir planen.

Gibt es schon mehr Infos zu den Sommerschulen, die in den letzten zwei, drei Augustwochen stattfinden sollen?

Noch nicht, aber es ist klar, dass wir diese Kinder unbedingt erreichen müssen. Wenn möglich freiwillig, damit sie das nächste Schuljahr mit ausreichend Kompetenzen beginnen können. Da wird es ein spezielles Förderangebot geben.

Und wird sich bis zum Schulbeginn im Herbst ändern?

Das Schuljahr wird normal und traditionell beginnen können. Aber ein Lerneffekt auch der letzten Wochen ist, wenn es zu einer zweiten Welle kommt, können wir besser reagieren, weil wir vorbereitet sind. Ich denke nicht, dass es zu einem generellen bundesweiten Shutdown der Schulen kommen könnte. Aber sehr wohl regional, dass hier Maßnahmen gesetzt werden müssen. Weil wir auch klarer sehen, dass wir auf regionale Ursachen reagieren können. Das haben wir verstanden. Das Schuljahr beginnt aber sicher ganz normal.

 

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